Institutionen, Bühnen, Festivals

Zwischen Badesee und Bühne – eine Übersicht über die Sommerfestivals

Europäische Erstaufführung beim Internationalen Sommerfestival Hamburg von ‚Mi Vida después‘ der argentinischen Regisseurin Lola Arias; Foto: Lorena FernándezDie Festspielidee blüht, die Festivals sprießen, im Kern aber scheint etwas faul zu sein.

Die Festivals in Bayreuth und Salzburg sind die Mütter aller Sommertheaterfestspiele. Ende des vorvergangenen Jahrhunderts herausgewachsen aus sakral-nationaler Verehrung der Kunst, zehren sie bis heute von den fast mythischen Anfängen. Das ändert sich nicht, egal was passiert. In Salzburg gibt es bei den Schauspielaufführungen fast nur noch Koproduktionen, gern etwa mit den Münchner Kammerspielen oder dem Hamburger Thalia Theater. Aber trotz solcher Beliebigkeit ist Salzburg eine Weihestätte des Zelebrierens geblieben, so wie Mozart hier immer der Stadtheilige bleiben wird.

Die Gründung dieser Festivals war außerordentlich erfolgreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen Edinburgh und Avignon hinzu, am Anfang programmatisch als Erneuerungsorte des gerade zu Grabe getragenen europäischen humanitären Geistes. Weihespiel und Humanismus sind seitdem im Niedergang begriffen, die Festspielidee aber funktioniert nun seit über hundert Jahren und sie funktioniert heute besser denn je.

„Das Sommerfestival als solches ist einfach eine großartige Idee“, sagt ein Festivalleiter. „Die Zuschauer sind nun mal besser gelaunt, sie schauen wohlwollender, sie möchten, dass es unterhaltend wird, und sorgen auch selbst dafür.“ Und so ist es wirklich, die Zuschauer sind bunter, erregter, animierter. Mit einem Wort: sommerlicher. Vom Badesee zur Bühne ist es manchmal nur ein Schritt, noch glüht die Haut von der Sonne, wenn sich im Dunkel der Vorhang hebt.

Immer mehr neue Festivals

Seit zehn Jahren kommen beinahe jährlich neue Festivals hinzu. Manche, wie die Schillertage in Mannheim, sind unter der Hand, ohne dass man es schon richtig bemerkt hätte, ein echtes Sommertheaterfestival geworden. Dieses Jahr brachte Calixto Bieito hier seinen Don Karlos heraus, in der Schillerauswahl mischt sich Internationales und deutsches Stadttheater. Oder der Steirische Herbst in Graz: Ihn gibt es zwar schon lange, er hat aber in den letzten Jahren das Theaterprogramm stark ausgeweitet und konkurriert hier inzwischen erfolgreich mit den etablierten Festivals.

Ein weiteres Beispiel ist Kampnagel, die Hamburger Industriehallen, in denen schon lange Theater gespielt wird. Hier gibt es seit 2008 ein ambitioniertes Sommerfestival, von wo aus im vergangenen Jahr das Nature Theatre of Oklahoma seinen Siegeszug durch Europa angetreten hat. Daneben ist es eines der wenigen Festivals, das versucht, programmatisch und kritisch über den Zeitgeist nachzudenken.

Ruhrtriennale 2008 ‚Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir‘ von Christoph Schliengensief; Foto: David Baltzer/ZenitDie größte und bedeutendste Neugründung ist die Ruhrtriennale mit Spielstätten im gesamten Ruhrgebiet. Die mittlerweile museale Industriearchitektur entfaltet hier ähnlich erhabene Wirkung wie die Domfassade in Salzburg oder die Anfahrt den Hügel hinauf in Bayreuth. Christoph Schlingensiefs Kirche der Angst fand in der Gebläsehalle in Duisburg statt, die dafür zu einer Kirche umgebaut wurde. Daneben hat man eine Vorliebe für „Kreationen“ bei der Ruhrtriennale, neue Verbindungen von Musik und Theater. Johan Simons etwa ist hier ein gern beschäftigter Regisseur, letztes Jahr kam hier Alain Platels pitié! heraus. In diesem Jahr beginnt Willy Decker als neuer Leiter. Die letzten Jahre unter Jürgen Flimm waren gelegentlich von Langweile auf hohem Niveau bedroht. Mal sehen, ob Decker an die großartigen Anfänge unter dem Gründungsdirektor Gérard Mortier anknüpfen kann.

Daneben gibt es seit einigen Jahren als wichtige Festivals die Theaterformen in Hannover und Braunschweig und In Transit im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Im Kern aber sind beide Festivals so etwas wie kleine, jährlich stattfindende Ausgaben des Festivals Theater der Welt, das es alle drei Jahre gibt, zuletzt in Halle. Man hat hier beim Einladen der internationalen Produktionen einen weiten Horizont, dazu kommen wenige deutsche Aufführungen, wie etwa dieses Jahr Der Prozess von Andreas Kriegenburg, eines der erfolgreichsten Stücke der Saison.

Erfolgsmodelle: Marthaler und Rimini-Protokoll

Wiener Festwochen 2009 ‚Riesenbutzbach‘ von Christoph Marthaler; Foto: Dorothea WimmerJährlich finden dagegen die Wiener Festwochen statt, wo viele der Produktionen zuerst zu sehen sind, die dann den Festspielzirkus durchlaufen, wie dieses Jahr etwa Christoph Marthalers Riesenbutzbach. Auf den europäischen Festivals feiert das deutschsprachige Theater große Erfolge. In Avignon prägte Thomas Ostermeier von der Berliner Schaubühne 2004 als artiste associé mit vier Produktionen (unter anderem Nora und Woyzeck) das Programm, im vergangenen Jahr kam hier sein „Hamlet“ heraus. Dieses Jahr ist Riesenbutzbach in Avignon zu sehen, nächstes Jahr wird Marthaler dort der artiste associé sein.

Vor Avignon war Riesenbutzbach in Athen zu sehen, beim neu aufgeblühten Athens & Epidaurus Festival. Außerdem läuft das Stück von Christoph Marthaler in Neapel, Breslau, Chur und Tokio. Öfter zu sehen als Marthaler auf internationalem Parkett ist zurzeit nur das Regiekollektiv Rimini-Protokoll. Dieses Jahr ist es die Aufführung Radio Muezzin, die auf den meisten Festivals zu sehen ist.

Die Festspielidee blüht, die Festivals sprießen, im Kern aber scheint etwas faul zu sein. Ausgerechnet das Festival in Salzburg schwächelt künstlerisch seit einigen Jahren. Man meldet zwar (meistens) neue Rekordbesucherzahlen, unter den Produktionen aber findet sich kaum etwas, das außerordentlich oder wegweisend wäre. So ist es kein Wunder, dass die kleineren Festivals zunehmend an Bedeutung gewinnen.

Peter Michalzik
ist Feuilletonredakteur der „Frankfurter Rundschau“ und im Auswahlgremium für das Festival „Stücke – Mülheimer Theatertage“.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
August 2009

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