Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters – Brigitte Dethier

Biografie

Brigitte Dethier © Tom Pingel

Seit ihrer ersten Inszenierung 1988 am Münchener Theater der Jugend – Schauburg hat sich die 1959 im Schwarzwald geborene Brigitte Dethier zu einer der profiliertesten Regisseusen in der bundesdeutschen Kinder- und Jugendtheaterszene entwickelt.

Nach dem Studium der Germanistik, Theaterwissenschaft und Psychologie an der Johann Wolfgang Goethe Universität zu Frankfurt am Main, sowie einem Schauspielstudium begann sie bei Jürgen Flügge in München als Assistentin. Hier übernahm sie auch die Öffentlichkeitsarbeit für „Schauspiele 86“, dem zweiten internationalen Kinder- und Jugendtheatertreffen in München. Von 1989 – 1993 leitete sie das Kinder- und Jugendtheater an der WLB Esslingen, in der gleichen Funktion war sie von 1993 bis 1995 am Landestheater Tübingen tätig. Von 1996 – 2002 übernahm sie als Direktorin das Schnawwl Mannheim. Seit 2002 leitet sie das Junge Ensemble Stuttgart (JES), wo sie zugleich Leiterin des internationalen Festivals „Schöne Aussicht“ ist, das zusammen mit dem „Baden-Württembergischen Kinder- und Jugendtheatertreffen“ alle zwei Jahre am JES stattfindet.

Neben ihrer Intendanten- und Regietätigkeit arbeitet sie im Vorstand der bundesdeutschen Sektion der ASSITEJ mit. Sie gehört zu den prägenden Köpfen der kulturpolitisch engagierten „Arbeitsgemeinschaft baden-württembergischer Kinder- und Jugendtheater“ und arbeitet in vielen verschiedenen Gremien mit.

    Porträt

    Dieses kulturpolitische Engagement gehört wie selbstverständlich zur künstlerischen Arbeit von Brigitte Dethier. Sich zu engagieren, ihre eigene Arbeit ständig zu reflektieren und in größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen zu sehen, sind untrennbar mit ihrer Inszenierungsarbeit verbunden.

    Die Parteilichkeit für die Situation von Kindern und Jugendlichen heute, deren Ängste und Nöte, aber auch deren Hoffnungen, kennzeichnet ihre Haltung zum Publikum. Alle ihre bisherigen 33 Inszenierungen werden durch diese Haltung und die Neugierde geprägt, wie große und kleine Menschen miteinander umgehen, wie diese Welt – ganz im Sinne Brechts – ein wenig freundlicher werden kann. In allen Abbildungen der Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern blitzen utopische Möglichkeiten eines anderen Umgangs auf. Wenn sie ihre Figuren tiefenpsychologisch auslotet, so sind ihre Inszenierungen doch von einer wunderbaren Leichtigkeit.

    Sie ist eine Geschichtenerzählerin mit einer Vorliebe für die komischen Katastrophen in dieser Welt: Eine humorvolle Grundeinstellung, dezenter Slap-Stick und die Suche nach den einfachsten Umsetzungen zeichnen ihre Inszenierungen aus. Aber mehr noch spürt man in ihrer künstlerischen Arbeit die Empathie, das Mitgefühl, das Dethier allen den von ihr in Szene gesetzten Figuren entgegen bringt. Dabei gelingt es ihr, diese Empathie unaufdringlich auf den Zuschauer zu übertragen. Zusammen mit dem Gespür für die leise Komik des Alltags entwickelt sich nicht nur in den „Mama“- Stücken – bisher vier – eine optimistische Grundhaltung zur Welt, in der das Lachen zu einer wichtigen Therapie wird.

    Ein besonderes ästhetisches Merkmal ist das ständige Ausprobieren mit den Mitteln anderer Künste. So hat sie 1995 in Tübingen bei ihrer Adaption des „Sommernachtstraums“ von Franz Fühmann mit dem bekannten Figurentheatermacher Frank Soehnle zusammengearbeitet. Schon 1994 hat sie mit „The world is round“ von Gertrude Stein Formen des Tanztheaters ausprobiert. Mit dem Belgier Ives Thuwis hat sie in den letzten Jahren einen kongenialen Partner für diese Arbeit gefunden, in der professionelle Darsteller und Jugendliche zu Spiel und Tanz zusammen finden. 2009 erhielten beide für ihre Inszenierung „Noch 5 Minuten“ den deutschen Theaterpreis „Faust“ im Bereich „Kindertheater“. In ihrer neuesten Zusammenarbeit „9 Leben“ bündeln sich auf grandiose Weise Themen und Formen, die die Theaterarbeit von Dethier prägen: Hier arbeiten sich neun männliche Jugendliche an dem Verhältnis zu ihrer Mutter ab, in Formen der contact improvisation, mal aggressiv, mal voller Zärtlichkeit. Dabei überrascht sie ihre Zuschauer immer wieder, neben Tanz- und Slap-Stick-Produktionen beispielsweise mit einer leisen und intensiven Inszenierung von „Das Geschenk des weißen Pferdes“ von Rudolf Herfurtner, die ganz und gar ihren Darstellern vertraut.

    Als Intendantin liegt ihr schon seit der Zeit, als sie erstmals in Esslingen als Leiterin auftrat, die Ensemblepflege besonders nah am Herzen, sowie die Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Klaus Hemmerle, ihren Dramaturgen und ihren Regieassistenten, die inzwischen zu Regisseuren geworden sind und an ihrem Haus inszenieren können. Auch im Sinne dieser Ensemblepflege werden die vielen „Ensembleprojekte“, die den Spielplan des JES auszeichnen, sinnfällig. Einen besonderen Schwerpunkt innerhalb ihrer Intendantentätigkeit bildet dabei die Theaterpädagogik, die in vielen Schulen und Aktionen vernetzt sind, die Arbeit mit Jugend-, Kinder- und Seniorenclubs nimmt einen hohen Stellenwert ein. Auch das gehört zu ihrer Haltung, sich kulturpolitisch zu vernetzen und Stellung zu beziehen.
    Manfred Jahnke

    Inszenierungen

    Eigenproduktion „9 Leben“
    2011, Junges Ensemble Stuttgart

    Rudolf Herfurtner „Das Geschenk des weißen Pferdes“
    2010, Junges Ensemble Stuttgart

    Ensembleproduktion „Merhaba Mama Salz, Pappa Pfeffer“
    2010, Junges Ensemble Stuttgart

    Maritgen Matter „Ein Schaf fürs Leben“
    2008, Junges Ensemble Stuttgart

    Eigenproduktion „Noch fünf Minuten“
    2008, Junges Ensemble Stuttgart

    Ensembleproduktion „Mama Salz, Papa Pfeffer“
    2007, Junges Ensemble Stuttgart

    Lutz Hübner „Das Herz eines Boxers“
    2007, Junges Ensemble Stuttgart

    Friedrich Karl Waechter „Die Schöpfung“
    2005, Junges Ensemble Stuttgart

    Gitte Kath/Jakob Mendel „Nebensache“
    2003, Junges Ensemble Stuttgart

    Ensembleproduktion „Systemfehler“
    2001, Schnawwl Mannheim

    Friedrich Karl Waechter „Die Eisprinzessin“
    1998, Landestheater Linz/Österreich

    Christina Nilsson/Cecilia Torrund „Einsame Mamma“
    1998, Schnawwl Mannheim

    René Schack „Die kleine Zoogeschichte“
    1997, Schnawwl Mannheim

    Franz Fühmann nach Shakespeare „Der Sommernachtstraum“
    1995, Landestheater Tübingen

    Gertrude Stein „The world is round“
    1994, Landestheater Tübingen

    Nils Gredeby „Metamorphosen“
    1991, Württembergische Landesbühne Esslingen

    Suzanne van Lohuizen „Der Junge im Bus“
    1988, Theater der Jugend-Schauburg München

    Helmut Ruge/Ensemble „Abflug“
    1988, Theater der Jugend-Schauburg München