Festival der Puppenspielkunst: Synergura 2012

Von 4. bis 8. Juli 2012 fand das traditionsreiche Puppentheaterfestival Synergura zum neunten Mal in Erfurt statt.
Die Synergura ist Thüringens einziges internationales Festival der Puppenspielkunst und wird seit 1992 vom Theater Waidspeicher als Biennale veranstaltet, gefördert vom Freistaat Thüringen und der Landeshauptstadt Erfurt. Nach einer finanziell bedingten Zwangspause fand sie nun unter neuer Leitung von Sibylle Tröster wieder statt.
Historisches Gehäuse für neue Spielformen
Im Stammhaus, dem mittelalterlichen Waidspeicher, sowie auf beiden Bühnen des modernen Theaterneubaus der Stadt, im Jugendtheater Schotte und in der Michaeliskirche war ein vielfältiges Programm für Jung und Alt mit Puppen, Masken und animierten Objekten zu erleben. Auf dem Anger, Erfurts zentralem Platz, hatte das Papiertheater Nürnberg einen sehr langen Tisch aufgestellt und fragte die Passanten, was für den einzelnen „unbezahlbar“ ist. Im Festivalcafé Nerly gab es ein öffentliches Gespräch darüber und allabendlich erfreuliche Begegnungen mit Künstlern, Fachpublikum und Gästen aus vielen Ländern.
Auftakt mit Masken
Das pantomimische Maskentheater Familie Flöz aus Berlin eröffnete mit Hotel Paradiso amüsant und tragikomisch das Festival. Zu verblüffender Akrobatik und Slapsticknummern wurde nicht geredet, hier sprachen die Körper der Darsteller in vielen skurrilen Charakterrollen, wechselten zwischen Sozialsatire und Kriminalkomödie in atemlosem Tempo. Mit großem Beifall wurde der Auftakt der Synergura belohnt.
Sprache, Alphörner, Sand und filigrane Figuren
In Hôtel de Rive – Giacomettis horizontale Zeit haben sich Frank Söhnle vom Figurentheater Tübingen, Et Compagnie Bagages de Sable aus Frankreich und das Theater Stadelhofen aus Zürich zur Person des vielseitigen Surrealisten Alberto Giacometti allerhand einfallen lassen. Der Schauspieler Patrick Michaelis sprach aus, was den Bildhauer, Maler und Dichter bewegte – seine kleinen Alltagsverluste, seine Ängste, seine Depressionen. Frank Söhnle führte seine grazilen, zerbrechlich wirkenden, skeletthaften Marionetten zum Gesicht des Mannes, dessen Denken hier Worte fand. Eine Videokamera zeigte Nahaufnahmen des Gesichts als Projektion auf der hinteren Bühnenwand – eine berührende Annäherung an den ewig „das Absolute suchenden“ (Sartre) Avantgardisten.
Fragende Freunde aus Halle
Das Puppentheater Halle brachte mit Der unsichtbare Vater von Amelie Fried als Erzähltheater mit Tischmarionetten das sehr aktuelle Thema Patchworkfamilie auf die Bühne. In Meine Kältekammer wird auf breiter, tiefer Bühne erzählt, wie ein reicher Mann sich vor seinem schon bald erwarteten Tod ein Denkmal wünscht: ein Theaterstück über sein Leben. Die Belegschaft seiner Firma – ein Supermarkt mit Kühlkammer, dazu eine eigene Zementfabrik – soll das Stück schreiben und spielen.
Waidspeicher in eigener Sache
Das gastgebende Haus zeigte sich mit gediegenen eigenen Produktionen. Anna Fülle erfreute Vorschulkinder und deren Begleitung mit ihrem Solo Guten Tag, kleines Schweinchen, einer Janosch-Geschichte. Als menschlicher Körper zwischen auf dem Spieltisch sorgfältig geführten Gliederpuppen, Malermannequins ähnlich, war Anna Fülle auch in der poetischen Inszenierung von Romeo und Julia zu sehen, wortlos beredt, zur Ballettmusik von Sergej Prokofjew. Als dritte Kostprobe des Hauses wurde Peter Pan oder das Märchen vom Jungen, der nicht groß werden wollte aufgeführt.
Politisch nicht ganz korrekt, aber mit Witz
Ein Star in der Welt des Puppentheaters ist der in Holland lebende Australier Neville Tranter: Bei der Synergura war er zu erleben mit Punch & Judy in Afghanistan. Groteske Klappmaulfiguren und ein menschliches Gegenüber – Neville Tranter ein virtuoser Animator seiner Helden und gleichzeitig ihr dienender Partner in wechselnden Rollen.
Weihnachtslieder und Theatrum Mundi
Das Miniteater des Robert Waltl aus Ljubljana zeigte ein Krippenspiel besonderer Art: Der Esel von Nazareth. Beteiligte Figuren waren die Heilige Familie, die braven Hirten und die Heiligen Drei Könige mit ihren Kamelen. Die Engel waren barocken Vorbildern aus katholischen Kirchen Istriens nachgebildet, also kroatisch-italienisch. Doch die hier von drei Männern inbrünstig lustvoll gesungenen Weihnachtslieder stammten aus Slowenien. Im großen Stadttheater gab es dann noch eine Koproduktion des Theaters Waidspeicher mit dem Theater Erfurt, König Arthus: mechanische Figuren auf dem Laufband, dazu prächtiger Gesang und ein schwungvoll Purcell spielendes Kammerorchester – eine „Semi-Opera“ mit vielen Anspielungen auf unsere Zeit bis hin zum Fußball.
Materialtheater aus Stuttgart
Drei Affen, Parabel vom Aufstand der Dinge war im Endspiel und wurde Preisträger des Festivals. Menschen aus Dingdal leben in Frieden mit den Dingen, sprechen eine sehr rudimentäre Sprache, können nicht danke sagen. Der Friede in Dingdal gerät aus den Fugen, als die Dinge sich nicht mehr manipulieren lassen, sondern revoltieren. Der Stuhl, die Kaffeetassen, die Mülleimer, das Kehrblech und der Handfeger gewinnen ein Eigenleben, die Menschen suchen letzte Hilfe im Gebrauch von Klebeband – vergeblich. In diesem Theater haben die Dinge die Macht übernommen, ihr Symbol ist das vierte Bein – hier ist es ein Stuhlbein. Es kann aber auch das fehlende Bein sein, mit dem eine gute Dramaturgie ein wackliges Stück stützt.
Der Synergura gelang es bei ihrem Neustart, in fünf Tagen eine beachtliche Vielfalt an Formen und Möglichkeiten vorzustellen und so wieder an ihre Tradition als eines der wichtigsten Festivals für Puppen- und Figurentheater anzuknüpfen, dessen Auswahl einen guten Ruf genießt. Und Sibylle Tröster kann auf diesem gelungenen Beginn für die nächste Synergura 2014 aufbauen.
ist Journalist und Publizist in Berlin, mit einer großen Liebe zum Puppen- und Figurentheater. Er ist Jurymitglied der Synergura.
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August 2012
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