Musik in Deutschland – Panorama

Die Luft wird dünn: Radiokultur in Deutschland

Das Radio im öffentlichen Raum: Jugendlicher mit Ghettoblaster; Copyright: photocase.com; IsiahEnde 2008 wurden mit Radio Multikulti und „Der Ball ist rund“ zwei außergewöhnliche, langjährig bewährte deutsche Radioformate abgeschafft. Geht es jetzt Richtung Mainstream?

Seit 1994 stand der Sender Radio Multikulti des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) für die kulturelle Vielfalt seines Ausstrahlungsortes Berlin. Mit Sendungen in fast 20 Sprachen und der lebendigen Thematisierung von Immigration leistete er einen wertvollen Beitrag zum öffentlichen Diskurs um das Zusammenleben der Kulturen in Deutschland. Auch die musikalische Bandbreite des Senders ließ den in den Namen eingeschriebenen Multikulturalismus deutlich erklingen.

Die vom Moderator Klaus Walter seit 1984 beim Hessischen Rundfunk (HR) gestaltete Sendung „Der Ball ist rund“ hatte derweil, wie der Name vermuten lassen könnte, keinen sportlichen Fokus. Vielmehr stand hier die ernsthafte Auseinandersetzung mit Pop-Musik im Vordergrund. Das ist bei öffentlich-rechtlichen Sendern keine Selbstverständlichkeit – wie die Absetzung der Sendung Ende 2008 einmal mehr zeigte.

Marktwirtschaftliche Notwendigkeiten?

Ex-'Der Ball ist rund'-Moderator Klaus Walter präsentiert nun auf Byte.fm Sendungen; Copyright: Ralf BarthelmesSowohl der RBB als auch der HR trafen die Entscheidungen gegen diese Formate mit Hinweis auf marktwirtschaftliche oder marktorientierte Notwendigkeiten. Dabei blicken die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten rosigen Zeiten entgegen: Durch eine Gebührenerhöhung stehen ihnen 2009 zusätzlich etwa 400 Millionen Euro zur Verfügung. Auch verkündete der RBB erst kürzlich einen Jahresüberschuss von mehr als 13 Millionen Euro. Demnach muss man die Absetzung von Radio Multikulti und „Der Ball ist rund“ als Politikum verstehen, das einen Anhaltspunkt für die Richtung gibt, in die sich die Radioentscheider in Deutschland zukünftig bewegen möchten.

Progressive und ungewöhnliche Formate werden es in Zukunft schwer haben. Die Tendenz dazu ist deutlich. Stattdessen wird auf Gewohntes gesetzt, mit dem kaum ein Risiko eingegangen wird. Man muss deshalb nicht unbedingt gleich von einem „Kulturverfall“ reden, denn nach wie vor unterhalten die Radiosender zahlreiche Orchester, Chöre und Big Bands und gestalten auch sonst ein vielseitiges Programm. Trotzdem wird die Luft dünn für Ungewöhnliches. Der „Zündfunk“ des Bayerischen Rundfunks (BR) etwa wurde 2006 lediglich durch eine Unterschriftenaktion vor der Absetzung bewahrt. Bei den aktuellen Entwicklungen könnte es gut sein, dass der BR bei der nächsten Entscheidungsrunde nicht mehr so rücksichtsvoll mit der beliebten Jugendsendung umgehen wird.  

Die ganze Bandbreite

Sendeplatz von Radio Multicult 2.0, unter Deck auf dem Schiff 'Heiterkeit', am Mikrofon Wolfgang König; Coypright: Uli PeschewoschnyGerade unter dem warmen Deckmantel der staatlich abgesicherten Finanzierung sollten aber Experimente möglich sein, die sich private Sender nicht leisten können. Dabei dürfen sich diese Experimente weder musikalisch an der nicht totzukriegenden Unterscheidung zwischen „U-“ und „E-Musik“, zwischen Unterhaltungsmusik und ernster Musik, orientieren noch thematisch an der eigenen Landesgrenze halt machen. Vielmehr sollte zumindest versucht werden, die ganze Bandbreite der Kultur zu repräsentieren. Alles andere wäre in einer modernen und heterogenen Gesellschaft schlicht zu kurz gegriffen.

Zum Glück gibt es die Alternative Internet: Fünf Minuten nach der Abschaltung von Radio Multikulti, am 31. Dezember 2008 um 22:05 Uhr, starteten ehemalige Angestellte das Internetradio „MultiCult2.0“, bei dem nun ein ähnliches Programm wie zuvor gestaltet wird. Im Internet findet sich zukünftig auch Klaus Walter, und zwar mit einer wöchentlichen Sendung bei Byte.fm. Dieser Internetsender, nun bereits seit rund einem Jahr aktiv, bietet Radioakteuren – auch aus dem Bereich der Öffentlich-Rechtlichen – eine offene Plattform, bei der alles, „was in der modernen Pop-Musik wichtig ist“, im Mittelpunkt steht.

Neue Ideen

Byte.fm-Moderator Christoph Twickel mit Studiogast DJ Teem aus Buenos Aires; Copyright: byte.fmDer offensichtliche Vorteil solcher Internetprojekte ist jedoch zugleich auch ihr Nachteil: Sie sind als selbstorganisierte Sender zwar inhaltlich sehr frei und ohne großen technischen Aufwand und allzu hohe laufende Kosten weltweit verfügbar. Doch diese Unabhängigkeit basiert auf Spenden und der ehrenamtlichen Mitarbeit engagierter Professioneller. Wie lange können solche Konstellationen ohne eine längerfristige Finanzierung bestehen bleiben?

In den USA ist bezahltes Satellitenradio sehr erfolgreich: Der mit Abstand größte Anbieter XM Satellite Radio trumpft mit etwa 18,5 Millionen zahlenden Abonnenten und Abonnentinnen auf. In Deutschland hätte es ein solcher Dienst aber wohl schwer – wie der hiesige Pay-TV-Sender Premiere mit seinen schwachen Zahlen zeigt. Nur wenige sind bereit, neben den obligatorischen Rundfunkgebühren freiwillig ein zweites Mal zu zahlen.

Deshalb ist es notwendig, dass sich die öffentlich-rechtlichen Sender für innovative und progressive Formen des Radios einsetzen. Ein Engagement bei Byte.fm wäre da ein passender Einstieg. Dies wäre nicht kostspielig, hätte aber einen breiten Effekt. Der mediale Trend geht ohnehin in Richtung Selbstbestimmung des Programms, was im Internet zur Zeit am besten möglich ist – wenn etwa Sendungen jederzeit als Podcasts abrufbar sind. Das Publikum, das sich so zahlreich und ausdrücklich für die nun abgesetzten Formate eingesetzt hat, wird mit Sicherheit dankbar sein.
Dario Radišić
ist Kulturwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2009

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