Die deutschen Stückemärkte

Theater lebt von den Schauspielern, der Regie, den Kostümen – und vor allem vom Text. Hunderte von neuen Texten entstehen jedes Jahr in Deutschland – aber wie finden sie ihr Publikum?
Wenn der Mai kommt, werden die Stücke zum Markt getragen. Wie das? Das deutsche subventionierte Staats- und Stadttheater mit seinem Repertoirebetrieb von etwa 20 Produktionen pro Spielzeit hat einen großen Hunger nach neuen Theaterstücken.
Es ist deshalb auch ein Markt für Dramatiker aller Sprachen, vor allem natürlich für die deutschsprachigen. Der Markt wird von vielen Bühnenverlagen/Agenturen beliefert, die fremdsprachige Stücke importieren, deutschsprachige entdecken, entwickeln und an die Theater vertreiben. Ein Angebot, das in seiner Fülle und Vielfalt wohl einzigartig in der Welt sein dürfte.
Dieses Angebot, vor allem das der deutschsprachigen Stücke, wurde jedoch vor 20, 30 Jahren von den Theatern nur schlecht angenommen. Sie vertrauten eher den Klassikern oder internationalen Erfolgsstücken als unbekannten jungen Autoren. Deshalb entstand Mitte der 70er Jahre die Idee der Stückemärkte, auf denen brandneue Stücke in szenischen Lesungen vorgestellt werden. Schauspieler lesen ohne Regie, Kostüme oder Kulissen Teile oder den ganzen Text und unterziehen ihn damit einem ersten „try out“.
Absicht und Ziel ist, das Publikum über neue Tendenzen der Dramatik zu informieren, Theaterleute von den szenischen Möglichkeiten der bisher unerprobten dramatischen Texte zu überzeugen, Kritiker zu ersten Stellungnahmen zu veranlassen, kurz: Interesse für eine „richtige“ Produktion der Stücke zu erwecken. Im Laufe der Jahre haben sich eine ganze Reihe solcher Initiativen entwickelt, die nachhaltigsten in Berlin, Heidelberg, Hamburg, zuletzt in München. Und es gibt sogar ein regelrechtes Festival für das neue deutsche Drama, die Mülheimer Theatertage stücke. Für internationale Stücke in deutschen Theatern machen sich insbesondere zwei Festivals stark, die Biennale in Wiesbaden unter dem Titel Neue Stücke aus Europa, und das Schaubühnenfestival F.I.N.D. in Berlin.
Der Berliner Stückemarkt ist der Urtyp der Stückemärkte. 1978 begründet und seit 2005 von Yvonne Büdenhölzer geleitet, wird er im Rahmen des Berliner Theatertreffens von den Berliner Festspielen veranstaltet. Ist das Theatertreffen mit den bemerkenswertesten Aufführungen des Jahres die Mustermesse des deutschsprachigen Theaters und zeigt meist Klassiker in der Interpretation von Starregisseuren, so stellt der Stückemarkt neue dramatische Texte vor, die das Theater von morgen bestimmen werden. Der Stückmarkt hat sich zum Ziel gesetzt, neue Stücke für das Theater zu entdecken und die Autoren nachhaltig zu fördern. Seit dreißig Jahren fungiert der Stückemarkt als Karriere-Sprungbrett für noch unbekannte Dramatiker. Seit 2003 präsentiert der Stückemarkt in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut auch europäische neue Autoren. Die Stückemarkt-Veranstaltungen – szenische Lesungen, Gesprächsrunden mit Autoren und Theaterexperten, die Präsentation des Dramatikerworkshops sowie Preisverleihungen – sind zugleich ein Marktplatz für Dramatiker, Verlagslektoren, Theatermacher und Kritiker. Eine Jury aus renommierten Theatermachern wählt aus rund 500 Einsendungen aus Europa zehn Autorinnen und Autoren aus: Fünf Texte werden im Rahmen des Theatertreffens in szenischen Lesungen präsentiert, eingerichtet von renommierten Regisseuren und Dramaturgen unter Mitwirkung der Autoren. Fünf weitere Autoren werden zum Dramatikerworkshop mit John von Düffel eingeladen. Die Ausschreibung startet jährlich im Oktober. Es werden zwei Preise vergeben, beide gestiftet von der Bundeszentrale für politische Bildung: Der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis für neue Dramatik des tt Stückemarktes ist mit einer Uraufführung am Maxim Gorki Theater Berlin verbunden. Der mit 7.000 Euro dotierte Werkauftrag des tt Stückemarktes sieht eine Uraufführung an einem weiteren namhaften Theater vor. Neu seit 2008: Eines der zehn ausgewählten Stücke wird von Deutschlandradio Kultur als Hörspiel adaptiert und urgesendet.
Der Heidelberger Stückemarkt besteht zwar seit 25 Jahren, aber die Zeitrechnung des Forums junger Autoren begann eigentlich erst 1986, als der Intendant Volkmar Clauß mit der Frankfurter Autorenstiftung den Stückemarkt um einem Autorenwettbewerb (mit Preis!) erweiterte. Und mit der Uraufführung eines der Stücke des Wettbewerbs eröffnet dann das Heidelberger Theater den Stückemarkt des folgenden Jahres. Aber auch die anderen Dramen finden in der Regel ihre Uraufführungs-Theater. 2001 hat der damalige Intendant Günther Beelitz den Stückemarkt noch einmal um eine europäische Variante erweitert, indem zusätzlich jedes Jahr die neue Dramatik eines Gastlandes vorgestellt wird. Bisher waren dies zum Beispiel Italien, Frankreich und Russland, in diesem Jahr wird das Gastland Kroatien sein. Eine Reihe von Gastspielen ergänzt das Programm, das in den engen Gassen der alten Universitätsstadt konzentriert und in anregenden Diskussionen abläuft. Natürlich gibt es auch hier Preise.
Dagegen sind die Autorentheatertage, die der Intendant Ulrich Khuon von 1995 bis 2000 am Schauspiel Hannover, seit 2001 am Thalia Theater Hamburg veranstaltete, eher großstädtische Arbeitstreffen: ein Juror, in der Regel ein Kritiker, ruft zur Einsendung von dramatischen Texten auf und wählt aus hunderten von Stücken einige aus, die das Theater nach einer zweiwöchigen Probenzeit in einer Langen Nacht der Autoren vorstellt. In dieser Werkstatt-Phase kann man schon sehen, welches szenische Potenzial ein Theatertext hat, und sie ist natürlich besonders wichtig für den Autor, der zum ersten Mal sehen kann, ob und wie sein Stück funktioniert.
Seit 2003 veranstalten die Münchner Kammerspiele jedes Jahr im Herbst ein Wochenende der junge Dramatiker, bei dem neben den szenischen und aninszenierten Lesungen neuer Texte auch Lesungen renommierter Dramatiker stattfinden.
Die Mülheimer Theatertage mit dem Titel stücke gibt es seit 1976. Sie sind die Stücke-Ernte eines Jahres: aus rund 130 uraufgeführten deutschsprachigen Dramen einer Saison wählt ein Auswahlgremium die besten und interessantesten acht aus, die zumeist in der Uraufführungsinszenierung in Mülheim gezeigt werden. Eine andere Jury kürt aus dieser Auswahl den Preisträger des Mülheimer Dramatikerpreises, inzwischen wohl die renommierteste Auszeichnung für einen deutschsprachigen Theaterautoren. Die Liste der Preisträger ist beeindruckend, nicht ganz makellos, aber sowohl die Preisträger wie die in 31 Jahren ausgewählten Stücke sind ein Seismograph des deutschsprachigen Dramas, der Entwicklungen und Tendenzen aufzeichnet. Die stücke sind neben dem Berliner Theatertreffen der Höhepunkt des deutschen Theaterjahres, mit inzwischen internationaler Resonanz. Und sie sind mit ihren Diskussionen und Beiprogrammen, den Übersetzer-Treffen, dem Re-Import von im Ausland inszenierten deutschsprachigen Stücken, Jahr für Jahr nicht nur das wichtigste Forum für die deutschsprachigen Dramatiker, sondern auch die eindrücklichste Werbung für das neue Drama. Es ist längst für das deutsche Theater und sein Publikum unverzichtbar geworden.
war lange Jahre der Leiter des Verlags der Autoren
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aktualisiert Oktober 2008
Links zum Thema
- Schaubühne Berlin: Festival Internationaler Neuer Dramatik (F.I.N.D) (November 2008)

- Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen (1. - 17. Mai 2009)


- Heidelberger Stückemarkt – Forum junger Autoren (2. – 11. Mai 2008)

- Autorentheatertage Hamburg (23. Mai – 6. Juni 2008)

- Mülheimer Stücke-Festival (4. – 24. Mai 2008)

- Ich-AG mit Onkeln und Tanten – Zum Dramatiker-Boom in Deutschland













