Institutionen, Bühnen, Festivals

Die deutschen Stückemärkte

Theatertreffen 2012, Stückemarkt – Szenische Lesungen; © Piero ChiussiStückemärkte sind gleichermaßen Fach- und Publikumsmessen wie Förderinstrumente für zeitgenössische Dramatik. In Zeiten steigender Uraufführungszahlen haben sie sich ausdifferenziert.

Auf dem Papier sieht die Bilanz für die Gegenwartsdramatik im deutschsprachigen Theater recht gut aus: Die Zahl der Uraufführungen hat sich laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Selbst, wenn man aus dieser Größe den hohen Anteil an Romanadaptionen sowie an Projekten herausrechnet, die ohne Texte im hier zur Debatte stehenden Sinn auskommen, bleibt die Tendenz signifikant steigend. Dramatiker-Initiativen wie die Berliner „Battle-Autoren“ halten indes dagegen, dass Gegenwartsstücke zum einen viel zu selten auf der großen Bühne gezeigt würden und zum zweiten in den Theatern ein veritabler „Frischfleischwahn“ herrsche. Statt Autorinnen und Autoren langfristig zu pflegen und interessante neue Texte auch in Zweit-, Dritt- oder Viertinszenierungen zu zeigen, stürzten sich die Häuser ausschließlich auf Uraufführungen. Gegenwartsdramatik werde auf längere Sicht so eher inflationiert als tatsächlich gefördert.

Rolle der Stückemärkte

Deshalb spielen die deutschen Stückemärkte – in der Regel gleichermaßen Fachmessen wie Publikumsfestivals – nicht nur als Institutionen eine Rolle, die Regisseure, Intendanten, Kritiker und Zuschauer über neueste Tendenzen der Gegenwartsdramatik informieren. Gleichzeitig differenzieren sich die Stückemärkte immer stärker aus, bereichern ihr Programm um neue Fördermaßnahmen wie Workshops, Symposien oder thematische Diskussionen und versuchen, die aktuelle Situation mit Steuerinstrumenten wie etwa Zweitaufführungspreisen positiv zu beeinflussen. Grundsätzlich lassen sich die Stückemärkte, bei allen partiellen Überschneidungen, in zwei große Gruppen einteilen: Die erste Gruppe – die der Entdecker-Märkte – stellt bis dato nicht aufgeführte Texte vor, während die zweite bereits inszenierte neue Stücke in Gastspielen präsentiert.

Berliner Stückemarkt

Das Logo der Berliner FestspieleGewissermaßen als Urvater aller Entdecker-Stückemärkte und nach wie vor wichtiges Karriere-Sprungbrett für Jungdramatiker gilt der Berliner Stückemarkt. 1978 begründet, findet er unter dem Dach der Berliner Festspiele im Rahmen des Theatertreffens statt und hat im Laufe der Zeit einige Modifikationen erfahren. Zwar gelten die Grundkoordinaten unverändert: Eine jährlich wechselnde Fachjury wählt aus bis zu 500 eingesandten neuen Stücktexten die fünf bemerkenswertesten aus, um sie von namhaften Regisseuren und Schauspielern in szenischen Lesungen präsentieren zu lassen. Doch war die Ausschreibung anfangs auf den deutschsprachigen Raum begrenzt, öffnete sich der Berliner Stückemarkt ab 2003 europaweit. Zudem reagierte er auf einen sich verändernden Werk- und Autorenbegriff. Im Jahr 2012 wurde zusätzlich zu den fünf Autoren erstmals ein Künstlerkollektiv eingeladen, in einem Projektlabor mithilfe eines renommierten Mentors eine Performance zu entwickeln. Auf dem Berliner Stückemarkt werden drei Preise vergeben: Zunächst der mit 5.000 Euro dotierte Förderpreis für neue Dramatik sowie der Werkauftrag über 7.000 Euro, der keinen eingereichten Text prämiert, sondern einem von der Jury als besonders talentiert eingeschätzten Autor das Schreiben eines neuen Stückes ermöglicht. Beide sind jeweils mit einer Uraufführungsgarantie an einem renommierten Theater verbunden. In Kooperation mit Deutschlandradio Kultur wird zudem der Hörspielpreis ausgelobt, der die Adaption eines Textes für das Radio beinhaltet.

Berliner Autorentheatertage

Das Logo der Autorentheatertage am Deutschen Theater BerlinAm Grundprinzip des Berliner Stückemarktes orientieren sich inzwischen auch viele andere Gegenwartsdramatik-Festivals, etwa die 2012 ins Leben gerufenen Essener Autorentage „Stück auf!“ oder der Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis der Stadt Jena. Eine Sonderstellung innerhalb der Entdecker-Festivals hingegen nehmen sicher die vom Intendanten Ulrich Khuon 1995 am Schauspiel Hannover ins Leben gerufenen Autorentheatertage ein, die 2001 mit ihrem Begründer zunächst an das Hamburger Thalia Theater und 2009 schließlich an das Deutsche Theater Berlin weiter zogen. Zwar handelt es sich bei diesem Format in erster Linie um ein ambitioniertes Gastspiel-Festival, das fertige Inszenierungen zeitgenössischer Stücke aus dem kompletten deutschsprachigen Raum einlädt. Doch enden die Autorentheatertage traditionell mit der Langen Nacht der Autoren. Hier werden bis zu fünf neue Texte bis dato unbekannter Dramatiker in einer Mischform aus szenischer Lesung und locker aninszenierter Produktion vorgestellt. Die Auswahl trifft ein jährlich wechselnder Alleinjuror – in der Regel ein Kulturjournalist, der auch für das Ausschreibungsmotto verantwortlich ist.

Neuerungen beim Heidelberger Stückemarkt

Das Logo des Heidelberger StückemarktsDer renommierte Heidelberger Stückemarkt, der 1984 vom damaligen Heidelberger Intendanten Peter Stoltzenberg ins Leben gerufen wurde, hat sich im Lauf der Jahrzehnte ebenfalls verändert. Den Kern des Festivals bilden zwar, vergleichbar dem Berliner Stückemarkt, nach wie vor szenische Lesungen neuer Stücke – wobei der Heidelberger Stückemarkt neben deutschsprachigen Texten unter einem jährlich wechselnden Länderschwerpunkt auch internationale Arbeiten vorstellt. Doch seit dem Amtsantritt des Intendanten Holger Schultze 2011 dürfen in der Konkurrenz um den mit 10.000 Euro dotierten Autorenpreis im Sinne einer nachhaltigen Autorenförderung jetzt auch Texte eingereicht werden, die bereits Theaterpremiere gefeiert haben. Zudem wurde das Festival um das Modul des „Zweitaufführungpreises“ erweitert: Drei Stücke, die bereits zum zweiten Mal an einem Theater inszeniert wurden, konkurrieren dabei um eine Gastspieleinladung nach Mülheim. Außerdem werden ein internationaler Text sowie ein Jugendstück prämiert, und der Freundeskreis des Theaters stiftet einen Publikumspreis.

Stückemärkte für internationale Dramatik

Das Logo des Mülheimer Stücke-FestivalsDas renommierteste Festival bereits inszenierter zeitgenössischer Texte – gewissermaßen das Pendant zum Berliner Theatertreffen im Bereich neuer Dramatik – sind die Mülheimer Theatertage „Stücke“. Seit 1976 wird in Mülheim jährlich der mit 15.000 Euro dotierte Dramatikerpreis verliehen. Er ist die wohl wichtigste Auszeichnung für deutschsprachige Theaterautoren. Peter Handke, Elfriede Jelinek, George Tabori und Einar Schleef gehören zu den Preisträgern. Die Atmosphäre ist dabei ebenso einmalig wie die internationale Strahlkraft und das Procedere: Eine aus Theaterkritikern bestehende Fachjury wählt aus rund 130 uraufgeführten Dramen der aktuellen Saison die acht bemerkenswertesten zum Gastspiel in Mülheim aus. Aus den präsentierten Arbeiten wiederum bestimmt eine jährlich wechselnde, ebenfalls mit Theater-Fachleuten besetzte Preisjury in öffentlicher Diskussion den Preisträger.

Neben den schwerpunktmäßig deutschsprachigen Stückemärkten existieren natürlich auch renommierte internationale Gegenwartsdramatik-Festivals: So präsentiert die Berliner Schaubühne beim Festival Internationale Neue Dramatik (F.I.N.D.) alljährlich aktuelle Theatertexte aus aller Welt, während die Biennale Wiesbaden im Zweijahresrhythmus Neue Stücke aus Europa in Gastspielen vorstellt.

Christine Wahl
schreibt als Theaterkritikerin und Journalistin unter anderem für Spiegel online, den Berliner Tagesspiegel und Theater heute. Sie gehört zur Jury des Hauptstadtkulturfonds sowie des Berliner Theatertreffens.

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August 2012

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