Ohne Ressentiment – die Internationalen Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt 2012

Anders als bei den großen Festivals geht es in Darmstadt nicht in erster Linie um Konzerte und Uraufführungen. Man fahndet nicht nach neuen Meisterwerken. Und es geht auch nicht darum, Zeuge einer musikhistorischen Wegmarke zu werden, wie man es sich vielleicht von einem Konzertbesuch in Donaueschingen oder Witten erhofft. Denn die Ferienkurse sind Basisarbeit.
Streng genommen ist Darmstadt kein Festival. Hier werden im Zweijahresturnus die „Internationalen Ferienkurse für Neue Musik“ ausgerichtet und das Unterrichten, das Vermitteln und das Diskutieren stehen im Mittelpunkt. Man tauscht Ideen aus, hört Musik und streitet sich ausgiebig. Rund 300 Studenten hatten sich 2012 für die Ferienkurse eingeschrieben, vor allem Komponisten und Interpreten, aber auch angehende Musikwissenschaftler nahmen das Angebot wahr. Studenten prägen das Bild des Festivals, nicht nur optisch, sondern auch inhaltlich. Es spielen keineswegs nur arrivierte Ensembles wie das Arditti String Quartet und das Ensemble Recherche, sondern auch viele junge Kollegen aus aller Welt. Im Jahr 2012 waren beispielsweise die Curious Chamber Players aus Stockholm, DissonArt aus Thessaloniki, Besides aus Ghent, Quasars aus Bratislava und Dal Niente aus Chicago zu Gast.
Splatterfilme und freie Improvisation
Auch die Konzertprogramme teilen sich die etablierten mit unbekannteren Komponisten. Zwar wird immer mal ein Werk von Brian Ferneyhough oder Georges Aperghis gespielt, schon damit die Interpreten ihre Meisterschaft unter Beweis stellen können. Aber das Repertoire lebt im Kern von den Stücken junger Komponisten, die häufig auch die ästhetischen Präferenzen der Musiker widerspiegeln. Das Nadar-Ensemble aus Belgien wagte Crossover zwischen Neuer Musik und Splatterfilm – mit Musik von Alexander Schubert und Johannes Kreidler in einem Konzert, das mit furchterregenden Horrorfilmsequenzen durchsetzt war. Oder freie Improvisatoren, die Komponiertes sonst kategorisch ablehnen, arbeiteten mit einem Komponisten zusammen und stellten wie das Berliner Splitter-Orchester und Mathias Spahlinger die Möglichkeiten einer solchen Kooperation auf den Prüfstand. Das Publikum, das zum größten Teil aus Kursteilnehmern besteht, begegnete solchen Experimenten mit großem Enthusiasmus.
Aufbruch und Establishment
Wichtig für das Profil der Ferienkurse waren dabei wie auch in den vorangegangenen Jahren die eingeladenen Dozenten, die mit ihren Ideen bereits ästhetische Richtungen vorgaben. Brian Ferneyhough ist der wichtigste Komponist der New Complexity, einer diffizilen, ausdifferenzierten und eben hochkomplexen Musik. Georges Aperghis und Manos Tsangaris unterrichteten hingegen Formen des Musiktheaters, Mathias Spahlinger ist ein Exponent kritischen, dialektischen Komponierens, Jorge Sánchez-Chiong nicht nur Komponist, sondern auch Turntablist, und Jennifer Walshe außerdem Sängerin und Performerin. Das Mosaik der Darmstädter Dozenten zeigte ein denkbar vielseitiges Bild der Neuen Musik.
Über das offizielle Programm hinaus ist von zentraler Bedeutung, was die vielen Studenten in den vierzehn Darmstädter Tagen auf die Beine stellen. Seitdem es die Ferienkurse gibt, haben sich dort die Jungen zu Wort gemeldet und oft eine eigene Position jenseits des Etablierten bezogen. Das galt für den Kreis um Pierre Boulez, Luigi Nono und Karlheinz Stockhausen in den Fünfzigerjahren ebenso wie für die Komponisten der Neuen Einfachheit um Wolfgang Rihm in den Siebzigerjahren. Auch im 21. Jahrhundert spielt die Generation der Thirtysomethings eine herausragende Rolle. Der virtuose, spielerische und immer kritische Umgang mit neuen Medien und Technologien, die Integration des klingenden Alltags in ihre Werke und die Absage an das Große und Erhabene in der Kunst – das ist die eigentliche Gegenwart, die in Darmstadt mit Komponisten wie Johannes Kreidler, Martin Schüttler, Stefan Prins oder Malin Bång eine Form findet.
Früher haben sich die jungen Komponisten im verschworenen Kreis zu inoffiziellen Konzerten verabredet. Im Jahre 2012 bieten die Ferienkurse einen Open Space, technisch rudimentär ausgestattete Räume, in denen jeder seine Arbeit präsentieren kann, mit frappierenden Zwischenergebnissen. Denn wenn etwa eine junge Berliner Komponistin das Thema Peinlichkeit künstlerisch aufgreift und Situationen herstellt, in denen man sich schämt und fremdschämt, dann begegnet man neuen, noch nicht zu Ende gedachten Ansätzen, die das eigene Denken anregen.
Begegnung der Generationen
Programmatisch wirken da die Gesprächskonzerte, in denen Werke von Brian Ferneyhough, Wolfgang Rihm und Mathias Spahlinger erklingen. Dann werden die Altmeister von jungen Komponisten befragt, mit Respekt, aber doch provokativ. „Warum gehen Sie kein Risiko mehr ein? Warum schreiben Sie immer noch wie vor 30 Jahren?“ Oder: „Sind das nicht Klischees, die man so auch aus der Filmmusik kennt?“ Die befragten Komponisten lassen sich auf dieses Gespräch ein, antworten gewitzt und charmant. Es ist kein Ressentiment dabei, sondern das ehrliche Bemühen, die eigene Position zu erklären, ohne Andersdenkende auszugrenzen. Das ist in Darmstadt nicht immer so gewesen. Man denke nur an Hans Werner Henze, der hier in den Fünfzigerjahren von einigen Komponisten und Kursteilnehmern regelrecht gemobbt wurde, oder an John Cage, den einzuladen die Ferienkursleitung der Sechziger- und Siebzigerjahre sich strikt weigerte. Vor diesem Hintergrund zeichnet die Ferienkurse 2012 deshalb positiv aus, dass Konflikte so offen und konstruktiv ausgetragen werden.
ist Musikjournalist und lebt in Berlin. 2010 und 2012 war er als Dozent bei den Darmstädter Ferienkursen tätig.
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September 2012
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