Neue Musik

Donaueschinger Musiktage – the next Generation

Workshop mit Festivalleiter Armin Köhler; Foto: Musikhochschule TrossingenIn einem Workshop während der Donaueschinger Musiktage bereitet sich der kompositorische Nachwuchs auf den zukünftigen Beruf vor.

Für wen komponiere ich? Was will ich meinen Hörern mitteilen? Wer sind diese Hörer und welches sind ihre Bedürfnisse? Soll ich mich nach ihnen richten oder bin ich nur mir selbst gegenüber verantwortlich für das, was ich tue? Was kann ich von der Popmusik lernen? Wie nützlich ist Promotion, wann zwingt sie zu künstlerischen Kompromissen?

Fragen, die heute die Komponisten bewegen. Gestellt wurden sie in einer als „Open Space“ bezeichneten, thematisch freien Diskussion im Rahmen des Workshops „Next Generation“, der fünf Tage lang parallel zu den Donaueschinger Musiktagen stattfand und an dem sich jedees Jahr rund hundertachtzig Studierende der Komposition und der Musikwissenschaft beteiligten.

Dr. Julia Cloot, Leiterin von „Donaueschinger Musiktage / Next Generation“ (Institut für zeitgenössische Musik der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main); Foto: Katrin SchanderDie Teilnehmer des Treffens, das nun schon zum vierten Mal durchgeführt wurde, kommen nicht nur aus den deutschsprachigen Ländern; den Weg in den Schwarzwald finden Studierende aus ganz Europa und sogar aus dem fernen Osten und den USA. Dank Stipendien kostet sie die Teilnahme nur neunzig Euro, Aufenthaltskosten und Besuch aller Konzerte inbegriffen. Die Gesamtverantwortung liegt bei den Doenaueschinger Musiktagen, die Leitung hat Julia Cloot, Institut für zeitgenössische Musik der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. Tagungsort ist die Musikhochschule im benachbarten Trossingen, die durch ihre Initiativen auf dem Gebiet der zeitgenössischen Musik immer wieder von sich reden macht.

Blick hinter die Kulissen des Betriebs

„Open Space“-Diskussion mit den Kompositionsprofessoren Dieter Mack (Lübeck) und Johannes Schöllhorn (Köln); Foto: Musikhochschule TrossingenZweck dieses jährlich wiederkehrenden Fortbildungsprogramms ist es, dem musikalischen Nachwuchs einen Einblick in die Realitäten des Komponistenberufs zu vermitteln, und was wäre als Studienobjekt geeigneter als die Donaueschinger Musiktage, nicht nur das älteste, sondern auch weltweit eines der renommiertesten Festivals für neue Musik? Die Teilnehmer erhalten Gelegenheit, fünf Tage lang hinter die Kulissen des Betriebs zu schauen und mit den in Donaueschingen aufgeführten Komponisten über ihre Werke zu diskutieren. In Referaten von geladenen Fachleuten werden sie außerdem mit charakteristischen Aspekten ihrer künftigen Tätigkeit konfrontiert.

Denn Komponieren erschöpft sich nicht nur im Schreiben von Partituren, so schön das wäre. Ein Komponist muss sich, heute noch mehr als in vergangenen Zeiten, zu seinem Leidwesen mit vielen Dingen befassen, die wenig mit schöpferischer Tätigkeit zu tun haben. Nicht von ungefähr stand diesmal auch ein Workshop unter dem etwas furchteinflößenden Titel „Der Komponist als Unternehmer. Die ökonomischen Grundlagen für das Komponieren heute (Verwertungsgesellschaften in Europa, GEMA, GVL)“ auf dem Programm; andere Themen lauteten „Vermittlung neuer Musik“ oder „Komponist und Verlag“.

Workshop mit Mathias Spahlinger und Dr. Rainer Nonnenmann; Foto: Musikhochschule TrossingenIm Zentrum stand jedoch die Begegnung mit den Komponisten und ihren Uraufführungen: mit Salvatore Sciarrino und seinem Orchesterstück Libro notturno delle voci, mit Mathias Spahlinger und seinem vierstündigen Orchester-Event Doppelt bejaht und mit Manos Tsangaris und seinem Musiktheaterstück Batsheba. Eat the History!. Damit erhielten die Teilnehmer einen klaren Begriff von der Vielfalt der ästhetischen Positionen, die heute nebeneinander existieren. In der Schlussdiskussion am Tage nach Beendigung des Festivals, an der auch die Komponisten teilnahmen, kam es dann auch zu einer angeregten Diskussion und vielen kritischen Fragen. Die Frage, wie man sich als junger Komponist zu dem fast unüberschaubar gewordenen Pluralismus der Stile und Techniken verhalten soll, zog sich wie ein roter Faden durch den gesamten Workshop. Antworten darauf, so das Fazit, können nur individuell gefunden werden, denn allgemein verbindliche ästhetische Leitlinien sind zurzeit nicht in Sicht.

Wie kommt die neue Musik zum Publikum?

„Open Space“-Diskussion; Foto: Musikhochschule TrossingenEine weitere Frage, die gerade in der „Open Space“-Diskussion immer wieder auftauchte, betraf die Vermittlung und ihre Methoden. Wie bringe ich meine Musik unter die Leute? Ausgesprochen skeptisch wurden PR-Strategien beurteilt, die, ohne groß auf die musikalischen Inhalte einzugehen, einzig auf den „Verkauf des Produkts“ ausgerichtet sind.

Kritik wurde in diesem Zusammenhang auch an den Filmen geäußert, die in Zusammenhang mit dem „into“-Projekt gedreht und nun zusammen mit ausgewählten Werken den Teilnehmern vorgeführt wurden. Sie seien rein touristisch und würden über die zur Debatte stehenden Werke überhaupt nichts aussagen – ein Beispiel, wie Werbung für Musik nicht aussehen sollte. (Mit dem „into“-Projekt, einer vom Goethe-Institut unterstützten Initiative des Ensemble Modern und des Siemens Arts Program, wurden sechzehn Komponistinnen und Komponisten aus Deutschland in Großstädte auf allen Kontinenten geschickt, damit sie sich dort zu einem neuen Werk inspirieren konnten.)

Ein lebhaftes Hin und Her zwischen Konsens und Dissens, Neugierde und Aufrichtigkeit in der Argumentation, dazu ein starkes Bedürfnis, sich Klarheit über die gesellschaftlichen Voraussetzungen des Musikmachens zu verschaffen – das waren die prägenden Eindrücke, die man von einem Besuch des Workshops mit nach Hause nehmen konnte. Die Atmosphäre war entspannt, das Diskussionsniveau erfreulich hoch. „Next Generation“: Dass es die musikalischen Akteure von morgen sind, die sich so gründliche Gedanken über ihren Beruf machen, stimmt optimistisch für die Zukunft der neuen Musik.

Max Nyffeler
ist Musikpublizist und lebt in München. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Musik des 20./21. Jahrhunderts.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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