Die Perlen des Betriebs – Konzerthäuser und Identität

Konzerthäuser sind Sahnehäubchen der Kulturpolitik. Jeder eröffnet sie gerne, jeder freut sich an ihrem Erfolg. Aber sie sind auch Verpflichtungen. Teil eins der zweiteiligen Reihe „Konzerthäuser heute“.
Die Musik lebt nicht vom Klang allein. Diese Erkenntnis drängt sich auf, beschäftigt man sich ein bisschen mit der Geschichte von Konzertsälen in der ganzen Welt. Merkwürdigerweise. Denn wird nicht die Notwendigkeit neuer Konzertsäle allerorten ausschließlich damit begründet, dass nur in einem Saal mit allerbester Akustik die Musik auch so klingt, wie sie eben klingen soll? Für die Bedeutung, die so ein Saal später für die Stadt und ihre kulturelle Identität hat, ist die Akustik dann oft aber gar nicht mehr so wichtig. Weltberühmte Säle wie die Royal Albert Hall in London, die Carnegie Hall in New York oder auch das Olympia in Paris leben in erster Linie von der Aura längst vergangener, großer Konzerte. Ein neuer Saal hingegen ist jedoch zuallererst einmal eine größere Hoffnung: dass dort eben dereinst auch einmal legendäre Konzerte stattfinden werden. Ob dieser Wunsch dann später auch erfüllt wird, ist eine andere Frage.
Wunsch und Wirklichkeit
Unstrittig ist immer, dass Kultur ein Gehäuse braucht: der bildende Künstler ein Atelier, eine Galerie und irgendwann ein Museum, das Theater eine Bühne, die Musik einen Konzertsaal. Und eine Stadt, die sich mit Kultur schmückt, möchte nicht nur auf ihre Künstler stolz sein dürfen, sondern auch auf das passende Gebäude dazu. Nicht umsonst erinnern Kulturbauten, die in den letzten 200 Jahren entstanden sind, oft an weltliche Paläste. Und seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sollen sie außerdem als Signum urbaner Fortschrittlichkeit nicht nur funktional überzeugen, sondern architektonisch die Speerspitze der Avantgarde darstellen.
In der Umsetzung können solche Anforderungen freilich schwierig werden, wie die Hansestadt Hamburg leidvoll erfahren muss. An der dortigen Elbphilharmonie nach den Plänen der Stararchitekten Herzog & de Meuron wird seit April 2007 gebaut, mit der Fertigstellung rechnet man mittlerweile erst für 2014, und die Baukosten stiegen von anfangs 77 Millionen Euro auf 476 Millionen, so die Prognose im Frühjahr 2012. Zahlen, die auch in der gegenwärtigen Debatte um einen neuen Konzertsaal für München durchaus eine Rolle spielen. In München will das weltbekannte Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks endlich einen eigenen, richtig guten Saal haben. Die große Philharmonie im 1986 eröffneten Kulturzentrum Gasteig gilt als akustisch mangelhaft und darf überdies von einem anderen Spitzenorchester, den Münchner Philharmonikern, vorrangig belegt werden. So denkt der Freistaat Bayern nun über einen neuen, repräsentativen Konzertsaal auf der Isarinsel beim Deutschen Museum nach.
Hamburg, München, Bochum
Wenn aber alles passt, dann kann ein Konzertsaal das Bild einer Stadt weit über die Grenzen des Landes hinaus prägen, und das erhofft man sich natürlich auch in Hamburg und München. Ein prominentes Beispiel für so eine Entwicklung findet sich in der Schweiz mit Luzern. Die Stadt hat unter Kennern seit 1998 sozusagen einen Ruf wie Donnerhall. Damals öffnete das KKL, das Kultur- und Kongresszentrum Luzern, seine Pforten. Der dortige Konzertsaal, entworfen von Jean Nouvel, gilt als einer der besten der Welt und wird wegen seiner akustischen Idealverhältnisse und den vielen Möglichkeiten, die er der Klangsteuerung gibt, häufig kopiert und paraphrasiert. Die wichtigsten Orchester der Welt gastieren sehr gerne hier und schwärmen regelmäßig.
Wie wichtig so ein Saal für die kulturelle Identität einer Stadt ist, lässt sich am Beispiel von Bochum sehen. Dort hatte man über Jahrzehnte hinweg immer wieder für eine „Bochumer Symphonie“ gekämpft. 2008 beschloss der Stadtrat den Bau, wegen großer Finanzprobleme musste er wieder aufgeschoben werden. Als sich 2011 schließlich überraschend eine Lösung durch zusätzliche EU- und Landesmittel abzeichnete, jubelte der Freundeskreis des künftigen Hauses, der immerhin 14,3 Millionen Euro aus privaten Spenden aufgebracht hat: „Nun aber ist etwas wie ein Wunder geschehen: Bochum wird sein ,Musikzentrum‘ an der Viktoriastraße bekommen!“
Das Konzerthaus, so scheint es, ist mehr als ein Saal für die Bochumer Symphoniker. Es ist auch ein Beispiel dafür, wie selbst krisengeschüttelte Regionen aus so einem Projekt großes Selbstbewusstsein ziehen können. Das gilt selbst dann, sollte der neue Baubeginn für das Musikzentrum im Jahr 2013 möglicherweise noch durch ein Bürgerbegehren gefährdet werden: Die Gegner finden, die Stadt setze sich durch die späteren Betriebskosten unsinnigen finanziellen Risiken aus – ein berechtigter Einwand, dem aber mit umsichtiger Programmplanung begegnet werden kann.
Beispiele mit Signalwirkung
Den Musikfreunden in Dortmund blieben derartige Probleme erspart. Sie haben seit 2002 ihr Konzerthaus. Es gilt heute als eines der besseren in Deutschland und wird von vielen internationalen Stars frequentiert, von Solisten ebenso wie von großen Orchestern. Die Stadtspitze, die anfangs großen Wert darauf legte, dass der Bau nicht zuungunsten von Schulen oder Kindergärten verwirklicht wurde, ist heute stolz auf ihr Haus, das mit 95 Millionen Euro Baukosten vergleichsweise günstig verwirklicht werden konnte.
Ähnliche kulturpolitische Strahlkraft hat auch die Philharmonie Köln entwickelt. 1987 wurde das zwischen Museum Ludwig und Rheinufer gelegene Haus eröffnet, und es funktioniert bis heute hervorragend als Spielstätte für die Philharmonie Gürzenich und das WDR-Orchester sowie drei große private Veranstalter. Und so erhoffen sich auch die Nachbarn in Bonn einiges Renommee von dem dort geplanten, neuen Beethoven-Festspielhaus. Freilich: Auch hier gibt es Widerstand wie in Bochum, vor allem wegen der zu erwartenden Folgekosten.
Fest steht jedenfalls: Konzertsäle stehen immer auch symbolhaft dafür, sich Kultur leisten zu können und zu wollen, ganz unabhängig von der Frage, wie sehr sie künstlerisch notwendig sind für ein Orchester oder das kulturelle Klima einer Stadt. Es ist eben auch eine Prestigefrage, was eine Kommune sich leisten will – und leisten kann. Die Berliner Philharmonie aus dem Jahr 1963, vom Volksmund in schöner Respektlosigkeit „Zirkus Karajani“ genannt, wird als Konzertsaal von den Experten als gut, aber nicht als überragend eingeschätzt. Die Berliner Philharmoniker – unter charismatischen Dirigenten wie einst Herbert von Karajan und heute Simon Rattle – gelten dennoch als Spitzenorchester von Weltrang. Woran das liegt? Die Musik lebt eben nicht nur vom Klang allein.
Ein Opern- oder Konzerthaus zu eröffnen, ist eine Herausforderung. Es auf Dauer erfolgreich zu führen, bedeutet jedoch weit mehr, als nur ein gutes Programm zu machen. Mehr …
arbeitet als Kulturredakteur für die Süddeutsche Zeitung.
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April 2012
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