Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Andrea Gronemeyer

Biografie

Andrea Gronemeyer © Karola Prutek

Andrea Gronemeyer wurde 1962 im Emsland geboren. Sie studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften sowie Romanistik und Germanistik in Köln und Florenz.

Gronemeyer arbeitet seit über 20 Jahren im und für das Kinder- und Jugendtheater, zunächst als Autorin, dann als Regisseurin und Theaterleiterin und hat in dieser Zeit etwa 40 Stücke für ein junges Publikum inszeniert. Mehr als anderthalb Jahrzehnte war sie am freien Theater „Comedia Colonia“ in Köln u. a. als Regisseurin und Dramaturgin beschäftigt, leitete dort ab 1992 das Kinder- und Jugendtheater „Ömmes & Oimel“ und rief 1993 das Festival „Spielarten“ ins Leben.

In der Spielzeit 2002/03 wurde sie als Direktorin an den Schnawwl, das Kinder- und Jugendtheater am Nationaltheater Mannheim berufen. Ihr steht dort ein eigenes Schauspielensemble und eine eigene Spielstätte für ein junges Publikum zur Verfügung; jährlich werden aus einem Repertoire von zehn Stücken etwa 330 Vorstellungen gespielt, auch auf Gastspielreisen im In- und Ausland.

2006 eröffnete sie gemeinsam mit Operndirektor Klaus Peter Kehr am Nationaltheater Mannheim die Sparte „Junge Oper“; im November 2011 wird sie dort zum vierten Mal inszenieren.

Andrea Gronemeyers Theaterfassung des Märchens „Die Schöne und das Biest“ ist im Theaterstückverlag München verlegt und wird von zahlreichen Theatern im deutschsprachigen Raum nachgespielt. Im DuMont Buchverlag veröffentlichte sie die Sachbücher „Schnellkurs Theater“ und „Schnellkurs Film“, die in sechs Sprachen übersetzt wurden. Zusammen mit Gerd Taube und Julia Dina Heße ist sie Herausgeberin des Buches „Kindertheater Jugendtheater. Perspektiven einer Theatersparte“.

    Porträt

    Mein Platz in der Welt

    Allzu sehr im Mittelpunkt zu stehen liegt ihr nicht: Wer von Andrea Gronemeyer etwas über ihre Arbeit als Regisseurin erfahren möchte, hört ganz schnell: „Mich gibt’s nicht als einzelne Künstlerin“1 und erfährt weiter, dass Theater für sie nie nur Ausdruck eines einzelnen, sondern in erster Linie der einer Gruppe sei.

    Vor diesem Hintergrund erhellt sich einem, warum Inszenierungen von Andrea Gronemeyer fast zwei Jahrzehnte nur in Köln und, abgesehen von einer Gastregie in Oldenburg, seit 2002 nur in Mannheim zu sehen sind. Nein, als reisender Regisseur durch die Landschaft zu tingeln, das „kann ich nicht, das will ich nicht“ – ganz energisch ist sie da. Denn ihr Anliegen ist es zu gestalten, und Gestalten braucht Zeit.

    Erst kürzlich hat sie in einem Interview mit dem mumbaitheatreguide verdeutlicht, welch hohen Stellenwert für sie der gemeinsame Schaffensprozeß einnimmt: “Zwar steuert der Regisseur das Schiff; er ist aber auch verantwortlich dafür, dass jedermann an Bord seine spezifischen Fähigkeiten und Qualitäten beisteuern kann. Am Anfang muss der Regisseur die Richtung der Reise vorgeben und am Ende die Entscheidungen treffen. Dazwischen aber liegt eine lange Phase gemeinsamen Arbeitens, und ein guter Regisseur ist immer gewillt, die Richtung zu verändern und von seinem Team zu lernen, wenn es bessere Karten entwirft.“2

    Anlass für dieses Statement war Gronemeyers Regiearbeit vom April 2011, von der die Mannheimerin sagt, sie stehe wie kaum eine andere für ihr Verständnis von Theater. In Kooperation mit dem Ranga Shankara Theater aus dem indischen Bangalore inszenierte sie „Der Junge mit dem Koffer“, ein Stück des renommiertesten britischen Kinder- und Jugendtheaterautoren Mike Kenny3. Grandioses Erzähltheater ist ihr dabei gelungen, das einmal mehr auf die Phantasie des Zuschauers setzt, ohne die alle Bemühungen der Künstler null und nichtig wären. Wenn es ein Charakteristikum von Gronemeyers Regiehandwerk gibt, dann ist es dies: Sie hält die Schauspieler an, die „vierte Wand“ einzureißen, quasi durch sie „hindurch zu spielen“, dabei das Publikum „zu meinen“, es direkt anzusprechen. Denn auch in Bezug auf das Publikum ist das Theater für sie eine „partizipative Kunstform“, ein Ort der Begegnung, wo die Schauspieler die Energie des Publikums aufnehmen und an es transformiert zurückgeben.

    Weil der Schauspieler in Andrea Gronemeyers Inszenierungen im Mittelpunkt steht, kommen ihre Arbeiten in der Regel mit wenigen Bühnenelementen und Requisiten aus. Ein Haufen Bücher und im Ohrenbackensessel Margrit Gysin als beeindruckender Menschfrauberg reichen deshalb, um aus Guus Kuijers „Das Buch von allen Dingen“ – „eine gespielte Geschichte vom Glücklichwerden“ – einen Abend der großen Gefühle zu machen.

    Es gibt wohl kaum eine Arbeit von Andrea Gronemeyer, in der nicht Musik, Geräusche und Klänge eine wichtige, ja eine konstituierende Rolle spielten. Von daher war es nur eine Frage der Zeit, bis es sie zum Musiktheater zog. Einen Bruder im Geiste für dieses Faible fand sie in Mannheims Operndirektor Klaus Peter Kehr, mit dem sie 2006 die „Junge Oper“ ins Leben rief. An diesem Genre interessiert sie besonders, „wie man im Theater Musik sichtbar machen und Handlungen, Bilder und Musik miteinander kommunizieren lassen kann.“ Sie bezeichnet sich selbst als „akustischen Regisseur“, für den nicht nur die Sprache, sondern auch die Klangerweiterung in den Raum hinein über Geräusche und Töne von Bedeutung ist. Ebenso wichtig wie präzises Formulieren und die Suche nach genauem Ausdruck im Reden spielt in ihrer Arbeit die Melodie des Textes (und was damit exakt ausgedrückt werden soll) eine bedeutende Rolle.

    Ihre entscheidenden künstlerischen Impulse für das Kinder- und Jugendtheater hat die 49jährige in den achtziger Jahren erhalten – einer Zeit, in der aus den Niederlanden und aus Schweden wegweisende Impulse kamen – inhaltlich wie ästhetisch. „Das Fremdsein in der Welt beschäftigt mich sehr“, sagt Gronemeyer, und der hohe Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund, sowohl in Köln als auch in Mannheim, hat für sie Themen wie Migration, Flüchtlinge, Identitätsfindung in den Vordergrund gerückt: „Und da beginne ich mich selbst zu fragen: Wo komme ich her? Wo geh ich hin? Was ist mein Platz in der Welt, als Mensch und als Künstler?“

    __________________________________________

    1 Zitate stammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus Gesprächen, die der Autor mit Andrea Gronemeyer zwischen 2006 und 2011 geführt hat.

    2 „The director is the person who has to steer the ship and has to take care that everybody who is on board can bring in their respective skills and qualities. In the beginning, the director has to show the direction of the journey and in the end, has to take the decisions. But in between is a long collaboration, and a good director is always willing to modify the direction and learn from the team when it creates better maps.“ www.mumbaitheatreguide.com

    3 Mehr dazu findet sich auf: www.wanderlust-blog.de

    Tristan Berger

    Inszenierungen (Auswahl)

    Schauspiel

    Mike Kenny „Der Junge mit dem Koffer“
    2011, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Peter Seligmann nach Hans Christian Andersen „Tölpelhans“
    2009, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Guus Kuijer „Das Buch von allen Dingen“
    2010, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Hans Christian Andersen „Das häßliche Entlein“
    DSE, 2009, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Flora Verbrugge / Herman van Baar „Kummer und Courage“
    2007, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Kristo Šagor „Ja“
    2006, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Kai Hensel „Klamms Krieg“
    2003, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Lee Hall „Spoonface Steinberg“
    2003, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Katrin Lange „Das Mädchen Kiesel und der Hund“
    2002, Nationaltheater Mannheim, Schnawwl

    Giacomo Ravicchio / Nino D'Introna „Robinson & Crusoe“
    2001, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Lutz Hübner „Creeps“
    2000, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Asaya Fujita „Der Teufel Bekkanko“
    1999, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Andrea Gronemeyer / Franco Melis / Susanne Sieben „Die Schöne und das Biest“
    1998, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Marco Baliani und Remo Rostagno nach Heinrich von Kleist „Kohlhaas“
    1998, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Dario Fo „Johann vom Po entdeckt Amerika“
    1997, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Alain de Neck / Didier de Neck „Julie und der Riese Junior oder Kein Sonntag wie jeder andere“
    DSE, 1995, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Beat Fäh nach William Shakespeare „Rose und Regen, Schwert und Wunde – Ein Sommernachtstraum“
    1996, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Ad de Bont „Mirad ein Junge aus Bosnien“
    1994, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Ad de Bont „Die Ballade von Garuma“
    1992, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Peter Slavik „Ayshe und Richard“
    1990, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Arthur und Elisabeth Frauquez „Ambrosio tötet die Zeit“
    1989, Comedia Köln (früher: Ömmes & Oimel)

    Musiktheater

    Selim Dogru / Sophie Kassies „Wüstenwind“
    DSE, 2011, Nationaltheater Mannheim, Junge Oper

    Robyn Schulkowsky / Sophie Kassies „Das Kind der Seehundfrau“
    UA, 2008, Nationaltheater Mannheim, Junge Oper

    Jens Joneleit / Sophie Kassies „Schneewitte“
    DSE, 2008, Nationaltheater Mannheim, Junge Oper

    Gerard Beljon / Sophie Kassies „Hans und Gretchen“
    2007, Staatstheater Oldenburg

    Händel / Monteverdi / Purcell / Sophie Kassies „Schaf“
    2006, Nationaltheater Mannheim, Junge Oper