Vom Sinn der Konventionen – die Ruhrtriennale 2012 bis 2014
Die „Ruhrtriennale – International Festival of the Arts“ geht vom 23. August bis 6. Oktober 2013 in die nächste Runde. Unter der Leitung des künstlerischen Allrounders Heiner Goebbels entwickelt sie sich zu einem Festival der Nachhaltigkeit, in dessen Zentrum Innovationskraft und Publikumsnähe stehen. Ein Überblick.
Rimini Protokoll: Situation Rooms, Foto: Ruhrtriennale,
Pigi Psimenou
Die Ruhrtriennale mit ihren ungewöhnlichen und spektakulären Spielorten, deren Bühnen einer schwerindustriellen Vergangenheit abgerungen wurden, ist kein Festival, das künstlerischen Mainstream ansteuern kann. Zur Konzeption gehört, dass die jeweiligen Intendanten mindestens einem Drei-Jahres-Zyklus ihre persönliche Kontur geben.
Der Theaterkünstler Heiner Goebbels, der 2013 im zweiten Jahr geschäftsführender Intendant der Ruhrtriennale ist, will Kunst präsentieren, die ein ästhetisch innovatives Potenzial demonstriert und eine im Vergleich dazu viel zu marginale Rolle in der öffentlichen Wahrnehmung spielt. Wenn es ein übergeordnetes Thema seiner Konzeption gibt, dann ist es die Arbeit mit der Wahrnehmung des Publikums, dem eine viel aktivere Rolle beigemessen wird als das im konventionellen Kunst-, Musik- und Theaterbetrieb üblich ist. Dazu gehört auch die Verschränkung verschiedener Kunstsparten zu einem vielschichtigen inszenatorischen Komplex. Ästhetische Konventionen und Wahrnehmungs-Gewohnheiten werden nach ihrem Sinn befragt; Musik, Bühne und Bewegung machen miteinander nicht das übliche Theater; Ränder und Zentren des Geschehens wechseln die Plätze.
Premieren mit Überraschungen
Weil auch Heiner Goebbels’ Ideen vom Theater nicht ohne Geschichte sind, werden in seinen Festivalprogrammen halb vergessene Repertoire-Schätze gehoben. 2012 galt die Ausgrabungsarbeit Europeras von John Cage. 2013 inszeniert Robert Wilson das Mädchen mit den Schwefelhölzern von Helmut Lachenmann, eine Oper in vorbildloser musikalischer Gestalt, in der Motive des Märchens von Hans Christian Andersen mit Texten der deutschen RAF-Terroristin Gudrun Ensslin verbunden sind. Und Heiner Goebbels selbst wird zusammen mit dem Kölner Ensemble Musik Fabrik das Stück Delusion of the Fury von Harry Partch erstmals in Europa auf die Bühne bringen. Partch ist eine Singularität der Musikgeschichte. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts entwickelte der Komponist eine eigene Ordnung im Tonraum, eigene Klangwelten, ein dazu passendes Arsenal von Musikinstrumenten, dazu Gedanken und Konzepte eines Musiktheaters.
Heiner Goebbels über Harry Partch, Quelle: Ruhrtriennale / Youtube
Tonträger mit Musik von Partch erregten in den Achtzigerjahren Aufmerksamkeit, auch bei Heiner Goebbels: „Vieles von dem, was ich den Achtziger- und Neunzigerjahren dachte und zu formulieren mich bemühte, hat er schon in den Vierziger- und Fünfzigerjahren gesagt. Er hat zum Beispiel gefordert, dass Musiker auswendig spielen, Sänger und Schauspieler tun das schließlich auch. Und es gäbe nichts, was ästhetisch todbringender sei für eine künstlerische Beleuchtung als Notenpulte mit Pultbeleuchtungen. Das sind Schwierigkeiten, mit denen ich seit 25 Jahren zu tun habe.“
Mehr als Theater
Ebenfalls dem Musiktheater zuzurechnen ist im Programm der Ruhrtriennale 2013 Goebbels’ eigene Arbeit Stifters Dinge, die ohne Darsteller und Musiker auskommt und parallel als Performance und als Installation gezeigt wird. In der Rubrik „Konzerte“ stehen die Bochumer Sinfoniker, das WDR Sinfonieorchester, das Chorwerk Ruhr sowie Improvisatoren und Kammermusiker auf dem Programm mit einem Repertoire, das in der zeitgenössischen Musik nachhaltig gewichtige Werke sucht und bei Gavin Bryars, Luciano Berio, Alban Berg, Jonathan Harvey und anderen fündig wird.
Die Tanzabteilung macht das Publikum unter anderem mit neuen Arbeiten von Anne Teresa de Keersmaker, Meg Stuart und der Grupo del Rua des Brasilianers Bruno Beltraos bekannt. Ein klarer Schwerpunkt liegt auf Arbeiten, die das Publikum selbst ins Zentrum rücken oder zum Akteur machen. Dazu gehören unter anderem Nowhere and Everywhere von William Forsythe, test pattern von Ryoiju Ikeda, die Last Adventures mit Forced Entertainment und dem Klangkünstler Tarek Atoui und die neue Performance der Gruppe Rimini Protokoll. Situation Rooms ist der Titel des Stücks, das Erfahrungen ermöglichen soll mit Menschen, deren Biografien in unterschiedlicher Weise vom internationalen Waffenhandel geprägt sind. Der Titel bezieht sich auf ein Foto, das im Mai 2011 um die Welt ging: ein Schnappschuss auf Gesichter von 13 Menschen, unter ihnen Barack Obama, die im Weißen Haus die Exekution Osama Bin Ladens live am Bildschirm verfolgten. Das Stück schickt das Publikum mit mobilen Bildschirmen und Kopfhörern in ein labyrinthisches Simultankino des Verfolgens und Verfolgtwerdens und konstituiert ein politisches Theater von und für Menschen, die der Inszenierung von Politik auf der Bühne misstrauen.
ist freier Journalist, schreibt regelmäßig für die Frankfurter Rundschau, Frankfurter Allgemeine Zeitung und neue musik zeitung über moderne Musik und Jazz.
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August 2013
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