Hintergrund

Globalisierte Arbeitswelten – neue deutsche Stücke der Spielzeit 2010/2011

„Winterreise“, Elfriede Jelinek, Uraufführung am 03. Februar 2011, Münchner Kammerspiele; © Julian RöderEin Rückblick auf die wichtigsten neuen deutschen Stücke und Uraufführungen der Spielzeit 2010/2011.

Eine Jury aus fünf Theaterkritikerinnen und -kritikern bestimmt seit 1976, welche sieben bis acht Stücke eines Jahrgangs im deutschsprachigen Theater zum Stücke-Festival nach Mülheim eingeladen werden. Es sind, zumindest in den Augen dieser Jury, die auffälligsten, innovativsten, na ja: die besten des Jahres. Zwei Wochen lang werden sie im Mai und Juni in Mülheim gezeigt und diskutiert, und immer wieder ist man versucht, Trends neuer deutscher Dramatik aus dieser Auswahl abzuleiten.

Diesjährige Auswahlkriterien

Das Unterfangen kann leicht in die Irre führen. Zum einen, weil bei bis zu 150 Uraufführungen auf deutschsprachigen Bühnen pro Jahr sieben Einladungen gerade mal einen fünf-Prozent-Ausschnitt markieren. Und bestimmte Genres, die auch gerne als Uraufführung firmieren, ausgeschlossen sind: Roman- und Filmbearbeitungen fallen im Selbstverständnis der Mülheimer Stücke so wenig in ihre Zuständigkeit wie die zahlreichen dokumentarischen Formate, die auf deutschen Bühnen immer stärker vordringen. (Die Einladung des Expertentheaters von Rimini Protokoll 2007 mit ihrem Marx-Abend zum Kapital blieb eine heftig diskutierte Ausnahme.)

„Die ganze Welt“, Theresia Walser und Karl Heinz Ott; © Florian MerdesZum anderen, weil eine Jury sich auch Trends verweigern kann. Wie in dieser Spielzeit, in der plötzlich in auffälliger Häufung Stücke in der Zimmerschlacht-Konstellation zu sehen waren, die 1962 Edward Albee mit Wer hat Angst vor Virginia Woolf erfand: Zwei Paare (gerne ein älteres, ein jüngeres) treffen sich, trinken und kriegen sich politisch, moralisch, erotisch in die Wolle. Roland Schimmelpfennig (Peggy Pickit sieht das Gesicht Gottes), Rebekka Kricheldorf (Robert Redfords Hände selig), Theresia Walser und Karl-Heinz Ott (Die ganze Welt) und andere bedienten sich in dieser Spielzeit in durchaus hochversierter Weise dieses Settings, um von einem wohlstandsverwahrlosten Bürgertum zu erzählen, dem mangels tiefer gehender Interessen nichts bleibt als die alkoholgetränkte Selbstzerfleischung. Als Kontrast werden dazu gelegentlich Probleme der Welt draußen angerissen, am liebsten das afrikanische Elend, dem man sich in theoretischem Gutmenschentum zumindest verbal zuwendet.

Dritte Welt und sozialer Umbruch

In Mülheim war, trotz aller rhetorischen Eleganz, keins dieser Stücke zu sehen. Denn es gab genug Texte, die die Verhältnisse schärfer und direkter ins Visier nahmen. Zum Beispiel Kevin Rittberger, Jahrgang 1977 und erstmals in Mülheim eingeladen. Um die Afrika-Problematik dreht sich auch Kassandra oder Die Welt als Ende der Vorstellung (uraufgeführt am Wiener Schauspielhaus), doch das Stück macht sich die Mühe, statt nur das eigene Wegschauen zu thematisieren, erst einmal hinzugucken: Rittberger hat in Spanien mit Boatpeople gesprochen und ihre Geschichten aufgeschrieben, um sich erst im zweiten Teil seines Stücks der Unmöglichkeit zuzuwenden, tatsächlich zu begreifen, was da geschieht.

Rittberger wagt sich weit hinaus aus dem eigenen Milieu. Armin Petras alias Fritz Kater begibt sich tief hinein. Aus dem soziologisch-theatralen Forschungsprojekt Über Leben im Umbruch hervorgegangen, ist we are blood eine dichte Szenenfolge über das abgewickelte Leben in den neuen Bundesländern, die verzweifelt dem Verlust des Wir nachspürt.

Deutsche Arbeitswelten

Petras’ empathischer Ernst konterkariert die wütende Farcenhaftigkeit, mit der drei weitere der nach Mülheim eingeladenen Stücke – Spätfolge der im deutschen Drama kaum reflektierten Finanzkrise? – prekäre zeitgenössische Arbeitsverhältnisse ins Visier nehmen. Felicia Zellers in Mannheim uraufgeführte virtuose Sprachpartitur Gespräche mit Astronauten begibt sich ins Innere der vaterlosen deutschen Familie, wo doppelbelastete Mütter Hilfe erhoffen von Au-pairs aus östlich gelegenen europäischen Ländern, die bei Zeller Schlamparei oder Würgistan heißen. Sehr komisch und politisch sehr korrekt lavieren die deutschen (Gast-)Mütter zwischen linksliberalem Toleranzselbstverständnis, Überforderung und mühsam kaschierter Ausbeutungsbereitschaft. Die osteuropäischen Hilfskräfte hingegen versuchen auch nichts anderes, als ihre Schäflein ins Trockene zu bringen. In Lutz Hübners Angestellten-Farce Die Firma dankt (Dresden) trifft es den leitenden Angestellten Adam Krusenstern: Das Unternehmen, dem er 20 Jahre diente, wird gerade komplett umgekrempelt, und als neuer Chef entpuppt sich ein hipper Uni-Absolvent, der die schöne neue (Arbeits-)Welt im Andy-Warhol-Factory-Modus beschreibt, die für Old-School-Typen wie Krusenstern keine Verwendung hat. Und Oliver Klucks Warteraum Zukunft nimmt sich des Problems Karriere aus der Sicht der mittlerweile auch schon auf die 30 zusteuernden Generation Praktikum an, die sich auf ein ungewisses, vollflexibles Berufsleben einzustellen hat. Kluck hat wenig Mitleid mit ihrer verwöhnten Larmoyanz, ihrem verbissenen Ehrgeiz, ihrem trostlosen Aggressionsstau, dafür einen umso präziseren Blick und eine hochflexible Sprache, die in einem Satz von Innen ins Außen, von Unterwerfung in den nackten Hass des Jeder-gegen-Jeden umschlagen kann.

Prekariat und Migration

„Verrücktes Blut“, Ballhaus Naunynstraße; © Ute Langkafel www.flickr.comDie neoliberale Globalisierung hat viele abgehängt. Die Ausgeschlossenen, Heinz Budes Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft, könnte als Motto über vielen der neuen Stücke dieser Saison stehen, von Dirk Laucke (Start und Landebahn), Philipp Löhle (Die Überflüssigen, supernova) bis zu Ewald Palmetshofer (tier. man wird doch bitte unterschicht). Dass sie dabei den Betroffenheitskitsch durch bösen Witz und schnelle Perspektivwechsel zu vermeiden wissen, zeichnet diesen Jahrgang aus. Das gilt auch für Verrücktes Blut. Nurkan Erpulats und Jens Hilljes Überraschungshit der Saison in der Berliner Naunynstraße zeigt junge türkische Postmigranten der zweiten oder dritten Generation, an deren Bildungsauftrag sich ihre Lehrerin mit der Knarre in der Hand und Schillers Aufklärungsideal im Kopf so lange abarbeitet, bis alle Klischees Kopf stehen.

Den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen aber hat zum vierten Mal Elfriede Jelinek mit ihrer Kunst, die sich jeder Einordnung entzieht: Ihre höchstpersönliche Winterreise bohrt sich tief und schmerzhaft in die eigene Familiengeschichte hinein, eine Sprachlawine, die keine Selbstschonung kennt und von einem Ausgeschlossensein jenseits aller Soziologie erzählt.

Barbara Burckhardt
ist Theaterkritikerin und Redakteurin bei Theater heute. Sie war von 2005 bis 2007 Jurorin des Berliner Theatertreffens und ist seit 2010 in der Jury der Mülheimer Stücke.

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Oktober 2011

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