Klassische Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Ideal eines Kapellmeisters – zum Tod des Dirigenten Wolfgang Sawallisch

Wolfgang Sawallisch, der Meister der Klarheit, Foto: Angeline BauerStardirigent – diesen Begriff gab es noch nicht, als Wolfgang Sawallisch bald nach dem Zweiten Weltkrieg eine Karriere begann, die ihn in die Welt hinausführte. Er war einer der letzten „Kapellmeister“ in jener alten deutschen Musiktradition, die sich gern mit einem „Diener“ an der Musik, nicht mit einem Selbstdarsteller, verbündete.

In der Musikstadt München wurde Wolfgang Sawallisch am 23. August 1923 geboren, der Geburtsstadt des Dirigenten und Komponisten Richard Strauss, der in seinem musikalischen Universum einem Fixstern glich. München stand für Sawallisch wohl früh als Wunschziel des Musizierens an erster Stelle. Nach Abitur, Kriegsdienst und Münchner Hochschulabschluss sowie den Meisterkursen bei großen Dirigenten wie Hans Rosbaud und Igor Markevitch erhielt Sawallisch mit 24 Jahren seine erste Opernstelle: in Augsburg als Korrepetitor und Kapellmeister. Es folgten die Opernhäuser in Aachen, Wiesbaden und Köln, dann Posten als Chefdirigent teilweise zeitgleich an der Hamburger Staatsoper und bei den Wiener Symphonikern, später kam noch das Genfer Orchestre de la Suisse Romande hinzu. Sawallischs frühes internationales Renommee besiegelten Gastspiele bei den Berliner Philharmonikern und bei den Bayreuther Festspielen, wo er 1957 mit Tristan Furore machte, später mit Tannhäuser, Lohengrin und dem Fliegenden Holländer.

München als Ziel

Die Bayerische Staatoper war lange Jahre Wolfgang Sawallischs wichtigstes Arbeitsfeld, Foto: Bayerische Staatsoper, Wilfried HöslSawallischs Dirigentenkarriere expandierte. Er trat ans Pult bei den Festspielen von Salzburg, Edinburgh und Luzern, er dirigierte an der Mailänder Scala und an Londons Covent Garden Opera. 1969 reiste er zum ersten Mal nach Japan, wurde zum Lieblingsdirigenten der dortigen Musikfreunde, kehrte regelmäßig in die japanischen Konzertsäle zurück. Sein Ziel aber blieb die Bayerische Staatsoper. Von 1971 an „diente“ Sawallisch für mehr als zwei Jahrzehnte Deutschlands größtem Opernhaus. Zuerst als Musikchef, der sich seiner großen Vorgänger Hans Knappertsbusch und Joseph Keilberth als würdig erwies, später auch als Staatsoperndirektor. Sawallisch hat die Münchner Opernkultur der Siebziger- und Achtzigerjahre geprägt, mit fester und sensibler Hand, mit seinem handwerklich vitalen, eleganten Musizierstil einer abgerundeten Klassizität. Die Spielpläne ruhten glücklich auf drei ehernen Münchner Säulen: Mozart, Wagner, Strauss. Zum ersten Mal in der Operngeschichte war er es, der unter weltweiter Resonanz das komplette Opernschaffen Richard Wagners (1982/83) und das von Richard Strauss (1988/89) in geschlossenen Zyklen dirigierte – ein Musiker im Einklang von romantisch empfindsamem Affekt und klugem Formempfinden, von musikalischem Elan, Gefühlstiefe, Noblesse und Notentreue.

Klarheit als Ideal

Der junge Wolfgang Sawallisch in seinem Element, Foto: Decca / Arje PlasIm Interesse der Deutlichkeit, mit diesem Titel schmückte Sawallisch seine Erinnerungen, die er 1988 veröffentlichte. Gemeint war: Musizieren im Dienst der Klarheit, der Disziplin und Selbstbescheidung – das entsprach seinem Lebens- und Kunstgefühl, in dem Ordnungsliebe, Fleiß, Elastizität die Hauptrolle spielten. Musikalische Deutlichkeit als Maß des Musizierens auch am Klavier: Dass Sawallisch ein glänzender Kammermusikpianist und Liedbegleiter war, bei Liederabenden etwa mit Margaret Price, Peter Schreiber, Dietrich Fischer-Dieskau oder Thomas Hampson, ist in Aufnahmen verbürgt. Die Münchener Staatsopern-Ära Sawallisch beförderte eine vielfältige, konservativ-lebendige, von Sängerglück erfüllte Opernkunst, bei der unter den „Säulen“ auch Verdi, Puccini und die deutsche Spieloper ihren Platz fanden, bei der Moderne Orff, Pfitzner, Hindemith und Henze. Auf die neuen Interpretationen jüngerer Regie- und Bühnenkünstler reagierte sie aber zögerlich. Den Glanz der Staatsoper steigerten die frenetisch gefeierten Pult-Auftritte Carlos Kleibers. Im Konzertsaal dominierte Sawallischs so natürliche wie tiefe Zuneigung zu Beethoven, Schubert und Schumann, zu Mendelssohn, Brahms, Bruckner und Strauss. Außerhalb seines Weltbilds lagen die sperrigen Symphonien Mahlers oder die atonalen Werke der Schönberg-Schule, erst recht die Stücke zeitgenössischer Avantgarde.

Philadelphia

Sawallischs Pulttätigkeit weltweit und seine Schallplattenaufnahmen haben ihm jahrzehntelang einen Platz unter den internationalen Spitzendirigenten gesichert. So wunderte sich niemand, als er 1992 das Angebot aus Philadelphia annahm, das Symphony Orchestra als Musikdirektor zu dirigieren, den stolzen Klangkörper einst eines Leopold Stokowski und Eugen Ormandy. Im Interesse musikalischer Deutlichkeit, der Kontrolle und Prägnanz, der Inspiration und künstlerischen, auch menschlichen Teilnahme: Sawallischs Verwurzelung in der Tradition deutscher Klassik und Romantik war in der Orchesterszene Amerikas mit ihrem globalisierten Perfektionsstandard heiß begehrt. Ebenso seine stilistische Vielseitigkeit im weitgespannten musikalischen Repertoire. Bei aller Selbstdisziplin – Sawallischs energischer, federnder Dirigierstil bewahrte einen Zug ins leidenschaftlich Musikantische. Zehn glückliche Jahre bescherte er den amerikanischen Musikfreunden, von denen er sich wegen gesundheitlicher Probleme zu früh zurückziehen musste.

Auch die Plattenaufnahmen aus Philadelphia, wie zuvor diejenigen aus Bayreuth, Berlin, München, Hamburg oder Genf, zeugen von Sawallischs hohem Musikideal: Sein lebhaftes, ehrliches, „deutliches“ Musizieren brachte eine erstaunliche Transparenz und Homogenität des romantischen Orchesterklangs hervor, dank seines von innerer Bewegtheit angetriebenen Künstlertums. Eine urwüchsige Musizierfreude, unverkrampfte Meisterlichkeit, Wärme und Liebe des Musizierens, konnte noch in späten Jahren immer wieder aufblitzen. Wolfgang Sawallisch starb am 22. Februar 2013 in seiner oberbayerischen Wahlheimat Grassau.

Wolfgang Schreiber
war mehr als zwei Jahrzehnte Musikredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ in München. Heute beobachtet er als Autor der „Süddeutschen Zeitung“ und anderer Medien die Klassikmusikkultur in Berlin. Er lebt in Berlin und München.

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März 2013

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