Neue Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Global Play der Individualisten – das Musikprojekt „into ...“

Johannesburg - Lars Petter Hagen nimmt ein Vuvuzelakonzert auf; Foto: Manu TheobaldDas Musikprojekt „into…“ des Ensemble Modern und des Siemens Arts Program, in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut, stellt den Versuch dar, musikalisch das Wesen einer Stadt zu ergründen.

Es gibt wunderschöne Beschreibungen von Städten, Gedichte und Bildbände. „Doch wie klingt das Herz der Stadt?“, das haben sich Jens Cording, Leiter des Siemens Arts Program in München und Roland Diry, Geschäftsführer des Ensemble Modern gefragt. Sie ließen eine Studie über die Migration anfertigen und luden Komponisten ein, ihre Eindrücke von vier zukunftsträchtigen Megastädten der Welt in Musik vom Ensemble Modern zum Klingen zu bringen. In vier Konzerten präsentierten sie musikalische Perspektiven aus Istanbul, Dubai, Johannesburg und Pearl River Delta.

Der Zugang zum Ort war so individuell wie die Persönlichkeit der Komponisten. Von einigen erfuhr man weniger über die Städte als über die Arbeitsweise der Komponisten. Die Mitarbeiter der Goethe-Institute ermöglichten es den Komponisten, sich ein ganz persönliches Bild zu machen. Sie haben sie mit der fremden Umgebung vertraut gemacht und ihnen Begegnungen mit wichtigen Vertretern unterschiedlichster Kunst- und Wissenschaftssparten ermöglicht. Während der Aufenthalte wurden Musikveranstaltungen organisiert und intensive Gespräche über Musik angeregt.

into Istanbul

Istanbul, Foto: Manu TheobaldDie intensivsten Werke entstanden über Istanbul. Die kulturell reiche Stadt am Bosporus an der Schwelle Asiens zu Europa beflügelte die Fantasie und verzauberte die Komponisten. In einem Bild des türkischen Malers Osman Hamdi Bey mit dem Titel Der Schildkrötenerzieher explodierte für den israelisch-palästinensichen 39-jährigen Samir Odeh-Tamimi der Gesang der Muezzin, der Lärm aus den Straßen, die Bilder von Synagogen und Brücken. Cihangir ist seine Liebeserklärung an die Stadt. Beat Furrer, österreichisch-schweizer Herkunft, war fasziniert vom „unglaublich vollendeten Gesang“ des Imam der Sultan Achmet Moschee. Er gab den Impuls zu Xenos – das bedeutet auf Neugriechisch „der Fremde“ und im Altgriechischen „Gastlichkeit“. Für den 54jährigen russischen Komponisten Vladimir Tarnopolski wurde in der persönlichen Begegnung mit Istanbul aus seiner ursprünglichen Vorstellung eines „Westanbul“ sein Eastanbul. Der französische Komponist Mark Andre ließ Innenräume miteinander verschmelzen: die Moscheen in Istanbul und mit den westlichen Konzertsälen, Menschen aus Istanbul und Stuttgart, die ihre Namen flüstern. Sein Üg ist abgeleitet von „Übergang“.

into Johannesburg

Johannesburg; Foto: Manu TheobaldIn Johannesburg war man mit Angst und Gewalt konfrontiert, die unter einer nach Menschlichkeit und friedlichem Zusammenleben sich sehnenden Oberfläche immer wieder hervorbrach. Wie aus dem inneren Puls der Erde, mahnend wie alte Seelen drangen die Klänge aus den Tiefen der alten Goldminen in das Werk der 46-jährigen Lucia Ronchetti in Rumori da monumenti. In Johannesburg wäre der 36-jährige Dortmunder Jörg Birkenkötter gern durch die Straßen geschlendert, da dies aus Sicherheitsgründen nur eingeschränkt möglich ist, schrieb er eine musikalische Schlenderei with keys ..., der 34-jährige Norweger Lars Petter Hagen ließ in seinen Johannesburg Hymns auch Vuvuzuelas mitspielen, Instrumente die den Protest der Menschen zum Ausdruck bringen und zur Fußballweltmeisterschaft 2010 wohl verboten werden. Der 31-jährige Engländer Luke Bedford fühlte eine permanente Angst und suchte nach einem Refugium auf dem Hügel mit Blick über die Stadt By the Screen in the Sun at the Hill on the Gold.

into Dubai

Dubai; Foto: Manu TheobaldDubai, die Stadt in der Wüste, deren schöner Schein eines paradiesischen Schlaraffenlandes große Risse bekommen hat, zeigte sich verschlossen. Die wahre Kultur ist hinter Sultanstüren und einer starken arabischen Kultur und in der Wüste verborgen. Alle Komponisten sprachen davon, doch ihre Musik spricht vom Alltagsleben. Der 36-jährige Münchner Jörg Widmann schrieb Dubairische Tänze, den 42-jährigen Karlsruher Marcus Hechtle führte das Bewusstsein von 1.000 Jahren Musikverbot in Dubai zu Leere Viertel, der 34-jährige ungarische Komponist Márton Illés entdeckte kleinste Tierchen in der Megacity für seine Scene polidimensionali XVI „...Körök“, der 37-jährige Litauer Vykintas Baltakas besuchte Menschen auf Märkten und Fahrstühle und suchte nach Authentizität der Kultur in seinem Lift to Dubai.

into Pearl River Delta

Pearl River Delta; Foto: Johannes ListIn diesem unfassbar großen Pearl River Delta entdeckten die Komponisten die Faszination an den kleinen Alltagsgesten wieder, die das Leben menschlich und liebenswert machen: das Lächeln der Bedienung in der Suppenküche, die einen wiedererkennt, die Bedeutung des eigenen Standpunktes, ob am Fließband oder an einem Ort, in dem man rundum in die Ferne blickt. Die 48-jährige koreanische Komponistin Unsuk Chin entdeckte ihre Gougalon-Szenen im Straßentheater wieder. Den 47-jährigen Johannes Schöllhorn faszinierte die dörfliche Ruhe beim Erlaufen der Wolkenkratzer-Glitzerwelt und schrieb über ein Niemandsland. Der 33-jährige schottische Komponist David Fennessy entdeckte das Individuum in den Massenproduktionsstätten in 13 Factories. Der 57-jährige Heiner Goebbels fand keine Töne für das Ensemble Modern, er nahm eine Taxifahrt in Hong-Kong auf und bearbeitete den Klang in seinem häuslichen Studio, der Titel: out of. Der 54-jährige Brite Benedict Mason besann sich auf seine Anfänge als Filmemacher und ließ das Ensemble Modern den chinesisch anmutenden Sound live dazu spielen. In seinem Film war er im Wesentlichen kleinen Alltagssituationen auf der Spur. Als Titel malte er ein Fantasiezeichen der chinesischen Sprache.

Margarete Zander
arbeitet als Kultur-Journalistin für verschiedene Rundfunkanstalten der ARD (u.a. NDR Kultur, WDR 3, Kulturradio vom RBB) und schreibt u.a. für NZfM. Sie ist Mitglied diverser Fachjurys, Kuratorin des Festivals “UltraSchall” für neue Musik für Kulturradio vom RBB und seit 2009 Jurymitglied des Karl Sczuka-Preises.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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