Neue Musik aus Deutschland – Aktuelle Tendenzen

Darmstadt zwischen Klassenzimmer und Clubkonzert – die Darmstädter Ferienkurse 2010

Internationales Musikinstitut Darmstadt, 45. Internationale Ferienkurse für neue Musik unter der Leitung von Thomas Schäfer, Foto: Albrecht HaagDie 45. Darmstädter Ferienkurse für neue Musik fanden 2010 erstmals unter der Leitung von Thomas Schäfer statt. Er hat die traditionsreiche Veranstaltung organisatorisch und ästhetisch geöffnet.

Die Zeit der großen Gefechte ist lange vorbei. So wie das Publikum heute keine Stühle mehr zertrümmert, wenn ihm ein Stück nicht gefällt, liefern sich auch Komponisten heute keine verbitterten Fehden mehr. In den 1950er- und 1960er-Jahren hingegen wurde Darmstadt zum Ort heftiger ästhetischer Debatten. Junge Komponisten hätten damals im Zug nach Darmstadt gesessen und wild in ihren Partituren herumradiert, in der Hoffnung, dass sie Pierre Boulez dann besser gefielen, machte sich einst Hans Werner Henze über den ästhetischen Druck lustig, der damals von Darmstadt ausging. Und auch Ligeti stellte später befremdet fest, dass, wer dazugehören wollte, „komplizierte Partituren arbeiten“ musste, um dann „mit gerunzelter Stirn“ darüber zu diskutieren.

Die Wiege der neuen Musik

Internationales Musikinstitut Darmstadt, 45. Internationale Ferienkurse für neue Musik, Workshop; Foto: Anja TrautmannTatsächlich wurden die Ferienkurse in den 1950er-Jahren von einem verschworenen Kreis dominiert. Die wohl berühmtesten Komponisten der Nachkriegsavantgarde, Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen, erlebten hier ihren Durchbruch. Und sofern es diesen Komponisten gelang, die öffentliche Wahrnehmung der Avantgarde bis weit in die 1960er-Jahre hinein zu prägen, galten die Ferienkurse auch als Wiege der neuen Musik. Dabei hatte Wolfgang Steinecke, damals Kulturreferent der Stadt Darmstadt, die Ferienkurse 1946 ursprünglich aus ganz einem anderen Grund ins Leben gerufen. Denn zunächst einmal galt es, die durch den Nationalsozialismus entstandene Wissenslücke zu schließen. Es wurden deshalb zahlreiche Komponisten, Musiker und Wissenschaftler eingeladen, die ins Exil gegangen waren, darunter Hermann Scherchen, Arnold Schönberg (der krankheitsbedingt absagte) und Theodor W. Adorno. Im Mittelpunkt sollte der Unterricht stehen und hier vor allem die Fortbildung von Instrumentalisten. Es wurden aber in Darmstadt auch Vorträge, Präsentationen und Konzerte angeboten, die der Diskussionskultur zugute kamen. John Cage schockierte die Teilnehmer 1958 mit seinen Thesen zur Indeterminacy und 1961 hielt Adorno seinen provokativen Vortrag Vers une musique informelle. So kam es dann zu jener Aufbruchsstimmung, die den jungen Komponisten das Gefühl vermittelten, an einer bedeutenden historischen Wende teilzuhaben.

New Complexity und neue Einfachheit

Internationales Musikinstitut Darmstadt, 45. Internationale Ferienkurse für neue Musik, Atelier Electronik mit Christian Fennesz; Foto: Anja TrautmannDie Namen großer Komponisten zieren und prägen die Geschichte der Darmstädter Institution. Die ältere Generation um Ernst Krenek, Edgard Varèse und Olivier Messiaen traf auf Bruno Maderna, Henri Pousseur, Josef Anton Riedl, Mauricio Kagel. In den 1970er-Jahren prägten Brian Ferneyhough als Vertreter der New Complexity und Helmut Lachenmann mit seinem postseriellen Ansatz das Profil der Ferienkurse. Als Wolfgang Rihm, Hans-Jürgen von Bose und Wolfgang von Schweinitz 1978 mit ihren auf Verständlichkeit und Emotionalität setzenden Partituren unter dem Schlagwort „Neue Einfachheit“ subsumiert wurden, entfachte wieder einmal eine Debatte über die Legitimität und die Zukunft der neue Musik. Rihm rechtfertigte seine „Sehnsucht nach Vereinfachung“. Lachenmann konterte: „Musikalisch darf heute wieder ins Bett gemacht werden.“

Aber die Zeit der großen Gefechte ist, wie gesagt, lange vorbei. Die Darmstädter Ferienkurse, die seit 1970 im Zweijahresturnus stattfinden, sind im Laufe der Jahre zu dem geworden, was sie von Anfang an haben sein sollen: einem Ort des Austausches und der Wissensvermittlung. Unter der Leitung von Ernst Thomas (1962–82), Friedrich Hommel (1981–94) und Solf Schaefer (1995–2008) stand das Lehrer-Schüler-Verhältnis und nicht das marktschreierische Manifest zusehends im Zentrum. Gleichwohl ist die Atmosphäre der Ferienkurse schon aufgrund der Jahreszeit (Juli) und der Kursdauer (zwei bis drei Wochen) natürlich zu Gesprächen und Debatten angetan. Die abendlichen Konzerte rufen Kontroversen hervor, die vielleicht nicht mehr so vehement geführt werden wie früher, die an Substanz und Brisanz deshalb aber nichts verloren haben.

Aufbruch 2010

Internationales Musikinstitut Darmstadt, 45. Internationale Ferienkurse für neue Musik: Open Space; Foto: Albrecht Haag2010 standen die Ferienkurse erstmals unter der Leitung von Thomas Schäfer. Schäfer hat das Prinzip der Ferienkurse nicht umgekrempelt oder gar revolutioniert. Trotzdem geht mit seiner Leitung ein Neuanfang einher. Der Open Space, das Atelier Elektronik, und eine Schreibwerkstatt für angehende Musikjournalisten gehörten zu den Einrichtungen, die andere Formen der Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Tonkunst ermöglichen sollten. Dabei geht vor allem die Idee des Open Space auf das seit Jahrzehnten bestehende Bedürfnis der Teilnehmer zurück, eigene Arbeiten in Darmstadt vorzustellen. In diesem Jahr konnte sich jeder eines von acht Klassenzimmern buchen und dort von einer Einführung in die Klangmöglichkeiten der Zither bis hin zum „Microtonal Dinner“ alles präsentieren, was ihm in den Sinn kam. Mit über 100 Veranstaltungen hat sich dieses Konzept sofort durchgesetzt.

Internationales Musikinstitut Darmstadt, 45. Internationale Ferienkurse für neue Musik, Francisco López im Club „603qm“; Foto: Anja TrautmannDas Atelier Elektronik sorgte seinerseits für eine Technifizierung des Diskurses. Die Verwendung elektronischer Speichermedien, vom Synthesizer bis zum Computer, ist unter jungen Komponisten längst selbstverständlich geworden. Jetzt konnten junge Elektroniker in Darmstadt die Feinheiten neuer Technologien in fünf Ateliers erarbeiten. Orm Finnendahl suchte in seinem Kurs nach Konzepten, die die Interaktion zwischen Mensch und Maschine vertiefen. Ludger Brümmer eruierte die Möglichkeiten von Softwareinstrumenten. Und dann waren da noch Christian Fennesz und Francisco López, der Wiener Laptopmusiker und der Fieldrecording-Künstler aus Madrid, die beide sonst eher nicht mit der akademischen neuen Musik assoziiert werden. Fennesz, der als Rockgitarrist sozialisiert wurde, und López, der ursprünglich Meeresbiologie studierte, öffneten Darmstadt in diesem Jahr für popmusikalische und experimentelle Strömungen am Rande der Avantgarde. Präsentiert wurden die Konzerte des Ateliers Elektronik überdies in der heimeligen Club-Atmosphäre des „603qm“. Und da hatte man schon das Gefühl, dass die neue Musik auch 2010 noch im Wortsinne „neu“ ist, dass sie sich fortwährend weiter entwickelt und dass die letzte ästhetische Debatte noch lange nicht geführt worden ist.

Björn Gottstein
ist Musikjournalist mit den Arbeitsschwerpunkten Moderne, Avantgarde und elektronische Musik. Er moderiert regelmäßig Neue-Musik-Sendungen für den Westdeutschen Rundfunk und realisiert Musikfeatures für den Bayrischen Rundfunk, den Südwestrundfunk, den Hessischen Rundfunk und Deutschlandradio Kultur. Als Kritiker ist er unter anderem für die taz und zahlreiche Fachzeitschriften tätig. Seit 2005 ist er Redaktionsbeirat der Zeitschrift Positionen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2010

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