Popmusik in Deutschland

Von der Leitmesse zum Kongress-Marathon – schillernde Musikmessen-Vielfalt im Jahr 2010

Unternehmen aus über 50 Ländern präsentierten sich auf der Popkomm 2008. Ein Blick in Halle 18; Foto: Popkomm.Mit der überraschenden Absage der Musikmesse Popkomm im Juni 2009 begann das große Gewusel. Die Konkurrenz witterte Morgenluft. Das traditionelle Messegeschehen, wie man es aus anderen Branchen kennt, mit Ständen und Sonntagsreden galt als überkommenes Relikt aus dem analogen Zeitalter.

Es war die Stunde der Zukunfts-Strategen. Die Kölner c/o pop setzte im August auf ein vielfältiges Festival-Crossover und nutzte das örtliche Schauspielhaus als Kongresszentrum. Hamburg legte nach und baute sein Reeperbahn-Festival um eine Fachtagung aus. In Berlin selbst ersetzte ein flugs organisiertes „Barcamp“ namens all2toghethernow die zuletzt unbeweglich und unsexy gewordene Leitveranstaltung der BerlinMesse und des Bundesverbandes Musikindustrie. Inmitten der weiterhin anhaltenden Krise der klassischen Schallplattenzunft tanzten plötzlich die Mäuse dezentral auf dem Tisch. Der popkulturelle Föderalismus der Bundesrepublik zeigte sich von seiner bunten Seite.

PopUp Leipzig, Foto: VeranstalterMittlerweile haben alle Beteiligten eine – natürlich – positive Bilanz gezogen. Die Mischkalkulationen aus Konzerttickets, Sponsorings und nicht zuletzt Fördergeldern der öffentlichen Hand sind offenbar allerorten aufgegangen. Die Macher in Köln, Hamburg und Berlin fühlen sich in Sachen Pop-Expertise auf gleicher Augenhöhe. Launig formulierte Spitzen ersetzen einen offenen Konkurrenzkampf. Zumal die einstmals schillernde Branche bescheiden geworden ist. Champagner-Orgien auf Kosten des Hauses erwartet niemand mehr. Und das einfältige Postulat von der „Pop-Hauptstadt“ verwenden ohnehin nur die offiziellen Standort-Förderer. Die stilistisch ohnehin zersplitterte Szenerie kann mit diesen Polyzentrismus zwischen Rhein, Elbe und Spree gut leben. Zumal bewährte Veranstalter wie das PopUp-Team aus Leipzig ebenfalls munter mitmischen, und auch das Ruhrgebiet als Ausrichter der Europäischen Kulturhauptstadt 2010 ebenfalls Kompetenz beansprucht.

2010 als Übergang

PopUp Leipzig – Blick in die Messehalle; Foto: VeranstalterDie Lage bleibt also weiterhin unübersichtlich. Zumal die Bundesrepublik im Reigen des Festivals und Conventions keine abgeschottete Insel ist. Mit dem erfolgreichen Amsterdam Dance Event (ADE) hat sich der internationale Musikzirkus Ende Oktober in ein kurzes Winterlager verzogen. Das im Januar stattfindende Noorderslag-Festival im nordholländischen Groningen und die wieder erstarkte MIDEM in Cannes werfen bereits ihre Schatten voraus.

In Deutschland werden derweilen die Strukturen für 2010 nur stückweise deutlich. Der große Unbekannte in diesem Spiel um kreative Potentiale, City-Tourismus und ein wenig Standort-Glamour ist – wiederum etwas überraschend – die Popkomm. Von Branchenkenner vielfach zu Grabe getragen, wollen die Verantwortlichen mit Rückendeckung der europäischen Exportbüros einen Neustart wagen. Die Berliner Messegesellschaft hat einen neuen Projektleiter für die neue Popkomm eingesetzt und Wirtschaftssenator Harald Wolf wird nicht müde, die belebende Wirkung der Subkultur auf den Wirtschaftsstandort zu beschwören. Welche Allianzen unter dem vagen Dach einer „Berlin Music Week“ geschnürt werden sollten, war zwischen dem Bundesverband Musik und der BerlinMesse monatelang umstritten. Man kommunizierte über offene Briefe, die Chemie schien nicht zu stimmen. Letztlich einigte man sich auf einen Burgfrieden: Zwischen dem 8. und 10. September 2010 soll das überholte Messekonzept nun in den imposanten Hallen des stillgelegten Flughafens Tempelhof im Rahmen eines Festivals reanimiert werden. Eine echte Herausforderung für die ausgezehrte Musikwirtschaft, die eigentlich als „nicht mehr messefähig“ galt. Die Branche war zu klein für großflächige und damit renditeträchtige Präsentationen geworden. Nun wagt man einen Neustart.

Reeperbahnfestival, Impression große Freiheit; Foto: Matias BoemGanz andere Wege beschreiten vor diesem Hintergrund die Kollegen aus Köln. Die c/o pop plant in ihrem siebten Jahr eine gemeinsame Nutzung der Logistik mit dem Medienforum NRW, was ein terminliches Vorrücken auf den Juni 2010 bedeutet. (23. bis 26. Juni 2010). Oder die Festivalmacher wagen ein visionäres Branchen-Crossover mit der seit August 2009 mit großem Getöse in den Hallen der KölnMesse stattfindenden Computerspiele-Messe Gamescom. Sehr entspannt gibt man sich an der Waterkant. „Das Reeperbahn Festival findet auch 2010 wie immer am letzten Septemberwochenende – also vom 23. bis zum 26. September 2010 – statt“, verkündet nüchtern die Pressestelle.

Inwieweit sich die Konzepte und Diskursthemen in diesem republikweiten Reigen überschneiden oder sogar doppeln, hängt von der Innovationskraft der Macher ab. Ein Kernfrage lautet sicherlich: Inwieweit ist die Popmusik und deren Vermarktung allein noch fähig, ein halbes Dutzend Kongress-Festivals allein in Deutschland zu tragen? Während das unprätentiöse Independent-Label-Meeting PopUp vom 6. bis 9. Mai 2010 in Leipzig den Auftakt macht, steigt die Popakademie Mannheim noch Ende November 2009 mit dem „Kongress Zukunft Pop“ in den Debatten-Marathon ein. Damit scheint die einstmals so staatsferne Musikszene zur Filmbranche aufzuschließen. Auch hier haben sich im Zeichen vielfältiger Subventionen zig Events etabliert, während viele der dort gezeigten Filme nie einen kommerziellen Verleih finden. Bis auf weiteres grassiert die „Festivalitis“.

Ralf Niemczyk
schreibt seit 1982 für Underground- und Mainstream-Zeitschriften über Musik, Popkultur, Sport und Stadtplanung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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