Aus allen Winkeln Europas – die Theaterbiennale des Staatstheaters Wiesbaden 2010

Die Theaterbiennale in Wiesbaden und Mainz 2010 versammelte neue europäische Stücke und feiert ein rundes Jubiläum.
Gegründet wurde die Theaterbiennale neuer Stücke aus Europa 1992 in Bonn. Inzwischen reisen die eingeladenen Autoren und Inszenierungen ihrer Stücke aus allen Winkeln Europas allerdings nach Wiesbaden und Mainz, wo sie unter Umständen ganz plötzlich auf dem Sprungbrett zu einer internationalen Karriere stehen. Dieses Jahr feierte das einzige transnationale Autorenfestival der Welt seine 10. Ausgabe.
Als die serbische Theaterautorin Biljana Srbljanović zur Eröffnung das Grußwort sprach, konnte man einmal mehr die Bedeutung eines Festivals ermessen, das seit nunmehr fast zwanzig Jahren im zweijährigen Rhythmus exemplarische Inszenierungen neuer Stücke aus Europa zusammenführt. Was Manfred Beilharz 1992 zusammen mit Tankred Dorst, Ursula Ehlers und Rainer Mennicken in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn ins Leben rief, war von vorneherein ein ambitioniertes Unternehmen und darauf ausgerichtet, dem nach dem Fall des eisernen Vorhangs angeblich zusammenwachsenden Europa zumindest im Bereich der Bühnenkunst einen Austausch von Ideen und Ästhetiken zu gönnen.
Nur die Wahrheit
„Niemand wusste zum Beispiel über Island Bescheid. Wir wollten wissen, was machen die da eigentlich. Und wir wollten kein Programm vorgeben, sondern nur die Wahrheit wissen“, fasst Tankred Dorst den Impetus einer Biennale zusammen, die dieses Jahr ein Jubiläum feiert und in ihrer wechselvollen Geschichte immer mal wieder so gefährdet schien wie Europa selbst.
2002 wechselte Manfred Beilharz als Intendant von Bonn ans Staatstheater Wiesbaden und nahm das Festival rheinaufwärts mit auf die Reise, obwohl die Finanzierung des einzigartigen transnationalen Autorenfestivals alles andere als gesichert war. Inzwischen allerdings ist das Staatstheater Mainz mit von der Partie und neben Hessen auch das Land Rheinland-Pfalz. Auch das ist eine Besonderheit, immerhin pochen die Bundesländer im konföderalen Deutschland streng auf ihre Kulturhoheit und geben ungern Geld jenseits der Landesgrenzen aus.
Schulterschluss üben
Während der Theaterbiennale rücken inzwischen also nicht nur die Theaterregionen Europas enger zusammen. Auch zwei deutsche Bundesländer üben den Schulterschluss und finanzieren gemeinsam ein Festival, das zu seinem zehnten Jubiläum 24 Produktionen neuer Stücke aus 21 Ländern in Wiesbaden und Mainz versammelte. Mit im Leitungsteam war dieses Jahr auch Yvonne Büdenhölzer. Auf der Bühne wurde in 17 europäischen Sprachen gesprochen und man bekam einen Eindruck vom Kaleidoskop der Theatersprachen im Europa der Regionen, gewann Einblicke in gesellschaftliche Problemstellungen und sah, wie sich das in Theaterstücken und Inszenierungen widerspiegelt.
Von der isländischen Theaterszene zum Beispiel weiß man im Zentrum Europas inzwischen auch deshalb einiges mehr, weil dieses Jahr die Mindgroup anreiste und in einem Maschendrahtkäfig vorführte, was die weltweite Finanzkrise mit den Bewohnern eines bankrotten Staates macht. Die Mindgroup ist ein noch relativ junges Theaterkollektiv, der lettische Autor und Regisseur Alvis Hermanis, der von der Theaterbiennale aus seine internationale Karriere startete, dagegen schon ein Star der europäischen Theaterszene. Zur Jubiläumsausgabe des Festivals reiste er mit einer elegischen Hommage an die Marta vom blauen Hügel an, einer über die Grenzen Lettlands hinaus bekannten Heilerin und Hellseherin.
Startschuss zur Karriere
Die Gastgeber selbst zeigten während der Biennale Eigenbeiträge. Vom Staatstheater Wiesbaden gab es dieses Jahr die Uraufführung von Bettina Erasmys Das wollt ihr nicht wirklich und vom Mainzer Staatstheater die Uraufführung von Lisa Danulats Uns kriegt ihr nicht. Die beeindruckendste eingeladene Produktion kam aus der Türkei. Das Gemeinschaftswerk von fünf Theatermacherinnen aus Istanbul nennt sich Hässliches Menschlein und wartet mit drei außergewöhnlichen Schauspielerinnen auf, die auch in einer anatolischen Kleinstadt oder mitten in Istanbul über andere Frauen herziehen könnten. Yelda Baskin, Gülce Ugurlu und Elif Ürse verkörpern all jene kulturellen, ethnischen und religiösen Fallgruben und Mechanismen der Ausgrenzung, die es in einem Land wie der Türkei gibt.
Vor allem aber sind die freie Theatergruppe und ihre für den Text verantwortliche Dramaturgin Ceren Ercan eine jener Entdeckungen, die man während der Theaterbiennale machen kann und die unter Umständen noch gar nicht realisieren, dass sie dort nicht nur auf einer Bühne, sondern auch auf einem Karriere-Sprungbrett standen – wie Biljana Srbljanović, die während des Balkankrieges Dramaturgie und Theaterwissenschaft an der Belgrader Universität studierte, dort ihre „Belgrader Trilogie“ schrieb und damit 1989 zur Biennale nach Bonn reiste. Auch diese Reise war der Startschuss zu einer internationalen Karriere.
ist freier Theater- und Literaturkritiker für die Süddeutsche Zeitung, TAZ und Theater heute. Von 2003 bis 2007 war er Mitglied im Auswahlgremium des Mülheimer Dramatikerpreises und danach bis 2010 in der Jury des Berliner Theatertreffens. Seit 2007 ist er Juror des Else Lasker-Schüler-Stückepreises
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August 2010
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