Porträt Bert Neumann

In den Bühnenbildern von Bert Neumann steckt immer Haltung. Seine Vorliebe für Schrebergärten, Container, provisorische Architektur, für Plastikstühle, Rollgitter, Neonlampen oder Blümchentapete, für politische und wirtschaftliche Symbole, also für jenes alltägliche Dekor, das die Kunst eher meidet, behauptet stets: das Rohe ist das Wahre. Im eleganten Design, in der harmonischen Kunststimmung und in Kulissen, die ihre Konstruktion verstecken, sieht Neumann die Lügen der Repräsentation. Ihn interessieren die "moralisch verschlissenen Materialien", aus denen sich Ehrlichkeit in der Kunst und Distanz in der Betrachtung gewinnen lassen.

Entsprechend sieht man bei seinen komplexen Bühnenentwürfen immer, wie es gemacht ist. Aus Sperrholz, Fundstücken, Baumarkt-Materialien und Secondhand-Utensilien entsteht eine erhabene und ironische Trostlosigkeit, die sich kongenial mit dem aggressiven Realismuskonzept seiner Regisseure verbindet. Vor allem natürlich in der langjährigen Arbeit mit Frank Castorf an der Volksbühne, wo der geborene Magdeburger seit 1992 Ausstattungsleiter ist und auch das gesamte Erscheinungsbild entworfen hat, entwickelte sich seine spezielle Ästhetik. Aber auch mit Regisseuren wie René Pollesch, dem Holländer Johan Simons oder dem Belgier Alain Platel geht Neumanns Verschrottung des schönen Scheins in immer neuer Schönheit auf.

Der Zuschauer wird Teil der Kulisse, und die Kulisse starrt zurück
Sein aufwändiger Entwurf für Castorfs Inszenierung Der Idiot (Dostojewski) entfaltete die verschiedenen Aspekte seiner Kunst beispielhaft in einer Bebauung des gesamten Theaterraums mit Funktionscontainern. Das Neustadt genannte Konzept platzierte das Publikum auf einem dreigeschossigen Stahlgestell auf der Drehbühne und ließ das Stück in Glas-Sperrholzkisten oder hinter Hausfassaden an der Bühnenrückseite spielen. Zwar drehte sich der Turm stets dorthin, wo gerade gespielt wurde, aber selbst dann konnte das Publikum immer nur einen Ausschnitt des Geschehens erkennen. Deswegen zogen Kamerateams mit dem Ensemble umher und übertrugen die Handlung aus einem Frisursalon, einer Boutique, einem Bürobau oder dem Pavillon fürs Schützenfest auf diverse Fernsehmonitore im Besucherturm und einige Leinwände.
Diese Umkehrung der Betrachterperspektive und der Zwang zum Medienkonsum schuf sicherlich die bissigste Kritik am Illusionstheater, die mit den Mitteln des Bühnenbilds möglich ist. Der Zuschauer wurde Teil der Kulisse und die Kulisse starrte zurück. Doch obwohl in den meisten Inszenierungen, für die Neumann das Bühnenbild entwirft, dem Publikum die Möglichkeit zur freiwilligen Selbsttäuschung dadurch geraubt wird, dass es die Herstellung des Theatereffekts jederzeit miterlebt, stiehlt Neumann niemand das Ereignis selbst. Nicht nur die vielen Stunden von Castorfs Inszenierung werden durch Neumanns eigenständige Zeichen- und Erlebnisproduktion zu einem hochsinnlichen Totaltheater. Auch bei anderen Arbeiten setzt er auf die großen Gesten des Spektakels.
Schauspieler in Pommes-Frites-Tüten
Für Johan Simons Inszenierung von Heiner Müllers Anatomie Titus Fall of Rome in den Münchner Kammerspielen ließ er den Zuschauerraum auf der Bühne nachbauen, stemmt diesen aber gegen Schluss hydraulisch so steil empor, dass Römer und Goten gleichermaßen hilflos dem Absturz entgegensehen. Alain Platels brillantem Tanzmusiktheaterstück Wolf baute er auf dem Festival Ruhrtriennale eine Manege aus der Rückseite eines abgewrackten Supermarktlagers. Und als ein Ausstatter, der in der Regel die Kostüme mit entwirft, steckt er die Schauspieler schon mal in große Pommes-Frites-Tüten, hängt ihnen eine lebende Boa Constrictor um oder animiert sie mit den absurdesten Formen der Geschmacks-Travestie zu grotesken Höchstleistungen.
Dieses zirkushafte Element in Neumanns Bühnenbildern entfernt sie weit von jedem didaktischen Ernst. Ähnlich wie Punk es in seinen Anfängen tat, verbindet er Kritik an einem herrschenden Konzept von Wahrheit, Wert und Schönheit mit Kunstwollen zu aggressiver Ironie. Das Ergebnis sind einzigartige politische Plastiken für die Erfindung eines anderen Lebens.

Till Briegleb ist Kritiker (Sueddeutsche Zeitung, Theater Heute) und Jurymitglied der Mülheimer Theatertage