Neue Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Stiche gegen Standardisierung – das Festival „Eclat“

Eclat Festival / Martin SigmundDem Stuttgarter Eclat-Festival steht ein Wechsel bevor. Denn zum letzten Mal leitete Hans-Peter Jahn im Februar 2013 diesen angesehenen Treffpunkt für Neue Musik, dem er über die Jahre hinweg zu internationalem Profil verholfen hat. Ein Resümee mit Ausblick.

Das Stuttgarter Eclat-Festival präsentierte 2013 nicht nur Konzerte, sondern auch Markus Hechtles Tanztheater Minotaurus unter der Regie von Thierry Bruel, Foto: Eclat-Festival / Martin SigmundMarkus Hechtles „Minotaurus“, Foto: Eclat / Martin Sigmund

Hans-Peter Jahn hat ganze Arbeit geleistet. Denn unter seiner Leitung avancierte das Eclat-Festival vom regionalen zum international wahrgenommenen Fixpunkt in der Welt der Neuen Musik. 1979 als „Tage für Neue Musik Stuttgart“ begründet, wurde das 1997 zu „Eclat“ umbenannte viertägige Festival seit 1983 von Hans-Peter Jahn geleitet, der zu seinem 65. Geburtstag jetzt in Pension geht. Ebenso ideenreich wie eigenwillig sorgte er ab 1989 auch als leitender Redakteur für Neue Musik beim damaligen SDR und jetzigen SWR Stuttgart für die Vergabe von Kompositionsaufträgen, die das Festival überhaupt erst zu dem lebendigen Forum zeitgenössischen Musikschaffens machten, als das es deutschlandweit und international geschätzt wird. Zugleich stichelte Jahn immer wieder gerne gegen die übersteigerte Neuheitensucht von Uraufführungsfestivals bei gleichzeitig grassierendem Akademismus, indem er in homöopathischen Dosen auch opulente Neoromantik programmierte oder neue Vokalwerke in Dialog mit Liedern und Chören von Schubert und Schumann brachte.

Zum Beispiel Stilbrüche

Simon Steen-Andersens multimediales Klangtheater „Inszenierte Nacht“ (Foto: Andrew Digby, ensemble ascolta) mit ungewöhnlich interpretierten Klassikern der Literatur spielte mit den Stilen, Foto: Eclat-Festival / Martin Sigmund2013 sorgte Simon Steen-Andersen mit Lesungen nach den Buchstaben der Klassiker für belebende Stilbrüche. In einer Art Late-Night-Show im Stuttgarter Theaterhaus verwandelte er neben Werken von Bach, Schumann und Ravel auch Mozarts fulminante Rachearie der Königin der Nacht zu einer grellen Trash-Version. Statt wie üblich eine Sopranistin ließ der 1976 geborene Däne den Trompeter des Ensemble Ascolta singen und dessen Stimme elektronisch ins Monsterhaft-Schrille verzerren. Doch trotz grotesker Verfremdung wirkte die expressive Substanz der Musik nicht nur konterkariert, sondern erstaunlicherweise geradezu potenziert: Eine gelungene Rettung des zu Tode gespielten Klassikers durch surrealistische Kolportage.

Eingefahrene Veranstaltungsmuster durchkreuzt das viertägige Festival auch mit verschiedenen Besetzungen im selben Konzert, um die strapazierte Wahrnehmung stets neu zu justieren. Im Wechsel spielten diesmal das Ensemble Modern, der Akkordeon-Solist Teodoro Anzellotti und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart. Weitere Auftritte hatten das ausgezeichnete SWR Vokalensemble, das Arditti Quartett, das Aleph Gitarrenquartett, das Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR und verschiedene solistische Formationen. Mit Bernhard Langs Hermetica schickten die Neuen Vocalsolisten das Publikum regelrecht auf eine Gratwanderung. Denn der auf Basis von Fantasiesprachen komponierte Gesang schwankt fortwährend zwischen unverständlichem Text, reiner Lautartikulation und expressiv eindeutigen Vokalgesten. Für ein heiteres Intermezzo sorgte Stühle Rücken von Thomas Witzmann, der den sonst lästigen und zeitraubenden Bühnenumbau – wie ihn individuell besetzte Werke der neuen Musik erfordern – als virtuose Performance mit Notenständern und Stühlen lustvoll auskomponierte.

Musiktheater als Passion

Beeindruckende Bilder: Nicola Gründel als Protagonistin des Tanztheaters „Minotaurus“ nach einer Vorlage von Friedrich Dürrenmatt, Foto: Eclat-Festival / Martin SigmundHans-Peter Jahns größte Leidenschaft war das Musiktheater. Mindestens eine, oft mehrere Produktionen bildeten jedes Jahr einen eigenen Schwerpunkt. 2013 war Markus Hechtles Minotaurus nach der gleichnamigen Ballade von Friedrich Dürrenmatt zu erleben. Die Geschichte des Doppelwesens aus Stier und Mensch wird hier nicht nach der altgriechischen Mythologie aus Sicht des siegreichen Helden Theseus erzählt. Stattdessen schildert die überragende Schauspielerin Nicola Gründel die Innenperspektive des Zeit seines Lebens in einem gläsernen Labyrinth eingeschlossenen und mangels eines realen Gegenübers sich seiner selbst und seiner Situation kaum bewussten Untiers. Wie bei einem Monodram spricht einzig sie allein ständig parallel zum konsequent einstimmig mitspielenden Klavier als metaphorischem Spiegelbild dieser Kreatur. Weitere prismatische Brechungen schafft das hoch konzentriert mitatmende Ensemble Modern unter Leitung von Clemens Heil. Als endlich Theseus mit einer Stiermaske erscheint, erkennt der Minotaurus in diesem erstmals ein „Du“. Doch während das Monster im Freudentanz über die von ihm erträumte Freundschaft gerade so etwas wie eine Menschwerdung erfährt, stößt ihm sein Gegner den tödlichen Dolch in die Brust.

Zukunftspläne des Eclat-Festivals

Jahns Nachfolger wird der aus Berlin kommende Musikjournalist Björn Gottstein. Gemeinsam mit Christine Fischer – die als Intendantin der Veranstalterorganisation Musik der Jahrhunderte schon lange mit der Organisation von Eclat betraut ist – will Gottstein das Festival nach und nach ergänzen, durch Klanginstallationen, Elektronik, Experimentelles sowie Projekte im Grenzbereich von Komposition und Improvisation, von Tanz, Bildender Kunst und Medienkunst. Bei SWR2 wird Gottstein jedoch nur noch mit einer halben Stelle angestellt, weil man dort Personalkosten einspart. Zwar will sich der Sender weiterhin mit seiner Neue-Musik-Reihe Attacca bei Eclat beteiligen. Aber die Fusion des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR mit dem SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg wird ab 2016 unweigerlich zur Halbierung der bisher für beide Klangkörper vergebenen Kompositionsaufträge führen. Ebenso leicht lässt sich dann auch das Engagement des neuen Einheitsorchesters in Stuttgart und bei den Donaueschinger Musiktagen gegeneinander aufrechnen. So droht zusammengestrichen zu werden, was bislang mit je eigenem programmatischem Profil im Oktober beziehungsweise Februar den internationalen Festivalkalender wunderbar ergänzte.

Abschied mit Ausblick

Hans-Peter Jahn (Foto), Visionär der ersten Stunde und bisheriger künstlerischer Leiter, übergibt die Führung des Eclat-Festivals 2014 an den Musikwissenschaftler Björn Gottstein, Foto: Eclat-Festival / Jürgen PalmerFür sein Abschiedsfestival versammelte Jahn daher noch einmal Werke von Komponisten, die er schon in den vergangenen Jahren regelmäßig eingeladen hatte: Jörg Widmann, Matthias Pintscher, Martin Smolka, Manuel Hidalgo, Hanspeter Kyburz, Hans Zender, Helmut Lachenmann und natürlich Wolfgang Rihm. Die verschleierten Akkordbögen von dessen Streichquintett mit dem bezeichnenden Epilog beschworen unverkennbar Schuberts berückendes C-Dur-Streichquintett. Doch indem die beiden Violoncelli den choralartigen Satz der hohen Streicher mit aggressiven Pizzikati förmlich in die Zange nehmen, tritt das Bisherige zurück und bleibt doch in untilgbaren Spuren erhalten – bis zum verlöschenden Ende: Ein würdigender Abschiedsgruß für Hans-Peter Jahn. Und eine Herausforderung für seinen Nachfolger, der die Staffel auf hohem Niveau übernimmt.

Rainer Nonnenmann,
Professor für Musikwissenschaft, wirkt als freiberuflicher Musikjournalist und lehrt an den Musikhochschulen in Köln und Düsseldorf.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2013

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