Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Marcelo Diaz

Biografie

Marcelo Diaz © privat

Geboren am 09.03.1955 in Buenos Aires, Argentinien.
1975 bis 1980 besuchte er die Schauspielschule „Raúl Serrano“ in Buenos Aires, im Anschluss absolvierte er die Regieausbildung am Theater Planeta in Buenos Aires.
1982 wanderte er nach Deutschland aus, wo er als freier Regisseur und als Schauspiellehrer mit eigenem Studio in München fußfasste.


In den Jahren 1991, 1993, 1997, 1999 und 2001 war Marcelo Diaz jeweils mit einer Inszenierung auf der Deutschen Biennale des Kinder- und Jugendtheaters „Augenblick mal!“ nach Berlin eingeladen.

1996-2000 war er künstlerischer Leiter vom „Junges Theater Zürich“, das 2000 in das „Theater an der Sihl“ überging, dessen Künstlerischer Leiter er bis 2003 in Zürich war. In dieser Funktion war er von 1996 bis 2003 Dozent für Schauspiel an der Theaterhochschule Zürich und ab 1999 Studiengangsleiter und Dozent für Regie an der Theaterhochschule Zürich. Er ist Verfasser mehrerer Publikationen über Schauspieltechnik.

Er ist heute Dozent für Regie an der Theaterhochschule Valencia, Spanien, und an der Theaterschule „Cuarta Pared“ in Madrid, Spanien. Er inszeniert weiterhin vor allem in Deutschland (Dresden, Mannheim, Weimar, u.a.), aber auch in Spanien, Österreich, der Schweiz und in Lateinamerika. Im Herbst 2011 wird Marcelo Diaz seine 100. Regiepremiere feiern.

    Porträt

    Der Bilderzauberer – Marcelo Diaz entwickelt den Zauber der poetischen Komödie für Zuschauer jeden Alters

    In der ruppigen Jute-Leere sitzt Polleke allein und verdichtet ihre Gedanken zu Vierzeilern. Gerade noch zerrte das Alltagschaos von verliebter Mutter und turtelndem Lehrer, der Trennung vom muslimischem Freund, Babysitterdienst an der Halbschwester und Geldnöten des drogensüchtigen Vaters an dem 11jährige Mädchen. Doch nun gibt die eigene Poesie Polleke Kraft und Orientierung. Für einen Moment -dann schlagen wieder die Wellen des Alltags über ihr zusammen. („Wir immer für alle zusammen“)

    Drei Pinguine und eine Taube sind am Ende einer langen Reise in der Arche immer noch nicht wirklich schlau aus Gott geworden als eine Soffitte fällt. Der Techniker samt versöhnlichem Regenbogen kommt kurz zum Vorschein, mit Ruhe und Hilfe des Schauspielers verschwindet der Techniker wieder in der Deckung. („An der Arche um Acht“)

    Rama und Sita sehen sich zum ersten Mal: Wie ein Blitz durchfährt es ihre Körper synchron, dann bilden ihre Bewegungen eine Einheit auf einige Meter Distanz in einer gut bevölkerten Bühne. Die übrigen Figuren der Szene folgen den üblichen Ritualen einer königlichen Audienz, aber Rama und Sita verlassen jeden vorgegebenen Pfad. Schon in der Distanz sind sie vereint, bevor das erste Wort zwischen ihnen gefallen ist. („Das Lied von Rama“)

    Marcelo Diaz findet Bilder, die tief treffen und die Geschichte zum Zuschauer hin öffnen. Theatertexte werden in seinen Inszenierungen zu Bildereigen, die in ihrer poetischen Kraft die Vorlage weiter denken. Er erforscht die Theaterkommunikation ohne Sprache und die Beziehung von Bildern zu Text. Die wortlosen Bilder sagen mehr als Dialoge: So bekommt der genannte, philosophische Diskurs der Pinguine eine theatertheoretische Dimension; so kann die Liebe zwischen Rama und Sita alle Regeln missachten und Polleke dem Publikum zeigen, was sie wirklich braucht.

    Als Marcelo Diaz vor 30 Jahren seine ersten Regiearbeiten in Deutschland vorstellte, waren diese Feuerwerke der Ideen. Über die Jahre entwickelte Marcelo Diaz seinen Sinn für Themen weiter, für die Spannungen von Situationen und Bildideen. Sein Anliegen, einen literarischen Stoff auf die aktuelle Zeit hin zu befragen, führt heute zu klaren, genauen Inszenierungen. „Ich arbeite heute inhaltlicher als früher, im positiven Sinne deutscher.“ stellt er im Gespräch schmunzelnd fest.

    Treu geblieben ist er bis heute den großen Fragen der Menschheit, die Marcelo Diaz für jung und alt mit Humor inszeniert. In realistischen Stücken sucht er die großen Fragen unter dem aktuellen Fall. Während Mythen und philosophische Themen bei ihm in einer Konkretheit lebendig werden, die Klarheit und Leichtigkeit schafft.

    Marcelo Diaz arbeitet mit der Bildersprache auch abschweifend vom Text: Gesten der Figuren „sprechen“ Gefühle aus, sind ehrlicher oder klüger als ihr gesprochenes Wort. Seine Arrangements „sagen“ deutlicher und differenzierter wie die Machtverhältnisse stehen. Der Rhythmus der Bilderfolgen und des Szenenspiels reizt Diaz für humorvolle Schwerpunktsetzung aus. Zeitsprünge werden zu gespielten Zeitraffern.

    1991 hat Marcelo Diaz im Rahmen des ersten Deutsch Kinder- und Jugendtheatertreffens in Berlin in einem Interview erklärt: „Wenn ich für Kinder inszeniere, denke ich an die Erwachsenen. Wenn ich für Erwachsenen inszeniere, denke ich an die Kinder.“ 20 Jahre später kann man nur vermuten, dass ihn diese Gedanken zum Meister des poetischen Familienstücks machten.

    Anne Richter

    Inszenierungen (Auswahl)

    John von Düffel „Gullivers Reisen“
    UA, 2010, Nationaltheater Weimar

    Tor Aage Bringsvaerd „Das Lied von Rama“
    DSE, 2010, Schnawwl am Nationaltheater Mannheim

    Laura de Weck „Lieblingsmenschen“
    UA, 2007, Schnawwl am Nationaltheater Mannheim

    Inèz Derksen „King A“
    DSE, 2005, Schnawwl am Nationaltheater Mannheim

    Schulhofgeschichten div. Autoren „Pausen-Rehe & Platz-Hirsche“
    UA, 2001, Theater an der Sihl, Zürich/Schweiz

    Suzanne van Lohuizen „Mein Vater Che Guevara“
    UA, 2000, Theater an der Sihl, Zürich

    Suzanne van Lohuizen „Was ist los mit Daniela Duños?“
    UA, 1998, junges.theater.zürich

    Max Frisch „Andorra“
    1999, carrousel Theater Berlin / junges.theater.zürich

    Ingeborg von Zadow „Besuch bei Katt und Freda“
    UA, 1997, junges.theater.zürich

    Katrin Lange „Das Mädchen Kiesel und der Hund“
    UA, 1996, carrousel Theater Berlin

    Horst Hawemann „Alles frei – Stuhl besetzt“
    1995, carrousel Theater Berlin

    Eugen Ionesco „Die Unterrichtsstunde“
    1994, Schauburg München

    Tiziana Lucatini „Rote Schuhe”
    DSE, 1994, carrousel Theater Berlin

    Pauline Mol „Iphigenie Königskind“
    1993, Schauburg München

    Nach „Ein Traumspiel“ von August Strindberg „Mit Träumen spielen“, Projekt für vier Regisseure
    1993, Schauburg München

    Marcelo Diaz „Flammenpflücker“
    UA, 1992 , Theater Pfütze, Nürnberg

    Peter Bichsel „Kindergeschichten“
    DSE, 1990, Landestheater Württemberg-Hohenzollern, Tübingen