Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Philippe Besson

Biografie

Philippe Besson © privat

Philippe Besson wurde 1962 als Sohn des Schweizer Theaterregisseurs Benno Besson in Berlin geboren. Nach Abschluss der Polytechnischen Oberschule (POS) in Ost-Berlin machte er eine Ausbildung zum Matrosen der Binnenschifffahrt. 1983 zog er in die Schweiz und arbeitete ab 1986 als Regiehospitant am Wiener Burgtheater, am Schauspielhaus Zürich und an der Comédie de Genève, die zu dieser Zeit sein Vater leitete.

1989 wurde Besson Regieassistent am Schauspielhaus Zürich, 1994 Oberspielleiter am Ulmer Theater. Nach drei Jahren als freier Regisseur ging er als Leiter der Sparte Kinder- und Jugendtheater an das Hans Otto Theater Potsdam. Unter seiner Leitung erhielt die Sparte den Brüder-Grimm-Preis des Landes Berlin. Zwei Inszenierungen wurden als beste Inszenierung aus dem deutschsprachigen Raum zum deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick Mal!“ nach Berlin eingeladen. Seine Inszenierung „Wir alle für immer zusammen“ nach dem preisgekrönten Buch von Guus Kuijer in der Fassung von Philippe Besson und Andreas Steudtner wurde für den Deutschen Kindertheaterpreis 2008 und - in der Kategorie „Beste Regie im Kinder und Jugendtheater“ - für den Theaterpreis „Der Faust“ 2007 nominiert.

Mit Bessons Jugendtheaterstück über die deutsch-deutsche Geschichte, „Lilly Unter den Linden“, eröffnete das Berliner Grips-Theater im Februar 2009 seine zweite Spielstätte in der Mitte der ehemals geteilten Stadt. 2009 wechselte Philippe Besson als Oberspielleiter an das Theater Junge Generation, Dresden, das er 2011 verlässt, um wieder als freier Regisseur tätig zu sein, unter anderem weiterhin in Dresden, Potsdam und Zürich. Neben Kinder- und Jugendtheaterstücken inszenierte Besson immer auch für Erwachsene.

    Porträt

    Philippe Besson ist ein zurückhaltender Regisseur - er vertraut auf den Text und seine Schauspieler. Die Geschichten auf der Bühne entspinnen sich scheinbar von selbst, und doch ist das Geschehen klar geordnet. Vorrang vor einem Regiekonzept hat bei Besson immer der in einem Stück angelegte Konflikt. Die Stigmatisierung von Liebesbeziehungen thematisiert seine Uraufführung von „Ferne Fremde Liebe“ der norwegischen Autorin Liv Heløe: Nina hat sich in den Sinto Moreno verliebt, eine gesellschaftlich unpassende Verbindung wie die zwischen ihrer norwegischen Urgroßmutter Ruth und dem deutschen Besatzungssoldaten, den diese im Zweiten Weltkrieg heiratete. In Bessons Jugendbuch-Adaption „Wir alle für immer zusammen“ erzählt die 11-jährige Polleke von ihrer Patchworkfamilie, den Beziehungsquerelen der Erwachsenen und ihren eigenen Problemen mit Mimun, der nicht mehr mit ihr gehen darf, weil sie keine Muslimin ist, sondern Dichterin werden möchte. Wie die genannten legen viele der von Besson gewählten Stoffe eine episierende Inszenierungsweise nahe, einen Wechsel zwischen Dialog und Publikumsadresse, der das Geschehen zugleich heranholt und perspektivierend distanziert.

    Philippe Besson, der nach eigenem Bekunden keinen wiedererkennbaren Stil pflegt, kann auch herzhaft inszenieren und scheut vor Theatereffekten nicht zurück. In „Frühlings Erwachen“ liegt der Kopf des Selbstmörders Moritz auf einer langen Tafel, in frohgemuter Konversation mit Melchior begriffen. Es donnert und blitzt gewaltig, wenn die 13. Fee in „Dornröschen oder Das Märchen vom Erwachen“ ihre Verwünschung ausspricht; die Prinzessin redet mit dem Küchenjungen breites Schweizerdeutsch und lässt sich von ihm kreischend um die Säulen im Palast jagen. Die modernen Märcheninszenierungen von Philippe Besson, neben „Dornröschen“ etwa auch „Die Zweite Prinzessin“, sind üppig bonbonbunt ausgestattet - ein Kontrast zu eher minimalistischen, multifunktionalen Bühnenbildern wie dem zur Kulisse aufgefalteten Stadtplan in “Rico und die Tieferschatten” oder den semitransparenten Gittern und Drehtüren in „Ferne Fremde Liebe“.

    In manchen Inszenierungen vereinen sich Dezentes und Deftiges auf das Stimmigste, so etwa in „Die Zweite Prinzessin“. Als „eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“ empfindet es die zweite Prinzessin, die jüngere Schwester zu sein. Zwischen Konfettiresten und aufgerissenen Geschenkverpackungen vom Geburtstag der Älteren probt sie in ihrer Phantasie den Aufstand: Vielleicht mag der böse Märchenwolf die Schwester fressen? Spinne, Ratte, Bär sie aus dem Schloss in eine Höhle heiraten? Oder die Köchin, eine böse Hexe, könnte sie schrumpfen? Mit Isabell Giebeler vom Theater Junge Generation Dresden hat Besson eine Hauptdarstellerin gefunden, die das Konzept von Theater als Spiel der Möglichkeiten perfekt umsetzen kann. Sie ist mal kratzbürstig, mal traurig, fordernd, fügsam und unendlich einfallsreich, wenn sie aus Requisiten wie Pappbecher und Luftballon flugs eine symbolische Stellvertreterfigur der Königin bastelt. Fedrig leicht und einfühlsam wirkt die Inszenierung, ohne den Geschwisterkonflikt zu verniedlichen: Immer mal wieder mutiert die zweite Prinzessin zur bösen Schwester und tunkt die Ältere in Torte.

    Besson inszenierte in seiner 1992 begonnenen Regielaufbahn so unterschiedliche Stücke wie Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ oder das Lustspiel „Pension Schöller“, Molières ätzende Komödie „Der Menschenfeind“ und Simon Stephens’ Unterschichtendrama „Port“. Sein Hauptvergnügen nennt er es, seinen jungen Zuschauern dabei „zuzugucken, wie sie gucken“. Er kann sich noch gut an die eigenen, frühen Theatererlebnisse erinnern, stammt er doch aus einer Theaterfamilie, mit dem Brecht-Kompagnon Benno Besson als Vater, mit Katharina Thalbach als Halbschwester. Drei Jahre alt war er, als ihn die märchenhafte Diktatur-Parabel „Der Drache“ von Besson senior für das Theater begeisterte. Das Gefühl, mit dem er als Kind Theater sah, möchte er auch seinen Zuschauern vermitteln. Und so wird Philippe Besson, der für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen arbeitet, „immer wieder zu den Kindern zurückkehren“.

    Elena Philipp

    Inszenierungen (Auswahl)

    Philippe Besson ist ein zurückhaltender Regisseur - er vertraut auf den Text und seine Schauspieler. Die Geschichten auf der Bühne entspinnen sich scheinbar von selbst, und doch ist das Geschehen klar geordnet. Vorrang vor einem Regiekonzept hat bei Besson immer der in einem Stück angelegte Konflikt. Die Stigmatisierung von Liebesbeziehungen thematisiert seine Uraufführung von „Ferne Fremde Liebe“ der norwegischen Autorin Liv Heløe: Nina hat sich in den Sinto Moreno verliebt, eine gesellschaftlich unpassende Verbindung wie die zwischen ihrer norwegischen Urgroßmutter Ruth und dem deutschen Besatzungssoldaten, den diese im Zweiten Weltkrieg heiratete. In Bessons Jugendbuch-Adaption „Wir alle für immer zusammen“ erzählt die 11-jährige Polleke von ihrer Patchworkfamilie, den Beziehungsquerelen der Erwachsenen und ihren eigenen Problemen mit Mimun, der nicht mehr mit ihr gehen darf, weil sie keine Muslimin ist, sondern Dichterin werden möchte. Wie die genannten legen viele der von Besson gewählten Stoffe eine episierende Inszenierungsweise nahe, einen Wechsel zwischen Dialog und Publikumsadresse, der das Geschehen zugleich heranholt und perspektivierend distanziert.

    Philippe Besson, der nach eigenem Bekunden keinen wiedererkennbaren Stil pflegt, kann auch herzhaft inszenieren und scheut vor Theatereffekten nicht zurück. In „Frühlings Erwachen“ liegt der Kopf des Selbstmörders Moritz auf einer langen Tafel, in frohgemuter Konversation mit Melchior begriffen. Es donnert und blitzt gewaltig, wenn die 13. Fee in „Dornröschen oder Das Märchen vom Erwachen“ ihre Verwünschung ausspricht; die Prinzessin redet mit dem Küchenjungen breites Schweizerdeutsch und lässt sich von ihm kreischend um die Säulen im Palast jagen. Die modernen Märcheninszenierungen von Philippe Besson, neben „Dornröschen“ etwa auch „Die Zweite Prinzessin“, sind üppig bonbonbunt ausgestattet - ein Kontrast zu eher minimalistischen, multifunktionalen Bühnenbildern wie dem zur Kulisse aufgefalteten Stadtplan in “Rico und die Tieferschatten” oder den semitransparenten Gittern und Drehtüren in „Ferne Fremde Liebe“.

    In manchen Inszenierungen vereinen sich Dezentes und Deftiges auf das Stimmigste, so etwa in „Die Zweite Prinzessin“. Als „eine Ungerechtigkeit, die zum Himmel schreit“ empfindet es die zweite Prinzessin, die jüngere Schwester zu sein. Zwischen Konfettiresten und aufgerissenen Geschenkverpackungen vom Geburtstag der Älteren probt sie in ihrer Phantasie den Aufstand: Vielleicht mag der böse Märchenwolf die Schwester fressen? Spinne, Ratte, Bär sie aus dem Schloss in eine Höhle heiraten? Oder die Köchin, eine böse Hexe, könnte sie schrumpfen? Mit Isabell Giebeler vom Theater Junge Generation Dresden hat Besson eine Hauptdarstellerin gefunden, die das Konzept von Theater als Spiel der Möglichkeiten perfekt umsetzen kann. Sie ist mal kratzbürstig, mal traurig, fordernd, fügsam und unendlich einfallsreich, wenn sie aus Requisiten wie Pappbecher und Luftballon flugs eine symbolische Stellvertreterfigur der Königin bastelt. Fedrig leicht und einfühlsam wirkt die Inszenierung, ohne den Geschwisterkonflikt zu verniedlichen: Immer mal wieder mutiert die zweite Prinzessin zur bösen Schwester und tunkt die Ältere in Torte.

    Besson inszenierte in seiner 1992 begonnenen Regielaufbahn so unterschiedliche Stücke wie Brechts Parabel „Der gute Mensch von Sezuan“ oder das Lustspiel „Pension Schöller“, Molières ätzende Komödie „Der Menschenfeind“ und Simon Stephens’ Unterschichtendrama „Port“. Sein Hauptvergnügen nennt er es, seinen jungen Zuschauern dabei „zuzugucken, wie sie gucken“. Er kann sich noch gut an die eigenen, frühen Theatererlebnisse erinnern, stammt er doch aus einer Theaterfamilie, mit dem Brecht-Kompagnon Benno Besson als Vater, mit Katharina Thalbach als Halbschwester. Drei Jahre alt war er, als ihn die märchenhafte Diktatur-Parabel „Der Drache“ von Besson senior für das Theater begeisterte. Das Gefühl, mit dem er als Kind Theater sah, möchte er auch seinen Zuschauern vermitteln. Und so wird Philippe Besson, der für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen arbeitet, „immer wieder zu den Kindern zurückkehren“.

    Elena Philipp