„Filme hören“ – was die Sinne sich zu sagen haben

Film und Musik finden neu zusammen: Die Festivals Salzburg Biennale und MaerzMusik der Berliner Festspiele präsentieren „Lichtspielmusik“ und „Neue Musik zu Alten Filmen“.
Zu einer Zeit, als der Spaziergang durch einen Lustgarten noch das äußerste Maß an Bewegtbild war, das man sich vorstellen konnte, überraschte der französische Mathematiker Louis-Bertrand Castel mit einer neuen Erfindung. Ein „Klavier für die Augen und für alle Sinne“ stellte er 1725 vor, mit dem er eine „Musik der Farben“ kreieren wollte. Das Tempo der Bildwechsel des „Augen-Clavicimbels“, das er zwanzig Jahre später baute, erschreckte die Zeitgenossen: Durch die schnelle Folge der Bilder fühlte man sich verurteilt, „statt zu ‚sehen‘, lediglich zu ‚gaffen‘.“ Unter den lautesten Kritikern fand sich ausgerechnet der Dichter und Anthropologe Johann Gottfried Herder, der sich als einer der ersten ausführlich damit beschäftigt hat, was im Menschen vor sich geht, wenn er hört, sieht und fühlt. Herder kam zu dem Schluss, dass die Sinne miteinander in enger Beziehung stehen: „Gesicht und Gehör entziffern einander wechselseitig.“ Aus der Wechselwirkung der Sinne „webt und würkt die Seele sich ihr Kleid, ihr sinnliches Universum“.
Das sinnliche Universum
Romantisch gestimmte Denker genossen das Ineinanderfließen von Gegensätzen – und so ist es wohl kein Wunder, dass das 19. Jahrhundert nicht nur die Erfahrung vom Zusammenspiel der Sinne gepriesen, sondern zugleich die Vorstellung vom Gesamtkunstwerk hervorgebracht hat, so wie sie Richard Wagner in seinen „Musikdramen“ verwirklichen wollte. Wagners Ideen fanden ihre logische Fortsetzung in einem Medium, von dem er selbst nichts ahnte: im Film.
Als die Bilder laufen lernten, da waren sie noch stumm. (Manchmal denkt man wehmütig daran zurück, während man verzweifelt versucht, die klingelnden Banner und die schrillen Animationen loszuwerden, die gerade den Besuch einer Internetseite werbewirksam und tönend bewegt, „verschönern“.) Wie so oft, wenn neue Medien den Vormarsch in der westlichen Gesellschaft antreten, ist ihr erstes Auftreten begleitet vom Alarmgeschrei der Traditionshüter – das war beim Buch nicht anders als beim Film. (Und wahrscheinlich hat man schon vor tausenden Jahren über den Verfall gehadert, der mit der Einführung von Wachstäfelchen einhergeht. Marmorplatten waren doch irgendwie besser.)
Jahrmarktflimmern
Als der Film die Großstädte eroberte, galt er als technische Kuriosität – auf dem Jahrmarkt viel besser angesiedelt als in der hehren Atmosphäre eines Theaters. Bald schon erhielt er seinen eigenen Tempel: das Lichtspielhaus. So schön dieser Name ist, so poetisch er den Film als Spiel mit Licht umschreibt, so ungenau ist er. Denn noch lange bevor die erste Karambolage auf der Tonspur eines Films zu hören war, begleitete bereits ein Heer von Pianisten und Orchestermusikern in deutschen „Kinos“ die ersten Filme – jeden Abend live. Selbst der Stummfilm war ein Tonfilm – auch wenn die Spuren getrennt voneinander liefen. Eher intuitiv verstärkten die Musiker mit ihrem Spiel die Eindrücke der Bilder, während die Wissenschaft bereits damit beschäftigt war, die Wechselwirkungen der Sinne genauer zu untersuchen. So fanden Forscher in den 1930er-Jahren heraus, dass ein tiefer akustischer Ton ein Rot zu Dunkelrot und Violett verwandelt, während ein hoher Ton ein Rot in Orange und Gelb changieren lässt.
Mit solchen Nuancen hätte sich der visionäre Komponist Alexander Skrjabin nicht abgefunden. Er war „Synästhetiker“, also ein Mensch, bei dem die Neigung, Bilder zu schmecken, Farben zu spüren und Töne in Farben zu hören, stärker ausgeprägt ist als bei den meisten. Seine Werke sind ekstatische Lichtspiele – für Menschen mit gleicher Veranlagung. Für alle anderen arbeitete Skrjabin ebenfalls an einem Farbenklavier. Ein anderer bekannter „Mitempfinder“ unter den Komponisten des 20. Jahrhunderts war Olivier Messiaen, der seine Musik in allen Strahlen des „göttlichen Lichts“ leuchten sah.
Tonspuren
Viel unmittelbarer als in Skrjabins und Messiaens Werken lässt sich das Zusammenspiel der Sinne in der Filmmusik studieren. Daher hat die Beschäftigung mit den „Tonspuren“ in den vergangenen Jahren wieder ein größeres Interesse gewonnen. In Köln trifft sich seit einigen Jahren die Filmmusikszene zur Soundtrack-Cologne. Große Sinfonieorchester locken mit „Soundtrack-Konzerten“ zu beliebten Filmen oder gar Computerspielen ein junges Publikum in die Konzertsäle. Und im März 2011 widmeten sich gleich zwei Festivals für zeitgenössische Musik dem Wechselspiel von Bild und Ton.
Lichtspielmusik hat die Salzburg Biennale ihre siebenteilige Konzertreihe genannt, in der Schwarz-Weiß-Filme durch heute lebende Komponisten neu vertont zu hören sind. Berühmte Streifen sind darunter: Der legendäre Film Metropolis von Fritz Lang, der erst vor kurzem um viele wiedergefundene Szenen erweitert werden konnte, erhielt eine neue Tonspur durch den argentinischen Komponisten Martin Matalon. Das ensemble ascolta verfügt inzwischen über ein großes Repertoire neuer Werke zu experimentellen und surrealistischen Stummfilmen der 1920er-Jahre, von Walter Ruttmann und Hans Richter bis zu Oskar Fischinger und Luis Buñuel. In Salzburg werden unter anderem zwei neue Vertonungen von Clemens Gadenstätter und Friedrich Schenker vorgestellt. Hanns Eisler steht mit einem Porträtkonzert stellvertretend für die zahlreichen bekannten Komponisten, die sich im Laufe ihrer Karriere – ob aus Geldnot oder purem Interesse am neuen Medium – dem Film zugewandt haben.
Im Rahmen der MaerzMusik der Berliner Festspiele gibt es in den Konzertreihen Neue Musik zu Alten Filmen und Filme hören weitere rare Beispiele. Von aufregenden Improvisatoren wie Otomo Yoshihide und Nobert Möslang, bis zu populären Künstlern wie Björk, Phil Glass oder Michael Nyman.
Stummfilmopern
Widmet man sich den Filmen vor allem von ihrer akustischen Seite, läuft man Gefahr einen alten Verdacht zu bestätigen. Als der Tonfilm aufkam, fürchteten Kritiker, das Medium Film verlöre seine „ureigene Ausdrucksweise“. Anstatt Geschichten mit filmischen Mitteln zu erzählen, würden sie nun auf die Tonspur verlagert, zu Hörspielen mit Bildern. Doch wenn Benedict Masons Chaplin Operas ihr ironisches Spiel treiben wie auf der Salzburg Biennale 2011, dann werden alle Seiten erfrischt: Die Schwarz-Weiß-Klassiker von den neuen Tönen und die Musik vom erzählerischen Slapstick des Films. Oder in den Worten des französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty: „Die Sinne übersetzen sich gegenseitig, ohne dass sie einen Übersetzer benötigen.“ Filme hören war eine vernachlässigte Kunst. Diese Zeiten sind vorbei.
ist Musikwissenschaftler, tätig als Autor und Moderator und ab der Spielzeit 2011/12 Dramaturg an der Staatsoper Stuttgart.
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März 2011
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