Ganzes im Blick – das Ensemblehaus Freiburg

Das im Mai 2012 neu eröffnete Ensemblehaus Freiburg bietet dem Ensemble Recherche und dem Freiburger Barockorchester eine gemeinsame Heimat. Ein bisher in Deutschland einzigartiges Projekt mit Vorbildcharakter.
Von der Straße aus ist das Ensemblehaus Freiburg nicht zu sehen. Es liegt im Rücken der großen, in den 1950er-Jahren gebauten, weißen Stadthalle, in der im Augenblick die Universitätsbibliothek untergebracht ist und langfristig die Musikschule einziehen soll. Aber auch, wenn man direkt vor dem dunklen, kompakten Gebäude steht, kann man sich noch nicht vorstellen, was sich dahinter verbirgt. Man muss schon hineingehen und den breiten, lichtdurchfluteten Flur auf sich wirken lassen, um zu erahnen, dass das Ensemblehaus Freiburg etwas Besonderes in der deutschen Kulturlandschaft ist.
Ein Haus, zwei Welten
In diesem Gebäude arbeiten seit Mai 2012 zwei international bekannte Ensembles mit unterschiedlichem Profil gemeinsam. Das auf Alte Musik spezialisierte Freiburger Barockorchester und das Ensemble Recherche, das sich den Werken des 20. und 21. Jahrhunderts widmet, teilen sich die Büro- und Probenräume. Man arbeitet Tür an Tür und hofft auf gegenseitige inhaltliche wie organisatorische Impulse. Das betrifft Forschung ebenso wie konkrete Projekte, die Sichtung von Archivalien und die Erarbeitung von Uraufführungen. Auch bei der Planung von Programmen und Aufnahmen von Tonträgern erhofft man sich einen Mehrwert.
Die Idee zu einem gemeinsamen Haus entstand im Jahr 2002. Obwohl die beiden Ensembles musikalisch unterschiedliche Wege gingen, gab es damals schon enge persönliche Verbindungen zwischen den Mitgliedern. Viele der Beteiligten kannten sich von der gemeinsamen Studienzeit an der Freiburger Musikhochschule. Aber auch inhaltlich gab es Gemeinsamkeiten: die demokratische Struktur der Ensembles, der musikalische Forschergeist, die geringe öffentliche Förderung und der hohe Idealismus der Mitglieder. Man wollte nicht in einem Orchester einfach seinen Dienst absitzen, sondern spannende Projekte verwirklichen, die selbst mitbestimmt werden konnten.
Dass die Bezahlung in den freien Ensembles weitaus schlechter war als bei den fest angestellten Kollegen, hatten die Musikerinnen und Musiker in Kauf genommen. Nur die Arbeitsbedingungen sollten verbessert werden. Das 25-köpfige Freiburger Barockorchester hatte bis 2002 überhaupt keine eigenen Probenräume, das aus neun Musikern bestehende Ensemble Recherche war in den Räumlichkeiten eines früheren Möbelhauses mehr schlecht als recht untergebracht.
Die Ensemble-Akademie
Das gemeinsame Haus sollte aber nicht nur Synergien nutzen, sondern auch die Arbeit der beiden freien Ensembles näher zusammenführen. Mit der gemeinsamen, 2004 erstmals veranstalteten Ensemble-Akademie Freiburg glückte die inhaltliche Verklammerung. Die jährlich im Spätsommer stattfindenden Meisterkurse für Alte und Neue Musik stießen von Beginn an auf großes Interesse. Musikstudenten, aber auch fest angestellte Orchestermusiker konnten sich in den Spezialdisziplinen Alte und Neue Musik weiterbilden. Gemeinsam veranstaltete Konzerte erhöhen die Schnittmenge beim Repertoire wie auch beim Publikum und durchmischen die Musikszenen.
Mittlerweile kommen Vertreter dieser im Musikleben häufig getrennten Genres jährlich in Freiburg zusammen. Diese weltweit einzigartige Ensemble-Akademie füllt damit eine Marktlücke und wird international beachtet. Auf Einladung des Goethe-Instituts reisten Teile beider Ensembles beispielsweise im Jahr 2007 nach Mexiko City, um dort gemeinsam Studenten Kenntnisse in historischer Aufführungspraxis und moderner Spieltechnik zu vermitteln.
Von der Idee zum Ensemblehaus
Die Entstehungsgeschichte des gemeinsamen Domizils allerdings war weniger geradlinig. Lange Zeit suchten die Ensembles nach einem geeigneten Standort. Als man schließlich eine ehemalige Kirche gefunden hatte, in die das Ensemblehaus gebaut werden sollte, zog man wegen der zu erwartenden Kostenexplosion im Juni 2009 die Reißleine. Dann zauberte die Stadt schließlich doch noch ein Grundstück in unmittelbarer Nähe der Musikhochschule aus dem Hut: ein Glücksfall für das ambitionierte 3,2 Millionen-Euro-Projekt. Über die Hälfte des Betrags wurde privat finanziert von Stiftungen, Spendern und Sponsoren.
Seit Mai 2012 haben die Ensembles endlich eine Heimat in der Stadt und können ihre Arbeit dort sichtbar machen. Das Haus soll offen und transparent werden; man plant Werkstattkonzerte und Jugendprojekte und möchte einzelne Kurse der Ensemble-Akademie auch unter dem Jahr anbieten. Das Interesse des Publikums ist groß. Über 2.000 Gäste kamen zum ersten Tag der Offenen Tür, um in aller Ruhe das vom lokalen Architekturbüro Böwer Eith Murken gestaltete Haus zu besichtigen, das in seiner Konzeption einmalig in der Musiklandschaft ist.
Damit sich im Ensemblehaus die ganz unterschiedlichen Klänge nicht in die Quere kommen, wurde großer Wert auf optimale Schalldämmung gelegt. Zwischen die beiden großen Probenräume wurde ein Instrumentenlager gebaut. Eine zusätzliche Schallfuge unterbricht den Beton und verhindert damit die Übertragung des Körperschalls. Für die Ausgestaltung der Räume hat man den
Im großen Probensaal hängen mobile, aus Holz gefertigte Paneelen an der Betonwand, die den Klang reflektieren und ein wenig wärmer machen. Die Raumakustik kann man mit ein paar Handgriffen verändern und auf das jeweilige Repertoire und die spezielle Besetzung abstimmen. Die Musikerinnen und Musiker können mitgestalten und ihre Ideen verwirklichen – im Großen wie im Kleinen. Das Ensemblehaus Freiburg bietet nun Räume und inhaltliche Konzepte, um diese Kreativität zu ermöglichen. Und es macht vor, wie aus einer Mischung von Ideen, Offenheit und Hartnäckigkeit kulturelle Wirklichkeit mit Vorbildcharakter werden kann.
lebt als freier Musikjournalist und Autor in Freiburg und schreibt unter anderem für die Badische Zeitung, die Basler Zeitung und den Mannheimer Morgen.
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Juni 2012
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