Hebbel am Ufer: Theatertrendsetter und Debattenort

Das aus drei Bühnen bestehende Kreuzberger Theaterkombinat Hebbel am Ufer, kurz: HAU, holt die aktuellsten Theater-, Tanz- und Performancetrends aus aller Welt nach Berlin. Auf Anhieb avancierte es nach seiner Gründung 2003 zu einem der wichtigsten Orte für neue Theaterformen. Im HAU 1–3 ist die Konfrontation der Kunst mit anderen gesellschaftlichen Diskursen Programm. Als im Oktober 2003 das Theaterkombinat Hebbel am Ufer 1–3 – kurz: HAU – eröffnet wurde, schauten einem von den Berliner Plakatwänden stolze jugendliche Boxerinnen und Boxer entgegen. Ihre Gesichter waren vom Kampf gerötet und deutlich vom letzten Schlagtraining gezeichnet. Darunter stand unmissverständlich das Logo: HAU.
Die Fotos, die in einem Jugendsportverein unweit des Theaters entstanden waren, ließen tatsächlich keinen Zweifel aufkommen: In dieser neuen Institution, die der damalige Berliner Kultursenator Thomas Flierl aus den drei nahe beieinander liegenden, aus je unterschiedlichen Gründen erneuerungsbedürftigen Bühnen Hebbel-Theater, Theater am Halleschen Ufer und Theater am Ufer im Berliner Bezirk Kreuzberg zusammengeschweißt hatte, sollte keine hermetisch abgeriegelte Kunst für Liebhaber produziert werden. Sondern hier steht man in engstem Kontakt zur Lebensrealität. Und die schaut in einem Stadtteil, den sich vorwiegend türkische Migranten-Familien mit einem jüngeren Szene-Volk teilen, erstens ziemlich bunt aus, zweitens tut sie bekanntlich öfter mal weh, und drittens kümmert sie sich herzlich wenig um saubere Genre-Unterteilungen. Der Grenzgang zwischen Schauspiel, Performance, Bildender Kunst, Musik und einer lebhaften Debattenkultur ist im HAU Programm.
Neue Theaterformen
Der künstlerische Leiter, Matthias Lilienthal, hatte schon früher nach neuen Theaterformen gesucht – etwa von 1991 bis 1998 als Chefdramaturg der Berliner Volksbühne oder als Leiter des „Theater der Welt“-Festivals, 2002 im Ruhrgebiet. Dort erfand er zum Beispiel das Projekt X-Wohnungen, das mittlerweile zu einem weltweiten Theaterfestival-Hit avanciert ist, im HAU immer wieder neu aufgelegt wird und für das Haus tatsächlich programmatischen Charakter hat: Die Künstler bewegen sich aus dem Theaterraum heraus und inszenieren Stücke in Privatwohnungen, teils mit Schauspielern, teils mit den realen Bewohnern. Das Theater öffnet sich so buchstäblich in die Stadt hinein. Der Kiez wird gleichsam selbst zur Bühne.
Offen ist dieser Weg natürlich in beide Richtungen. So wie die HAU-Künstler das Theater verlassen, um an realen Orten zu inszenieren, so holen sie umgekehrt auch die sie umgebende Wirklichkeit auf die Bühne. Der türkischstämmige Regisseur Tamer Yigit lässt in seinem Projekt Warngedicht Jugendliche einer Kreuzberger Hauptschule über ihren Alltag erzählen. Und eine inzwischen weltweit berühmte HAU-Entdeckung, das international vielfach preisgekrönte Dokumentartheater-Kollektiv Rimini Protokoll, arbeitet statt mit Schauspielern grundsätzlich mit sogenannten „Experten des Alltags“: realen Vietnam-Veteranen, Bürgermeisterkandidaten oder Muezzinen aus Kairo, deren Leben beziehungsweise Berufsleben auf der Bühne zu einem vielschichtigen Stück Dokumentartheater wird.
Internationale Theatertrends
Mit diesem Profil konnte das HAU auf Anhieb überzeugen. Schon nach der ersten Spielzeit 2003/2004 wurde es von der Kritikerjury der Fachzeitschrift Theater heute zum deutschsprachigen „Theater des Jahres“ gekürt. Seither ist es kein bisschen unbeweglicher geworden: Bei einer Gesamtförderung von gerade mal 4,5 Millionen Euro für alle drei Spielstätten zeigt das HAU im Durchschnitt stolze 120 Produktionen pro Saison. Und dabei sind seine theatralen Trendscouts wirklich in jedem Weltwinkel unterwegs.Welche Ausdrucksformen entwickeln brasilianische Choreografen bei der Arbeit mit Jugendlichen in Favelas? Was treibt Performer zurzeit in China zwischen Staatssozialismus und Wirtschaftskapitalismus um? So lautet nur ein geschätztes Hundertstel der globalen Fragen, die das HAU seit seiner Gründung – oft in Minifestivals – beantwortet hat.
Eingebettet in Diskursfelder
Kennzeichnend – und in dieser Konsequenz und Durchdachtheit ziemlich einmalig im deutschen Theaterbetrieb – ist dabei der Ansatz, die künstlerischen Positionen niemals isoliert zu betrachten, sondern einzubetten in ein Diskursfeld aus Vorträgen, Debatten und Dokumentationen. Experten, die das behandelte Thema aus einer anderen als der rein künstlerischen Perspektive betrachten und so einen immensen informativen Mehrwert schaffen. Das gehört im HAU ganz selbstverständlich zum Programm. Bei dem schmalen Budget des Hauses ist das nur mit überdurchschnittlicher Umtriebigkeit und Netzwerkpflege möglich: Dank hochkarätiger Koproduktions-Partner gelingt es dem HAU immer wieder, selbst aufwendige nationale und internationale Projekte zeigen zu können.Eine der drei Bühnen, die heute zum HAU gehören, hat übrigens schon vor vier Jahrzehnten Theatergeschichte geschrieben: Die „Schaubühne am Halleschen Ufer“, das jetzige HAU 2, war in den 1970er-Jahren Heimstatt des legendären Ensembles um Peter Stein.
Christine Wahl
ist Theaterkritikerin und Journalistin. Sie schreibt unter anderem für Spiegel online, den Berliner Tagesspiegel sowie Theater heute und gehört zur Auswahljury des „Impulse“-Festivals für freie Theater.
ist Theaterkritikerin und Journalistin. Sie schreibt unter anderem für Spiegel online, den Berliner Tagesspiegel sowie Theater heute und gehört zur Auswahljury des „Impulse“-Festivals für freie Theater.
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Mai 2009
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