Neue Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Der Klang der Städte

Mark Andre; Foto: Manu Theobald; Copyright: Siemens Arts Program16 Komponisten schickt das Siemens Arts Program im Rahmen des Projekts into für einen Monat in große städtische Zentren. Dort sollen sie nach ganz eigenen Vorstellungen Aspekte städtischer Kultur und Tradition studieren und in Musik umsetzen.

Der in München beheimatete Weltkonzern Siemens fördert seit 1987 zeitgenössische Kunst aller Art mit großangelegten und innovativen Projekten. Kooperationspartner für into ist das Ensemble Modern, das wohl profilierteste deutsche Ensemble für Neue Musik. Und auch die örtlichen Goethe-Institute sind involviert, unterstützen die Komponisten bei ihrer konkreten Arbeit. Gemeinsam hat man 16 Komponisten, die meisten davon leben in Deutschland, aufgefordert, nach Istanbul, Dubai, Johannesburg oder ins Pearl River Delta zu reisen. Es sind Riesenstädte, gegen die die deutsche Hauptstadt Berlin wie eine gemütliche Kleinstadt wirkt. Und es sind Kristallisationspunkte für die Urbanität des 21. Jahrhunderts, Ausdruck einer Entwicklung hin zu immer größeren, immer multikulturelleren urbanen Großräumen.

Nun hat die Vorstellung, sich durch Reisen ins Unbekannte inspirieren zu lassen, unter Musikern durchaus Tradition: Schon Schubert thematisierte in seiner Musik in vielfältiger Weise die Figur des Wanderers, bei Schumann und Mendelssohn wird die Begegnung mit dem Fremden dann zum romantischen Topos. Auch später, bei Richard Strauss, Mahler oder Charles Ives stand dabei aber vor allem das Naturerlebnis im Vordergrund. Erst in jüngerer Zeit geraten die Städte ins Blickfeld, was nicht überraschen kann, denn seit kurzem leben mehr als die Hälfte der Menschen weltweit in Städten, Tendenz steigend.

Neue Musik als Seismograph für die Zivilisation der Zukunft?

Jörg Widmann im Gespräch mit dem Komponisten, Udspieler und Experten für arabische Musik Nasser Abaidoh von der Music Chamber Dubai; Foto: Manu Theobald; Copyright: Siemens Arts ProgramDie neuen Megastädte sind schnell und beängstigend unkontrolliert wachsende Konglomerate, Schmelztiegel vieler Ethnien und Kulturen. Dass Filmemacher oder auch Popmusiker sich dieser Entwicklung annehmen und aus ihr kreatives Potenzial schlagen können, ist klar. Denn diese Künste sind in der Alltagskultur fest verankert und können Neues leicht aufnehmen. Viel heikler ist da die Situation der Neuen Musik, die ja schon in der mitteleuropäischen Hochkultur eine Randerscheinung darstellt. Was das Siemens Arts Program aber nicht davon abhält, gerade hier anzusetzen: Die ausgewählten Komponisten werden in Städte entsandt, die weit weg vom europäischen Kulturleben stehen, und Neue Musik sicher nicht zu ihrer Grundausstattung zählen.

Beispiel Pearl River Delta in China: Hier wächst aus drei Städten ein riesiges Ballungsgebiet zusammen. Wovon mag sich ein deutscher Komponist, dort hineingeworfen, wohl inspirieren lassen? Johannes Schöllhorn, einer der vier Reisenden, befasst sich vor allem mit Wasser, mit der Bedeutung, die dieses lebenswichtige Element für das Pearl River Delta hat. Oder Johannesburg: Die Arbeitsimmigranten anziehende, von sozialen Verwerfungen gezeichnete Stadt hat ihre ganz eigenen Gerüche, ihre ganz eigenes Licht, Luke Bedford lässt sich davon inspirieren. Für Markus Hechtle wiederum steht die Lyrik Arabiens im Vordergrund, wenn er nach Dubai, dieser aufstrebenden, hypermodernen Metropole im Wüstensand reist.

Istanbul macht den Anfang

Lars Petter Hagen; Foto: Manu Theobald; Copyright: Siemens Arts ProgramDavon wird man aber erst etwas später hören, das Projekt hat gerade begonnen und erstreckt sich bis Mai 2009. Im Februar begann into in Istanbul, der wohl ältesten und traditionsreichsten unter den ausgewählten Städten. Der Komponist Beat Furrer hat hier in einer Moschee eine wunderbare arabische Melodie gehört. Vor allem die Körperresonanzen des Imams, die die einstimmige Musik in ständig neue Klangnuancen hüllt, haben ihn fasziniert. In seinem Stück nutzt er die Melodie und unterwirft sie vielfältigen Klangmanipulationen. Der russische Komponist Vladimir Tarnopolski war von den verschiedenen Musikkulturen, die in Istanbul nebeneinander existieren, fasziniert. Auch er hatte in einer Kirche ein prägendes Erlebnis, in der byzantinischen Chora-Kirche nämlich. Ein Melodiemuster, das mit subtilen zeitlichen Versetzungen aus verschiedenen Teilen des Gebäudes kamen, nutzt er als Grundlage für sein Werk Eastanbul. Der in Paris geborene Komponist Mark Andre hingegen kam mit sehr klaren Vorstellungen in die Stadt am Bosporus: Er machte Aufnahmen von Alltagsklängen, beispielsweise leise geflüsterte Worte von Krankenhauspatienten. Aber auch die Akustik verschiedenster Kirchen hat er mit Hilfe eines Tontechnikers analysiert. Die Resultate dieser akustischen Feldforschung sind in komplexer Weise in sein Werk üg (für Übergang) eingearbeitet.

Das Eigene im Fremden

Mark Andre; Foto: Manu Theobald; Copyright: Siemens Arts ProgramWenn das Reisen in die Fremde ein Topos der Kunst ist, dann natürlich vor allem deshalb, weil man dort hofft, das Eigene zu finden. Das nämlich, was man aus Gewohnheit nicht mehr sehen und erst durch den Bruch aller Gewohnheiten wieder gewinnen kann. In diesem Sinne sollte man nicht davon ausgehen, dass die 16 Komponisten so etwas wie eine Essenz der besuchten Städte in Musik hörbar machen können. Aber es mag sein, dass die Konfrontation mit der Fremde ungeahnte Potentiale in ihnen freisetzt, bislang unbekannte Seiten ihrer Musikalität zur Entfaltung bringt. Wir werden die 16 Komponisten vielleicht in neuer Weise hören. Den Anfang machten die Istanbul-Reisenden: Ihre Werke wurden am 11. Oktober 2008 in der Alten Oper Frankfurt uraufgeführt, am 14. Oktober war das Ensemble Modern dann zu Gast im Berliner Konzerthaus.

Ulrich Pollmann
ist Musikjournalist und Musiker. Er schreibt regelmäßig für den Berliner Tagesspiegel, die Märkische Allgemeine und verschiedene Fachzeitschriften

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Oktober 2008

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