Porträt Johannes Schütz

Das mobile Einsatz-Kommando besteht aus zwei Personen. Der Wanderbetrieb Jürgen Gosch (Regie) und Johannes Schütz (Bühnenbild) existiert seit mehr als zwei Jahrzehnten und hat noch an Dynamik gewonnen. Berlin, Bochum, Düsseldorf, Hamburg, Hannover, Köln, Zürich sind die Stationen, an denen sie gemeinsam (und höchst erfolgreich) ihre Vorstellung von Theater entwickeln. Zumal die jüngeren Arbeiten streben in einem Prozess der Selbstreinigung der Vollendung entgegen, die gleichsam in der Kunst des Verschwindens liegt. Oder aber in scheinbarer Provokation Äußerstes wagt. Das Prinzip Gosch / Schütz heißt Entzauberung. Keine Trickserei. Auf der formalen wie inhaltlichen Ebene meint es die Aufdeckung der Kulissenhaftigkeit von Theater. Hier gilt das Wort Susan Sontags von der "Transparenz", das die Amerikanerin in ihrem berühmten Essay "Against Interpretation" benutzte und als "Erfahrung der Leuchtkraft des Gegenstandes selbst" verstanden wissen wollte.
Installationen des leeren Raums
Schütz' Zeichenlehre für seine Entwürfe einer nie hermetischen Bühne ist abstrakt und symbolisch gleichermaßen. Aber das Symbolische dominiert nicht den geometrisch offenen oder mit wenigen Linien markierten Spiel-Raum, sondern zeigt sich darin wie eine Installation. Stets zieht Schütz (mit und für Gosch) die Grenze zwischen Bühne und Welt. Der theatrale Raum soll als solcher kenntlich werden. Bloß keine Einbildung, keine falschen Hoffnungen, kein Illusionsspektakel. Der Zeitgeist findet in dieser Kargheit, dem Unverputzten und Ausgeräumten keine Verbreitung. Die Fabel spricht für sich. Und die mittels äußerlich präzise gesetzter Chiffren geklärte Spiel-Situation erlaubt die extremsten Energien und Impulse der Schauspieler.

In Kleists "Käthchen von Heilbronn" spendete nichts als eine magische Glühlampe ein kleines Licht im schwarz verhängten Bühnenzauberkasten, an dessen Rückwand Kleiderständer und Stühle aufgereiht waren, die als Vehikel dienten, um Improvisation in Bewegung zu setzen. Es sah aus, als hätte Schütz für seinen genial einfachen Wurf in Peter Brooks "Der leere Raum" nachgeschlagen.

Symbolische Wegweiser
Den Weg zu "Hamlet" wies, gleich einem Fingerzeig, ein Trommelscheinwerfer, der auf einen Ziegelsteinhaufen zielte. Die Trümmer wurden später zu einer langen Mauer geschichtet, mit der der neue König seine durch Brudermord etablierte Herrschaft zu festigen beabsichtigt und dabei doch vergeblich sich müht wie ein Verdammter dieser Erde. Der Totengräber indes schlug mit seiner Spitzhacke eine Bresche in den Wall.

In Gorkis "Sommergäste" lagerte Schütz einen riesigen Baumstamm hinter der Spielfläche ab, der sich erst langsam während der drei Stunden den Blicken darbot. Und im radikalisierten "Macbeth" hatte er ein weißes Papiersegel über die leere Fläche gespannt, das bald zerfetzt wurde, um als Fanal der Zerstörung den mit Blut, Mehl und Wasser besudelten Raum zu überhöhen.

Die Rahmenbedingungen des Theaters
Manchmal sind es Verkleinerungsformate, die Schütz herstellt, Angebote in aller Bescheidenheit, Demutsgesten, um das Drama nicht zu beengen. In Jon Fosses "Da kommt noch wer" hatte Schütz das Skelett eines Hauses wie eine mit Leuchtstift gezogene Kontur, mathematisch exakt am Reißbrett, entworfen. Ein Haus im luftleeren Raum, ohne Wände. Die Form besaß eher abstrakten Charakter, als dass sie konkrete Lebensbasis böte. Je länger man das Haus betrachtete, desto weniger verstand man es. Es gibt keine Sicherheit der Hülle, nichts hat Bestand, wie auch in "Virginia Woolf" deutlich zu erkennen war. Die Figuren Martha und George müssen die Leere durchqueren - und enden an der Rampe. Oder sie leben, wie Tschechows "Drei Schwestern", in einem geschlossenen Kasten, aus dem sich nur nach vorn hin mit einer Schaukel ins Parkett frei schwingen lässt.

Grundsätzlich liegt bei Schütz die Betonung auf den "Rahmen"-Bedingungen des Theaters selbst. Weshalb auch die Schauspieler häufig vor seinen Bühnen in der ersten Parkettreihe Platz nehmen, um für ihren Einsatz die Rampe zu erklimmen. Wir bleiben als Augenzeugen: außen vor. Und sehen ein Spiel. Auf diese einfache Weise wird die rätselhafte, auch kontemplative Leere des Raums zu einer Funktion der Zeit - und umgekehrt. "Du siehst mein Sohn, zum Raum wird hier die Zeit", unterrichtet Wagners Gurnemanz den "Parsifal". Johannes Schütz' Verfahrenstechnik zur Reduktion lässt nichts als die Essenz gelten.

Andreas Wilink