Blasen, Zupfen, Fiedeln – „Jedem Kind ein Instrument“

Das erste Etappenziel liegt bereits zurück: Zum Kulturhauptstadt-Jahr RUHR 2010 wollte das Projekt „Jedem Kind ein Instrument“ möglichst viele Grundschulkinder an ein Musikinstrument heranführen. Nun geht es darum, die Initiative weiter im Alltag zu verankern.
Als die ersten Ideen durchsickerten, wirkte es wie eine Vision aus fernen Landen. In Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, sollte eine Initiative ins Leben gerufen werden, die allen Trends entgegenstand. Nachdem in den Vorjahren der Musikunterricht flächendeckend zurückgefahren worden war, sollten fortan im Ruhrgebiet alle Grundschüler ein Instrument erlernen dürfen. 2007 ging man mit „Jedem Kind ein Instrument“ an den Start, nachdem erste Versuche in Bochum auf rein städtischer Ebene bereits erfolgreich verlaufen waren.
Mit Beginn des Schuljahres 2007/08 starteten dann über 7.200 Kinder des Ruhrgebiets mit „Jedem Kind ein Instrument“ – kurz: JeKi. Gleich zu Anfang kooperierten mehr als 200 Grundschulen. Die Zahl wuchs stetig, inzwischen sind es über 600, mittelfristig peilt man die Tausendergrenze an. Allein die Zahl der Erstklässler liegt seit Beginn des Schuljahres 2010/2011 bei über 30.000, hinzu kommen rund 20.000 Schüler in den Klassen zwei bis vier – in der Summe würden diese Kinder ein komplettes Fußballstadion füllen.
Systematischer Aufbau
„Wir wollen nicht den normalen Musikunterricht ersetzen“, erklärt Manfred Grunenberg, der projektleitende Direktor. JeKi soll also ergänzen, vertiefen und Berührungsängste abbauen. „Auch wenn man ein Instrument nur kurze Zeit spielt – die Erfahrung, wie es ist zu musizieren, insbesondere in einer Gruppe, und wie man musikalische Zusammenhänge herstellen kann, diese Erfahrung bleibt, ein Leben lang.“ Im ersten Schuljahr werden die Kinder behutsam und spielerisch an die Musik herangeführt, von einem Lehrer-Tandem, bestehend aus einer Grundschul- und einer Musikschullehrerkraft. Es geht um musikalische Basis-Erfahrungen, Klänge, Rhythmen, Melodien. Oft steht gemeinsames Singen an erster Stelle, dann kommen die Instrumente ins Spiel, von der Geige über die Blockflöte bis hin zu Djembe oder Baglama. Eine Entdeckungsreise beginnt, mal gezupft, mal gestrichen.
Erst ab dem zweiten Schuljahr legen sich die Schüler auf ihr Lieblingsinstrument fest. In kleinen Gruppen wird dann unterrichtet, das erhöht Spaßfaktor und Lernbereitschaft. Ab dem dritten Schuljahr wird die Intensität erhöht, eine weitere Schulstunde kommt hinzu, wenn sich die Dritt- und Viertklässler im Ensemble Kunterbunt treffen – ein Miniorchester, das kein Instrument und keinen Schüler ausschließt. So kommen die ungewöhnlichsten Klangmischungen zustande. Schüler lernen Hören.
Außerdem gibt es einen übergreifenden Klangkörper, das KinderOrchesterRuhr. Hier spielen seit Herbst 2006 rund 70 Kinder zwischen 9 und 14 Jahren. Geprobt wird in mehrtätigen Arbeitsphasen während der Schulferien. Mitmachen können alle Kinder aus dem Ruhrgebiet, die schon auf ihrem Instrument ein bisschen weiter sind. Reichlich Aufmerksamkeit ist den Schülern garantiert, wenn sie etwa in Essens Philharmonie beim ersten Kinderopernfestival Carl Maria von Webers Freischütz aufbereiten, oder wenn sie, wie im Dezember 2010, unter Ton Koopmans Leitung mit Mitgliedern des Mahler Chamber Orchestra musizieren.
Alle helfen mit – zumindest finanziell
Wie immer bei Projekten solcher Größenordnung stellt sich die Frage: Wer bezahlt das Ganze? Die Gebühren der Eltern sind vergleichsweise gering. Im ersten Jahr ist die Teilnahme kostenfrei. Der Instrumentalunterricht kostet im zweiten Jahr 20 Euro, in den beiden Folgejahren 35 Euro – macht Einnahmen von mehr als 12 Millionen Euro. Doch das ist nur etwa ein Viertel des jährlichen Etats. Der liegt im laufenden Schuljahr bei knapp über 47 Millionen. Das Land NRW beteiligt sich mit rund 14 Millionen Euro, die Kulturstiftung des Bundes mit 10 Millionen. Die Kommunen sind mit einem deutlich geringeren Anteil vertreten, dafür tragen sie die Verantwortung, Spenden in Höhe von 50 Prozent für die Kosten der Instrumente einzutreiben. Spenden sind unerlässlich, auch noch vier Jahre nach Beginn des Projekts. So hat erst kürzlich der Geiger David Garrett mit dem WDR Sinfonieorchester ein Benefizkonzert gegeben und mehr als 100.000 Euro eingespielt.
Ob als Klarinettentrio, als Gitarrenorchester oder in kleiner Streicherformation – überall bläst, zupft und fiedelt es derzeit im Ruhrgebiet. Die Musik hat in der Schule ihren Platz gefunden. „Das ist eine der Spezialitäten dieses Projektes“, betont Manfred Grunenberg: „Wir sind nicht nachmittägliche Gäste im Gebäude der Schule, sondern wir sind Teil des morgendlichen Schulprogramms.“ 2011 findet bereits zum zweiten Mal ein Wettbewerb statt: Welche Schule ist die JeKi-ste im ganzen Land? Nachahmer für „Jedem Kind ein Instrument“ gibt es inzwischen national wie international. Doch die Größenordnung im Ruhrgebiet bleibt eine Dimension für sich.
lebt als freier Musikjournalist in Köln und arbeitet unter anderem für Fono Forum, Opernwelt und verschiedene ARD-Rundfunkanstalten.
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April 2011
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