Hintergrund

Das Drama mit den Dramen – neue Stücke und Uraufführungen der Spielzeit 2008/2009

„Rechnitz (Der Würgeengel)“ von Elfriede Jelinek, Uraufführung an den Münchner Kammerspielen; v.l.n.r.: Hans Kremer, Hildegard Schmahl, Steven Scharf, Katja Bürkle, André Jung; Foto: Arno DeclairEine Übersicht über die wichtigsten neuen Stücke und Uraufführungen der Spielzeit 2008/2009.

Man kann zurzeit nicht vom neuen deutschen Drama sprechen, ohne von der deutschen Dramatikerförderung zu sprechen. Noch vor ein paar Jahren der Theater liebstes Kind, werden jetzt die Zweifel vor allem an der intensiven Nachwuchsförderung im deutschsprachigen Bühnenbetrieb laut. Das Wiener Burgtheater sagte dieses Jahr seine renommierte Dramatiker-Werkstatttage ab: Die eingesandten Stücke erfüllten die Anforderungen nicht. Die Berliner Festspiele veranstalten ein Symposion zur Dramatiker-Förderung, um eine Neuorientierung zu finden. Einerseits überfördert, zwischen Schreibwerkstatt und Autorentheatertagen, etlichen Preisen und diversen Stipendien, andererseits als Autoren und eigenständige Künstler von den Theatern nicht ernst genommen: Irgendwo dazwischen bewegt sich der deutschsprachige Dramatiker. Kann man als Dramatiker überhaupt noch eine Künstlerbiografie haben, kann man davon leben, gibt es zwischen Uraufführungswahn und Neuigkeitssucht und dem schnellen Vergessen einen Weg?

„Krieger im Gelee“ von Claudius Lünstedt, Uraufführung am Schauspielhaus Wien; mit: Steffen Hoeld, Nicola Kirsch; Foto: Alexi PelekanosUnterdessen werden junge Autoren natürlich weiterhin munter uraufgeführt. Drei bisher weitgehend unbekannte Dramatiker sind es, die in der jüngsten Vergangenheit auf sich aufmerksam gemacht haben. Am vielversprechendsten ist vielleicht Claudius Lünstedt (geboren 1973, ausgebildet an der Hochschule für Musik und Theater, Leipzig) mit seinem raffinierten Stück Krieger im Gelee, uraufgeführt am Schauspielhaus Wien. Drei sprachlich ausgefeilte Monologe drehen sich um eine Entführungs- und Mordgeschichte, vor allem aber um die Frage: Wer tut hier was und warum? Anne Habermehl (geboren 1981, Ausbildung an der UdK, Berlin) schreibt Gesellschaftsdramen, wo gnadenlose Spielregeln die Figuren bis ins Innerste im Griff haben, am erfolgreichsten bisher mit Daddy. Und Thomas Freyer (geboren 1981, Ausbildung an der UdK, Berlin) schreibt in dem finsteren, hoffnungsleeren Stück Und in den Nächten liegen wir stumm hart und finster an dem nur scheinbaren Gegensatz „Jugend und Tod“ entlang.

Dirk Laucke (geboren 1982, ausgebildet an der UdK, Berlin), bekannt bereits vor allem durch alter ford escort dunkelblau, ist mit Der kalte Kuss von warmem Bier eine nicht sehr spektakuläre, aber präzise bundesrepublikanische Gewaltstudie gelungen. Präzise ist auch Ulrike Syha, sie beschränkt sich dabei aber zunächst ganz auf den privaten Sektor: Privatleben heißt ihr neues Stück, uraufgeführt in Chemnitz, das vom leeren, müden und pragmatisch-angepassten Beziehungsleben von Lutz und Karla erzählt. Auch der Rückzug ins Privatleben hat hier jede utopische Rolle, und sei es als Schwundstufe, verloren.

Gehobenes deutsches Fernsehspiel

„Königs Moment“ von Jan Neumann, Uraufführung am Nationaltheater Mannheim; Foto Christian KleinerAbseits von der üblichen Dramenförderung entwickelt der Schauspieler Jan Neumann während der Probenarbeit seine Dramen. Das jüngste Ergebnis, Königs Moment, uraufgeführt in Mannheim, erzählt von einer kleinen greifbaren Katastrophe, während eine große Katastrophe ungreifbar bleibt. König verunglückt auf der Autobahn, wie ein Momenttraum geht ihm alles durch den Kopf, was ihn hierher geführt hat, gleichzeitig sind im Radio die jüngsten Nachrichten von der Finanzkrise zu hören.

„Geisterfahrer“ von Lutz Hübner, Uraufführung am Schauspiel Hannover, Mit: Christian Erdmann, Sabrina Ascacibar; Foto: Matthias HornLutz Hübner schreibt Dramen so, wie Drehbücher für das gehobene deutsche Fernsehspiel, realistisch, mit Rolle und Handlung. Das machte ihn jahrelang zu einem Außenseiter im deutschen Theater, nun wurde er mit Geisterfahrer, uraufgeführt in Hannover, nach Mülheim eingeladen. Das Drama entlarvt die liberal-weltaufgeschlossene Haltung einer großen Mittelstands-WG, die Charaktere sind genau und sehr glaubwürdig entfaltet, die Tragödie drängt sich quasi von alleine auf.

Die großen Namen waren auch nicht untätig. Bei den Mülheimer Theatertagen, wo der wichtigste deutsche Dramenpreis verliehen wird, hat wieder Elfriede Jelinek gewonnen. Rechnitz ist eine wort- und kalauerreiche Suada, wie bei dieser Autorin gewohnt, gegen das Schweigen, in diesem Fall gegen die Verdrängung von Nazigreueln. Ganz am Ende des Krieges wurden bei einer Feier in Rechnitz fast 200 Juden grundlos dahingemetzelt. Jelineks Sprecher winden sich in die Vergangenheit hinein, genauso wie sie sich winden, um sie loszuwerden. Sie sind professionelle Vergangenheitsbewältiger und gleichzeitig -verdränger. Damit entspricht dieses Drama wahrscheinlich sehr genau dem aktuellen Bewusstseinsstand.

„Der Goldene Drache“ von Roland Schimmelpfennig, Uraufführung am Burgtheater Wien, v.l.n.r.: Barbara Petritsch, Philipp Hauß, Christiane von Poelnitz, Johann Adam Oest; Foto: Reinhard WernerHervorragend ebenfalls Roland Schimmelpfennigs Hier und jetzt, der bei einer Hochzeitsfeier mehrere Lebensläufe luftig zusammenführt, in bewusst redundanter Sprache umkreisen sie ihr Glück und Unglück. Einfache Sätze und unergründlicher Vorgang, leichte Sommerluft und verdrängte Gewalt, das verwebt Schimmelpfennig zu einem stimmungsvollen Panorama, das Jürgen Gosch in Zürich, in einer seiner letzten Aufführungen, mehr als kongenial uraufgeführt hat. Schimmelpfennigs Stücke lebten lange von Goschs Aufführungen. Sein jüngstes Stück Der Goldene Drache nun selbst im Akademietheater in Wien uraufgeführt, ganz im Stil von Gosch. Das Drama verknüpft eine Missbrauchs- mit einer Migrationstragödie.

Komödiantisch gut abgefedert

Schimmelpfennig ist wahrscheinlich der erfolgreichste deutsche Dramatiker. Die meisten Stücke schreibt dagegen wahrscheinlich René Pollesch, der sie immer selbst inszeniert, Ausflüge ins moderne Bewusstsein, diskursiv gut untermauert, komödiantisch bestens abgefedert. Das avancierteste seiner neuen Stücke ist Fantasma, ebenfalls am Wiener Burgtheater, Pollesch parallelisiert hier Liebe und Ökonomie und wie sie zu Grunde gehen. Ping Pong d’amour an den Münchner Kammerspielen und Wenn die Schauspieler mal einen freien Abend haben wollen, übernimmt Hedley Lamarr, mit Harald Schmidt in Stuttgart sind zwar komödiantische Höchstleistungen, vielleicht aber doch nicht ganz ernst zu nehmen.

„Der Stein“ von Marius von Mayenburg, Uraufführung an der Schaubühne Berlin; v.l.n.r. Judith Engel, Bettina Hoppe, Elzemarieke de Vos; Foto: Matthias HornMarius von Mayenburg hat es mit Der Stein geschafft, die deutsche Geschichte von der Nazizeit bis heute in ein Panorama zu bringen, zusammengehalten von einem Haus mit wechselnden Besitzern. Händl Klaus hat mit dem Musical Furcht und Zittern die Ambivalenzen des Themas Kindsmissbrauch ausgeleuchtet. Sehr böse und sehr liebevoll ist dagegen Sibylle Bergs Die goldenen letzten Jahre, ebenfalls eine Art Musical, sie schreibt, unterbrochen durch boshafte Lieder, eine ernsthafte Utopie für das Rentenalter, uraufgeführt in Bonn. Lange verlorene Würde wird wiederentdeckt, befreit vom Druck des Dazugehörens kann man ungeniert endlich der werden, der man ist.

Am Rand dramatischer Produktion stehen mehrere, äußerst beeindruckende Stücke: Christoph Schlingensief hat mit Mea Culpa, wieder Burgtheater, eine intensive, ebenso gefühlvolle wie sarkastische Auseinandersetzung mit seiner Krankheit, dem Lungenkrebs, gefunden. Joachim Meyerhoff beeindruckte mit seiner von ihm selbst vorgetragenen Autobiografie in sechs Teilen, Alle Toten fliegen hoch, die Jury des Theatertreffens so nachdrücklich, dass sie ihn auch nach Berlin einluden.

Peter Michalzik
ist Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau und ist im Auswahlgremium für das Festival „Stücke – Mülheimer Theatertage“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2009

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