Tendenzen

Popförderung 2.0 – die hohe Kunst der Subventionsmusik

Bandpool Peilomat', School of Rock; © Popakademie Baden-Württemberg Wie steht es um die Strukturförderung für die sogenannten „creative industries“? Die musikalische Welt ist schlichtweg zu bunt und zu komplex geworden.

Ein Fachkongress im Ostseebad Rostock-Warnemünde, der im Juni 2009 rund 200 Musik-Spezialisten aus allen Regionen der Bundesrepublik zusammenführte, hat es noch einmal nachhaltig verdeutlicht: Die institutionelle Förderung der populären Genres von Electro über Hip-Hop bis hin zu NeoFolk ist mittlerweile ähnlich ausdifferenziert wie ihr inhaltliches Sujet. Wo die Musik längst in dutzende Spielarten zersplittert ist, haben Old-School-Modelle wie der rührige West-Berliner Senats-Rock-Wettbewerb aus den mittleren achtziger Jahren genauso ausgedient wie die einst allgegenwärtigen Pop-Trophäen der örtlichen Stadtsparkassen.

Die musikalische Welt ist schlichtweg zu bunt und zu komplex geworden, um mit dem Gieskannen-Prinzip ein wenig „für die Jugend zu tun“. Bereits das benachbarte Genre Jazz ist – sobald man sich intensiver mit der Materie beschäftigt – im Laufe der Zeit zu einer ganz anderen Förderungs-Baustelle geworden. Schließlich reicht das aktuelle Pop-Universum von unabhängigen Mikroszenen bis zu Mainstream-Charts-Shows a la Deutschland sucht den Superstar. Und eine genaue Analyse, darin waren sich alle Teilnehmer der Warnemünder Tagung einig, ist Grundvoraussetzung für jede sinnvolle Maßnahme. Selbst wohl formulierte Zweifel an der Popförderung insgesamt, im Sinne einer fordistischen Markt-Radikalität, gehören mittlerweile zum Diskurs der Förder-Fachleute. Schließlich geht es um Steuergelder.

Der Wettbewerb der Städte

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© Popakademie Baden-Württemberg Als wäre die Angelegenheit nicht schon kompliziert genug, steckt die Förderung von Pop(musik) in einem viel größeren Zusammenhang. Wohlfeile Stichworte hier sind „Kreativ-Industrie“ und „Kreativregion“, „Standort-Wettbewerb“ und der regionale Kampf um die sogenannten high potentials. So verwundert es wenig, dass nur Tage nach der überraschenden Absage der Berliner Popkomm einen rasanter Wettstreit der Medien- und Musikstädte, um die neue Pop-Krone entbrannt ist. Neben Berlin selbst, meldeten Köln (c/o pop), Hamburg (Reeperbahn-Festival), Frankfurt (Musikmesse) und Leipzig (PopUp) ihre Ansprüche an. Und immer ist von der „Pop-Hauptstadt“ die Rede. Als könnte man so ein flüchtige Angelegenheit wie Musik in ökonomisch quantifizierbare Maßeinheiten zerlegen. Nach dieser Denkschule sind Phänomene vom Schlage der dezentralen US-Musikmetropolen Memphis, die einstige Motown-Stadt Detroit oder auch Austin/Texas nicht zu fassen. Auch die Bundesrepublik tut sich schwer mit der Rolle Berlins als oberster Platzhirsch. Das zeigt sich einmal mehr im Pop.

From Cluster zu Cluster

Das aktuelle Modewort der Wirtschaftsförderer und Standort-Strategen heißt „Cluster“, zu deutsch Haufen, Schwarm oder auch Büschel. Diese Schwärme markieren offensichtliche Zusammenballungen von Unternehmen und Institutionen, insbesondere im kreativen Bereich. Wenn also 30 oder gar 40 Film-, Design- oder Musik-Firmen bereits verdichtet in einer Stadt sitzen, dann riecht das schwer nach Cluster. Und weil die öffentliche Hand ihre Strukturförderung für die sogenannten creative industries nicht mehr einfach so ausschütten will, sollen nur noch diese Cluster unterstützt werden. „Stärken stärken“ heißt das dann in den Konzeptpapieren.

Karostar
Hamburg; © Maike Hansen ArchImage Die einzelnen Modelle verweisen auf diese akribisch gepflegten regionalen Identitäten: Ein verbogenes Straßenschild vor der Hamburger Szenekneipe Yoko Mono deklariert die „Straße des kreativen Kapitals“. Und man überlegt einen Moment lang, ob das nun eine subversive Guerrilla-Aktion ist oder eine ernsthafte Maßnahme mit freundlichen Grüßen des hanseatischen Senats. Nicht weit entfernt davon liegt nämlich gegenüber der U-Bahnstation Feldstraße der alte Schlachthof. Nur noch zwei steinerne Rinder als Eingangsportal erinnern an die vormalige Bestimmung des Geländes. Nun wird die Gegend vom Projekt „Karostar“ überstrahlt: Ein schmucker Neubauriegel, der Labels und Agenturen beherbergt. In prominenter Eckpositionen residiert der Platten-, Buch- und Modeladen „Hafenplatte“ und gegenüber liegt der Liveclub „Knust“. Am manchen Wochenenden mischen sich auf einem Szene-Flohmarkt die Stile und Moden der Subkulturen. Ein wuseliges Gesamtbild von Stadtentwicklung, Kleinkommerz und Underground.

Kreativhaus
4711 Köln; © Alexandra Kinne In eine ähnliche Stoßrichtung zielt „Sound of Cologne“. Nachdem Köln seit 1989 als erste deutsche Stadt ein eigenes Sekretariat für Popmusik betreibt, konnte man in den frühen 1990er-Jahren mit Unterstützung der NRW-Landesregierung groß auffahren. Die in Köln groß gewordene Popkomm ist mittlerweile Geschichte. Doch der Ruf der Stadt als Kraftzentrum der elektronischen Musik wurde tatkräftig mit Compilation-Alben und Festivalreisen gefördert. Nun bekommt die Sound-of-Cologne-Saga ein neues Kapitel: Und die fokussiert sich ähnlich wie in Hamburg in einem geschichtsträchtigen Haus im Stadtteil Ehrenfeld. Hier, wo einst traditionelle Duftwässer wie 4711 oder Tosca vermarktet wurden, residiert nun auf 3.000 Quadratmetern über drei Etagen die Musik- und Kreativwirtschaft. Im Herbst 2009 arbeiten hier 50 Firmen mit über 200 Mitarbeitern. Aufbruchstimmung auf der Venloer Straße, die (neben der neuen Moschee) zu einer immer spannenderen „Veedels“-Adresse wird.

Die
Mitarbeiter des Popbüros; © Popbüro StuttgartDie gepflegteste Webseite wiederum leistet sich das „Popbüro Region Stuttgart“, wo man im Windschatten des Hip-Hop-Aufschwungs rund um die Fantastischen Vier ein „unglaublich großes kreatives Potential“ (so die Selbstdarstellung) verortet hat. Aus der einst als bieder geltenden Schwaben-Metropole ist ebenfalls ein Musik- und Kreativstandort geworden. Auch hier greifen Stadtmarketing und Basisarbeit ineinander. Dazu gehört sowohl die Basis-Hilfestellung als auch die internationale Präsentation von „Stuggitown“ bei internationalen Festivals. Die örtliche Musikhochschule hat neuerdings sogar einen „Bachelor Pop“ in ihrem Studienangebot.

‚Open day 09’; © Popakademie Baden-Württemberg Als klassische Strukturförderung verstand sich einst das „Mannheimer Modell“, das zur Errichtung des Gründerzentrums „Musikpark“ direkt am Neckar führte. Mittlerweile links und rechts adaptiert von den größeren Städten Deutschlands, muss Mannheim als Keimzelle der Popförderung im großen Stil achlegen, um im Gezerre um die coolsten Beats nicht ins Hintertreffen zu geraten. Inwieweit die Ansiedlung der Popakademie Baden-Württemberg, die über sechs Semester Musiker und Musikmanager ausbildet, wirklichen zur künstlerischen Blüte führt, muss dann der nächste Fachkongress zeigen. Auch in der Popförderung kennt man mittlerweile das Wort „Evaluation“. Auf gut deutsch: Was bringen sollte es schon!

Ralf Niemczyk
schreibt seit 1982 für Underground- und Mainstream-Zeitschriften über Musik, Popkultur, Sport und Stadtplanung.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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