Musik in Deutschland – Panorama

Die Bundesliga der Chöre – der achte Deutsche Chorwettbewerb in Dortmund

Eröffnungskonzert des Deutschen Chorwettbewerbs am 12. Mai 2010: Mädchenchor Hannover; Foto: Deutscher Chorwettbewerb/Jan Karow5.000 in 130 Chören singende Menschen waren zur achten Auflage des Chorwettbewerbs vom 12. bis 15. Mai 2010 nach Dortmund gekommen; die „Bundesliga der Chöre“, wie ein Slogan des veranstaltenden Deutschen Musikrats lautet, selbstbewusst und keinesfalls übertreibend.

Gäbe es den Deutschen Chorwettbewerb nicht schon seit 28 Jahren – man müsste ihn erfinden. Und sei es nur, um alle vier Jahre in großem Format zu demonstrieren, wie vital das Musikleben in Deutschland geblieben ist und wie scheinbar problemlos es sich weiterentwickelt. Jedenfalls im Bereich der Vokalmusik.

Singin' Off Beats – Preisträger in der Kategorie G. 2 Jazz-vokal et cetera, mit Begleitung; Foto: Deutscher Chorwettbewerb/Jan KarowUm hier mitzusingen, mussten die Chöre sich in Landeswettbewerben qualifizieren. Für die rund 60.000 Chöre in Deutschland besteht zwar keine Pflicht, an diesem Projekt teilzunehmen. Wer aber den Ehrgeiz hat, zu den Besten zu gehören, zu erleben, was und wie sich andere Chöre präsentieren, welche Musik gerade angesagt ist, und wer Lust hat, zusammen mit den anderen Chören eine Stadt in eine „singende Stadt“ (so ein anderer Slogan) zu verwandeln – der bemüht sich, dabei zu sein. Davor haben die Chorleiter hartes Training gesetzt: Der Vortrag besteht aus Stücken unterschiedlicher Stilrichtungen und einem Volkslied, darunter auch Werke aus einem Pflichtkatalog. Alles muss perfekt sitzen, um vor der international besetzten Jury auf den Punkt gebracht werden zu können.

Chöre aller Art

Wertungssingen Kategorie F1 Kinderchöre | gleiche Stimmen bis 16 Jahre: Villinger Klosterspatzen; Foto: Deutscher Chorwettbewerb/Jan KarowDer Vergleichbarkeit wegen findet der Deutsche Chorwettbewerb in verschiedenen Kategorien statt, in diesem Jahr insgesamt vierzehn. Am stärksten vertreten sind traditionell die Gemischten Chöre. Neben ihnen blühen seit einigen Jahren Chöre, die sich der Pop- und Jazzarrangements verschrieben haben, obwohl auch in anderen Gattungen Rhythmisches gesungen wird. Männerchöre, eine traditionsreiche und unverwüstliche deutsche Spezialität, dürfen nicht fehlen. Natürlich gibt es auch eine spezielle und sehr differenzierte Szene für Kinder- und Jugendchöre. Von Seiten der Schulen und auch der Kirchen, die den meisten dieser Chöre eine Heimat geben, werden die Klagen über zuwenig Zeit fürs Singen und zuwenig Geld für Ausstattung und Probenarbeit lauter. Gleichzeitig überrascht insgesamt die hohe Zahl junger und junggebliebener Sängerinnen und Sänger beim Chorwettbewerb. Sie finden sich in den großen Chören Seite an Seite mit älteren, bilden oft aber auch kleine und feine Vokalensembles, die sogar solistischen Einsatz der Stimme fordern; für sie gab es in diesem Jahr erstmals eine Extra-Kategorie.

Wertungssingen Kategorie G 2 Jazz-vokal et cetera | mit Begleitung: Singin' Off Beats; Foto: Deutscher Chorwettbewerb/Jan KarowDie Chorszene in Deutschland besteht aus über 1,8 Millionen singender Menschen. Sie sind in allen Landesteilen zu Hause, von der Großstadt ins kleinste Dorf. Alle singen, weil es ihnen Freude macht, die allermeisten in ihrer Freizeit, ohne Honorar, dafür mit großem Einsatz und Engagement. Ziel des Deutschen Chorwettbewerbs war und ist es, dieser Basiskultur ein Forum zu schaffen und den Chören die Lust zu vermitteln, das, was man tut, auch richtig gut zu machen. Mit anderen Worten: Der Wettbewerb soll die musikalischen Fähigkeiten erhöhen und den Leistungsgedanken fördern. Das schließt die Schulung der eigenen Stimme als Grundlage individuellen Chorklangs ebenso ein wie das Kennenlernen der immensen Breite, Menge und Qualität der Chorliteratur, die der Musikrat zudem gezielt mit Kompositionsaufträgen zu steuern versucht. 51 Chöre wurden diesmal mit einem Preis bedacht – das Konzept des Deutschen Chorwettbewerbs, Spitze und Breite zugleich zu fördern, ist also aufgegangen.

Singen im Chor – wichtig und attraktiv

1. Preis in der Kategorie A. 2 Gemischte Chöre ab 41 Mitwirkende: via-nova-chor München; Foto: Deutscher Chorwettbewerb/Jan KarowSingen macht Spaß, begeistert und führt Menschen zusammen. Das erlebte man bei den überfüllten Konzerten während des Chorwettbewerbs in den großen Sälen ebenso wie auf den Dortmunder Straßen und Plätzen, wo die Chöre gerne und spontan ein Stück anstimmten – singende Stadt eben. Sicher genießt die gesungene Musik weniger öffentliche Wahrnehmung als die instrumentale – vielleicht, weil der Orchesterbereich professionellere Strukturen besitzt. Ganz selbstverständlich aber ist Singen noch elementarer als das Spielen auf Geige, Klavier oder Flöte; darauf hat nicht zuletzt die „Wiegenlied“-Aktion des SWR und des (im Bereich Chormusik in Deutschland führenden) Carus-Verlages hingewiesen. Dass viele Eltern mit ihren Kindern nicht mehr singen, haben vergangene Pädagogen-Generationen zu verantworten, die einst den Musikunterricht von der Praxis in die Theorie beförderten. Das scheint sich zu ändern, auch durch das beharrliche Engagement der Chöre – falls die Musik nicht wieder unter die Räder gerät. So strichen die staatlichen Sparkommissare bereits dem achten Deutschen Chorwettbewerb einen ganzen Veranstaltungstag. Im Wettbewerb mit anderen Disziplinen hat die Musik es nicht leicht. Der Wettbewerb mit sich selbst, in Gestalt des Deutschen Chorwettbewerbs dagegen ist ein vitales, attraktives Erlebnis mit nachhaltigen Folgen. Wer hätte das vor 28 Jahren gedacht!

Andreas Bomba
ist Musikkritiker, Rundfunkautor und -moderator. Er schreibt für Tageszeitungen und Fachzeitschriften mit den Schwerpunkten Oper, Konzert, Geistliche Musik und Musikpolitik. 2006 wurde er zum Intendanten der Bachwoche Ansbach bestellt.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Goethe.rmx

Eine elektronische Interpretation von Goethes König in Thule reist um die Welt und wird in neun Ländern auf vier Kontinenten geremixt.

Fikrun wa Fann

Musik zwischen den Kulturen.
Fikrun wa Fann ist jetzt auch als E-Paper online.

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland