Institutionen, Bühnen, Festivals

Ungeahnte Räume – das 9. Internationale Schattentheaterfestival

Das Staatliche Puppentheater Varna, Bulgarien, mit Platons Höhlengleichnis; Foto: Internationales SchattentheaterfestivalDas Internationale Schattentheaterfestival, das vom 12. bis zum 18. Oktober 2012 stattfand, hat eine ganz eigene Tradition und macht Schwäbisch Gmünd alle drei Jahre zum internationalen Treffpunkt des zeitgenössischen Schattentheaters. Dieses Mal kamen Gastspiele aus Brasilien, Bulgarien, England, Italien, Polen, Russland und Spanien.

Die Kunst des Spiels mit Licht und Schatten ist alt, ihre Anfänge liegen in historischer Dunkelheit. Es mag wohl als Kunst der Stille begonnen haben, das Schattenspiel, das Schattentheater. Frühe Höhlenzeichnungen zeigen die Schatten menschlicher Körper, Hände vor allem, Zeichen des Jagdzaubers und magischer Rituale unserer Urahnen: Schatten, um Schatten der Angst zu bannen. Die Faszination der Schatten fand schon immer Ausdruck in den Mythologien aller Kontinente. Das Schattenmotiv wurde Gegenstand der Literatur, der Bildenden Kunst, der Musik, der Psychoanalyse. Aus dem stummen Spiel der Hände vor dem Feuer, vor dem Licht einer Fackel, einer Öllampe, einer Kerze erschienen Hunde, Hasen, Vögel, Hexen und Gnome. Aus Furcht vor dem großen Schatten des Todes wurden sie zum Theater der Geister und Dämonen, der Götter und der Fabelwesen.

„Hamlet“ vom Theater Handgemenge aus Berlin in Koproduktion mit dem Theater Erfurt; Foto: Lutz Edelhoff

Asiens Schatten in Europa, ex oriente lux

Asiens traditionelles Schattentheater erreichte den Bosporus vermutlich auf dem Weg über Persien und Ägypten, kam an den Hof des Sultans Süleyman und dann auch zu den Hellenen. Seit dem 17. Jahrhundert wurden in Italien, Frankreich, an europäischen Fürstenhöfen wie auf Märkten und in Herbergen „Chinesische Schatten“ aufgeführt. Romantik und Biedermeier kultivierten Scherenschnitte und Schattenrisse. Die Puppenspiele des Grafen Pocci wurden auch mit Schattenfiguren gespielt und Lotte Reiniger schuf ihre noch heute bezaubernden Scherenschnittfilme. Doch dann wurde es still um diese europäische Schattenspielkunst. In der Welt des wieder zu neuem und künstlerisch anspruchsvollem Leben erblühenden Puppentheaters fehlte das Theater der Schatten für lange Zeit.

Wiedergeburt der Schatten, Gründerzeit neuer Formen

„Königs Weltreise“ vom Theater Handgemenge aus Berlin; Foto: Jörg MetznerDas Internationale Schattentheaterfestival in Schwäbisch Gmünd geht auf eine sehr frühe Initiative von Rainer Reusch zurück, der ursprünglich mit dreidimensionalen traditionellen Marionetten arbeitete. Als er für das Tolstoiprojekt eines Schauspielers Engel und Teufel herstellen sollte, kapitulierte er und experimentierte mit Schattenfiguren. Von diesen Versuchen ging für ihn eine solche Faszination aus, dass er mit seinen Söhnen 1982 eine erfolgreiche Schattentheaterbühne auf die Beine stellte. Als ihm bei diversen Festivals das Fehlen eben jener Spielform auffiel, gründete er sein eigenes Festival, das inzwischen einzigartig in der Welt ist. Seine Bühne ließ er für viele Jahre ruhen, rief aber das Internationale Schattentheaterzentrum ins Leben, welches das Schaffen von mehr als 300 zeitgenössischen Schattentheatern aus aller Welt dokumentiert und das zu einem ständigen Museum werden soll. Noch hat das Zentrum nur ein provisorisches Domizil, doch die Stadt hat ihre Unterstützung versprochen. Rainer Reusch hat 2009 die Leitung des Festivals an Sybille Hirzel übergeben, ist aber weiterhin für seine Dokumentationsarbeit verantwortlich und kann sich seit seiner Verabschiedung noch einmal intensiv eigenen Theaterproduktionen widmen.

Vom Handschatten zum Sandschatten

Rainer Reusch „Karneval der Tiere“; Foto: Internationales SchattentheaterfestivalDas Festival in Schwäbisch Gmünd zeigt zeitgenössisches Schattentheater, dessen Zentren in den letzten Jahrzehnten in Europa, Nordamerika, Japan und Australien erblühten. Vom rechteckigen Schattenschirm, an dem die oft nur von einer Glühbirne oder einem Projektor beleuchteten Figuren wegen der Konturenschärfe dicht entlang geführt wurden, haben sich viele Bühnen radikal losgesagt. Die Einführung der Halogenlampe, einer Punktlichtquelle, erlaubte gänzlich neue Spielweisen, Raumwirkungen, frei bewegliche Spielschirme. Perspektivwechsel, dramatische Wechsel der Bildgröße, Deformationen der Körperschatten, stereoskopische Effekte wurden möglich. Der Zwang zur Zweidimensionalität, zur Abbildung auf der Fläche wurde abgeschüttelt. Und so schweben Tänzer und Figuren durch ungeahnte Räume, seit der Physiker Rudolf Stössel aus der Schweiz, die Puppenspieler Luc Amoros aus Frankreich und Fabrizio Montecchi aus Italien Pionierarbeit leisteten, gefolgt von Hansueli Trüb aus der Schweiz und Norbert Götz aus Bamberg. Auch in diesem Jahr gab es wieder gern besuchte Workshops für praktizierende Schattenpieler sowie einen Kurs als Lehrerfortbildung zum pädagogischen Gebrauch des Schattenspiels.

Karneval der Tiere, Platons Höhlengleichnis, abstrakte Bilder und Trash

Die Vielfalt des Programms war überwältigend. Der Karneval der Tiere erlebte mehrere Interpretationen, an zwei Abenden von der ausgezeichneten Philharmonie der Stadt begleitet. Das Staatliche Puppentheater Varna, Bulgarien, ließ sich von Platons Höhlengleichnis und abstrakter Malerei inspirieren. Das Theater Handgemenge aus Berlin zeigte Königs Weltreise und, in Koproduktion mit dem Theater Erfurt, eine anregende und sehr unterhaltsame Variation des Klassikers Hamlet. Den furiosen Abschluss lieferte der Kanadier Mr. Bunk, Trash mit Hingabe und Tempo auf großer Bühne, und Rainer Reusch führte seinen Karneval der Tiere als Clown vor, wobei er Sandmalerei verwendete: Auf einer durchleuchteten Fläche wird hier mit den Händen Sand bewegt, zu Bildern geformt, und mittels Videokamera und Beamer erscheinen die beweglichen und vergänglichen Bilder dann auf einer Projektionswand – Sandschatten.

Hartmut Topf
ist Journalist und Publizist in Berlin, mit einer großen Liebe zum Puppen- und Figurentheater.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2012

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