Mehr ist mehr – Konzerthäuser heute

Ein Opern- oder Konzerthaus zu eröffnen, ist eine Herausforderung. Es auf Dauer erfolgreich zu führen, bedeutet jedoch weit mehr, als nur ein gutes Programm zu machen. Man muss sich das Publikum, das Renommee, die Subventionen in einem sich stetig wandelnden Konkurrenzgefüge erkämpfen. Das bedeutet harte Arbeit, aber es gibt Rezepte. Teil zwei der zweiteiligen Reihe „Konzerthäuser heute“.Die Anforderungen haben sich verändert. Kommunale Konzerthäuser sind nicht mehr Ausdruck eines Bürgerwillens, sondern Institutionen, die von der öffentlichen Hand zu nicht unwesentlichen Anteilen finanziert werden und daher unter einem Legitimationsdruck stehen, den es in ihren Gründungsphasen noch nicht gegeben hat. Sie müssen sich selbst bei ihrer angestammten Klientel gegen die Konkurrenz alternativer Freizeitangebote behaupten, durch größere Attraktivität, durch Erlebnis- oder Bildungsqualitäten, die sie herstellen und die anders nicht zu haben sind. Und weil der demografische Trend im Lande das gegenwärtige und erst recht das zukünftige Publikum zusätzlich zu verkleinern scheint, muss das Publikum der Zukunft verstärkt umworben und ins Haus gelockt werden.
Türschwellen abtragen
Wer aber ist das Publikum der Zukunft? Im Prinzip jeder. Das bedeutet: Das Angebot muss das Ganze der zeitgenössischen Stadtgesellschaft ins Auge fassen, nicht nur die kulturnahen, sondern auch bildungsfernere Schichten; nicht nur die Alteingesessenen, sondern auch alle, die einen Migrationshintergrund haben; nicht nur die gereifteren Jahrgänge, sondern auch junge Leute mit unterschiedlichem Musikgeschmack und eigenwilligen Hörgewohnheiten. Konzerthäuser müssen sich heute auf ganz andere Bedürfnisse ausrichten als ehedem, weil sie sich keine exklusive Attitüde mehr leisten können. Die imaginäre elitäre Türschwelle der Musentempel muss im Interesse der eigenen Zukunft verschwinden.
Publikums-Projekte in deutschen Konzerthäusern scheinen häufig besonders legitimiert zu sein, durch die öffentliche Hand gefördert zu werden. Nur durch Verbreiterung des eigenen Einzugsbereichs kann sich ein kommunales Konzerthaus als kulturelles Gravitationszentrum einer Region, einer Stadt inszenieren. Denn kaum eine Bühne kann sich der Notwendigkeit, die eigene Position auf diese Weise zu markieren, noch entziehen.
Importierte Ideen
Dass man im gegenwärtigen Musikbetrieb allenthalben von „education“ spricht, wenn man „Publikums-Arbeit mit jungen Leuten“ meint, geht nicht nur auf einen landläufigen Hang zum Anglizismus zurück. Und dass der Film, der seit etlichen Jahren als Beispiel für wirkungsvolle Maßnahmen gezeigt und bewundert wird, in Berlin bei Sir Simon Rattles Philharmonikern entstanden ist und den englischen Titel „Rhythm is it!“ trägt, ist auch kein Zufall. Denn die Idee, dass der Musikbetrieb für seinen Publikums-Nachwuchs selbst sorgen müsse, weil das öffentliche Bildungssystem sich dramatisch verschlechtert habe und die Voraussetzungen dafür nicht mehr herstelle, geht auf britische Erfahrungen zurück.
„Education“ ist zu einem unverzichtbaren Teil der Arbeit deutscher Konzerthäuser geworden, die einschlägigen Anstrengungen haben sich während der vergangenen fünf Jahre verdoppelt. So mischt sich heute allenthalben eine nachdrückliche soziale und bildungspolitische Komponente in die Programmarbeit ein. Viele Konzerthäuser haben mittlerweile eigene Abteilungen gebildet, die zielgruppenspezifische Präsentationsformen, Strategien und Repertoires entwerfen.
Trailer zur DVD-Ausgabe des Films "Rhythm Is It" mit Sir Simon Rattle
Neue Angebote
Die Erweiterung des Aufgabenbereichs vollzieht sich dabei auf mindestens drei Ebenen. Erstens sind pädagogische Initiativen entstanden, die dem angestammten Publikum die Musik in Gesprächs-, Informations- und Lernangeboten rund um die Konzerte näher bringen oder neu erschließen wollen. Diese konventionellste Abteilung der Publikumsansprache hat allerdings bereits eine lange Geschichte und erfreut sich ungebrochener Beliebtheit.
Zweitens hat eine intensive Suche nach neuen Publikumssegmenten begonnen – also eine gezielte Ansprache von Schülern, von Anhängern anderer Musiksparten oder von gebildeten, aber eher der Musik gegenüber distanzierten Schichten durch thematische Setzungen und markante programmatische Ideen. Etliche Konzerthäuser von der Philharmonie Köln bis zum Münchner Theater am Gärtnerplatz bieten Jazz-Programme, sowohl in der Glamour-Variante mit internationalen Stars in großen Sälen wie auch in Club-Konzert-Versionen für spezieller interessierte Gruppen.
Darüber hinaus hält die Weltmusik Einzug in die etablierten Säle, vom Fado bis zum Tango und den Kuba-Stars bis zum Alla-Turca-Programm. Mit Weltmusik-Reihen hofft man, Mitbürger mit anderen kulturellen Traditionen anzusprechen und zugleich den Horizont deutscher Konzerthörer zu erweitern. Darüber gibt es neue Veranstaltungstypen wie die Lounge im Konzerthaus oder experimentelle Verbindungen von sogenannter ernster Musik (durchaus nicht unbedingt von Tonträgern stammend, sondern live vom großen Orchester gespielt) mit DJ-Auftritten in Flackerlicht-Sälen. Solche Veranstaltungen lassen die schon etwas in die Jahre gekommenen Crossover-Projekte, etwa zur Verbindung von ernster Musik und Unterhaltungsmusik, alt aussehen. Auch hier ist das Spektrum groß und reicht von Clubbing-Events etwa in Berlin bis hin zu Orchesterkonzerten mit Musik für Computerspiele in Leipzig oder Köln.
Jugend im Blick
Drittens wird der Musik zunehmend ein soziokulturell wirksames Potenzial beigemessen, eine Fähigkeit zur Befriedung von sozialen Konfliktlagen. Hier spielt das Beispiel El Sistema in Venezuela eine global vorbildhafte Rolle, das seit 1975 auf direkte und unkomplizierte Weise Kinder aus sozial benachteiligten Schichten an das Musikmachen im klassischen Orchester heranführt. Gleichzeitig hat es es zahlreiche ähnliche Projekte in Nordamerika und England, aber auch deutsche Initiativen wie „Jedem Kind ein Instrument“ inspiriert. Die schon vor Fertigstellung ihres Baus aktive Hamburger Elbphilharmonie wiederum bietet an sozialen Brennpunkten der Stadt Schlagzeug-Workshops an und sorgt dafür, dass es immer ein Abschluss-Konzert im Stammhaus – bis zur Eröffnung des neuen Gebäudes noch die Laeiszhalle – gibt.
Grundsätzlich geht es bei der Ansprache von Jugendlichen darum, ein positives Erlebnis zu vermitteln, das sie an Musik, möglichst an die soziale Form des im Kern klassischen Konzerts und am besten an das jeweils städtische Konzerthaus, bindet. Nur wenn das gelingt, besteht die Aussicht, dass sie später bereit sein werden, Zeit aufzuwenden und die normalen Eintrittspreise zu zahlen, um Musik auf der Bühne zu erleben. Geschieht das nicht, sind sie dauerhaft als Publikum verloren. Der Musikbetrieb aber will und kann heute kein Publikumssegment mehr vorschnell aufgeben.
Die neue programmatische Selbst-Fundierung der Konzerthäuser ist daher einerseits pragmatische Reaktion auf Defizite des Bildungssystems, die den Musikbetrieb von künftigen Publikumsströmen abzuschneiden drohen, andererseits auch Folge der Tatsache, dass sie zunehmend unter öffentlichen Druck zu geraten drohen. Es kommt darauf an, neue Verbindungen zwischen Publikumsinteressen und Musikformen herzustellen. Nur so kann aus Vorhandenem etwas Neues entstehen, nur so kann sich aus Gruppen von Musikhörern ein neues Konzertpublikum bilden. Und nur das Auffinden oder die aktive Pflege eines neuen Publikums taugt nachhaltig zur Legitimation eines Konzerthauses. Viele Programmplaner haben diese Zeichen der Zeit erkannt und arbeiten gegen den Sparteufel an, von der „Oper für alle“ bis zur Lounge im Club.
Konzerthäuser sind Sahnehäubchen der Kulturpolitik. Jeder eröffnet sie gerne, jeder freut sich an ihrem Erfolg. Aber sie sind auch Verpflichtungen. Mehr …
ist freier Journalist, schreibt regelmäßig für die Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung und neue musik zeitung über moderne Musik und Jazz.
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Juni 2012
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