Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Dominik Günther

Biografie

Dominik Günther © privat

Geboren 1973 in Bonn. Studium der Sozialwissenschaften und Germanistik mit dem Schwerpunkt Theaterwissenschaften an der Universität Bielefeld. Während des Studiums Spieler in der freien Theatergruppe „Canaillen Bagage“; singt und textet in der Musikkabarettgruppe „Nik Neandertal“. Vor acht Jahren gründete er das „Neandertal Theater“ auf dem Hamburger Kiez.

Ab 1998 erste Regieassistenzen an den Theatern Bielefeld, Bonn und am Thalia Theater Hamburg. Seit 2005 freier Regisseur mit Arbeiten am Thalia Theater Hamburg, dem Deutschen Theater Berlin, am Theater Heidelberg, dem Theater Heilbronn, am theater junge generation in Dresden, dem Landestheater Linz, am Theater Bern, dem Theater Erlangen, dem Theater Lübeck und in der Spielzeit 2011/12 erstmalig am Badischen Staatstheater Karlsruhe. Am Thalia Theater Hamburg leitete Günther mehrere Theaterprojekte mit Jugendlichen.

2008 Nominierung für den Deutschen Theaterpreis DER FAUST für die Inszenierung des Stückes „Hikikomori“ von Holger Schober am Thalia Theater Hamburg. Diese Arbeit wurde zu den Ruhrfestspielen nach Recklinghausen und zum 10. Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!“ 2009 nach Berlin eingeladen. Dominik Günther errang 2009 den österreichischen Theaterpreis „Stella09“ für seine Inszenierung von „Clyde und Bonnie“ von Holger Schober sowie den Jurypreis bei bestOFFstyria 2.9 in Graz mit der gleichen Arbeit.

2010 wurde seine Inszenierung von Nuran David Çalış’ Wedekind-Bearbeitung „Frühlings Erwachen! (Live fast – die young)“ zu den 17. Werkstatt-Tagen der Kinder- und Jugendtheater nach Leipzig und im Jahr darauf nach Berlin zum 11. Kinder- und Jugendtheatertreffen „Augenblick mal!“ eingeladen.

Seit September 2005 ist Günther Dozent für Szenen- und Rollenstudium am Hamburger Schauspiel-Studio Frese.

    Porträt

    Mit Vollgas

    Wie keine andere Theaterform setzt das Kinder- und Jugendtheater auf den Schauspieler. Oft ist das den begrenzten finanziellen Mitteln geschuldet, die keine opulenten Bühnenbilder zulassen; oft genug aber einem künstlerischen Credo, demzufolge nur der Schauspieler mit seinem Spiel die Herzen und Hirne der Zuschauer erreichen und öffnen kann.

    Für diesen Ansatz steht Dominik Günther in besonderem Maße. Er gilt im Jugendtheater als einer der profiliertesten Vertreter jener Regisseure, die durch ihre Handschrift, ihre Vision und ihre Fähigkeit, ein starkes Ensemblespiel zu befördern, dem Genre neue Möglichkeiten aufgezeigt haben. Dabei interessiert sich Günther nicht dafür, ob er gerade im gewöhnlichen oder im Kinder- und Jugendtheater inszeniert.

    Charakteristisch für Günthers Arbeiten sind hohes Tempo und eine (für Schauspieler und Zuschauer) bisweilen bis an die Schmerzgrenzen gehende Körperlichkeit, mit denen der Enddreißiger die vierte Wand durchbrechen möchte, ohne sie „direkt zu öffnen“.1 „Einsatz“, „Leistung“, „Risiko“, das Suchen nach „Direktheit und Aggressivität“: Begriffe, die Günthers Idee von Theater einfangen und eine Ahnung davon geben, wie es ihm gelingt, die Schauspieler für seine Spielideen zu begeistern.

    Daß und wie sich diese Begeisterung auch auf das Publikum überträgt, zeigt exemplarisch Günthers auf mehreren Festivals präsentierte Inszenierung von Nuran David Çalış’ Wedekind-Adaption „Frühlings Erwachen“: Günther läßt Moritz, Melchior, Wendla und die anderen Jugendlichen in fast bedingungsloser Bereitschaft alles wagen, um alles zu kriegen, was das Leben zu bieten hat. Ein schmerzhaftes, nachdrückliches Erwachsenwerden sehen wir – wenn etwa der tote Moritz Stiefel eine gute Viertelstunde kopfüber in einem mit Wasser gefüllten Planschbecken liegt –; da werden für den Zuschauer die Qualen der Figur und die des Schauspielers gleichermaßen fühlbar. Die Inszenierung folgt einer musikalischen Rhythmik (und ist deshalb so genau gebaut); sie ist faszinierend reich an spielerischen Details und, auch das typisch für die Arbeiten von Dominik Günther, choreographiert, ohne daß man dies auf den ersten Blick sähe.

    Wie keine andere Theaterform ist das Kinder- und Jugendtheater eine zeitgenössische. Anders ginge es nicht, denn ohne die Lebensformen, Lebensentwürfe und Lebensphasen seines Publikums zu verhandeln: Welche Daseinsberechtigung hätte es? – An erster Stelle stehen dabei die Autoren; einer der produktivsten und angesagtesten im Jugendtheater ist derzeit Holger Schober. Schober und Günther gelten als dreamteam der Szene, weil der Theaterdichter in Dominik Günther einen kongenialen Realisator seiner Texte gefunden hat.

    Warum das so ist? – Vielleicht, weil Schobers Texte dem Regisseur Günther genau die szenischen Freiräume aufmachen, die das Günthersche Theater braucht: das Ausloten der Extreme, die „abrupten Wechsel von Momenten höchster Überzeichnung zu Momenten größter persönlicher Not“ sowie „emotionale Achterbahnfahrten“ in Szene zu setzen. Beispielhaft führte Günther sein Credo im November 2010 am Heilbronner Theater mit „Superman ist tot“, einer Auftragsarbeit des Theaters an Holger Schober, vor, einem Stück über Drogen und Drogenkonsum und damit über den Zustand unserer Gesellschaft. Wieder jagt Günther seine beiden Protagonisten in aberwitzigem Tempo zu mindestens 140 bpm über die Bühne und gegen große Schaumstoffmatten, unwillkürlich staunt man über die marathonlauftaugliche Kondition von Susan Ihlenfeld und Sebastian Weiss. Das Innehalten und der leise Ton mit vor Anstrengung noch zitternder Stimme wirken dann umso eindringlicher, nachdenklicher: nachgerade laut in der plötzlichen Stille. Ähnlich „Hikikomori“ (japanischer Ausdruck für die mehr oder weniger selbstgewählte Isolation von Jugendlichen), mit der das Duo Schober / Günther 2007 zum ersten Mal deutschlandweit und mit einem Paukenschlag auf sich aufmerksam machte. Das furiose „Stubenhocker-Solo“ mit Ole Lagerpusch bezeichnete die Berliner Morgenpost prägnant als „Extrem-Power-Performance, elektrisierend wie ein Rockkonzert. Eine Veräußerung, eine Verausgabung.“2

    Es ist diese völlige Hingabe an die darzustellende Figur, die Günther den Schauspielern abverlangt und die uns als Zuschauer so fasziniert; möglich wird das, weil Günther es schafft, daß ihm die Schauspieler voll und ganz vertrauen – vor allem darauf, daß es lohnt, sich auszusetzen, Risiken einzugehen, den eigenen Schmerz zu leben und damit Grenzerfahrungen des Menschen sicht- und spürbar zu machen.

    Daß es uns das gibt: Lieben wir das Theater nicht genau dafür?

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    1 Zitate stammen, soweit nicht anders gekennzeichnet, aus Gesprächen, die Tristan Berger im Mai und Juni 2011 mit Dominik Günther führte.

    Tristan Berger

    Inszenierungen (Auswahl)

    Holger Schober „Du bist dabei!“
    2012, Deutsches Theater, Berlin

    Werner Schwab „Die Präsidentinnen“
    2012, Stadttheater Bern

    Johann Wolfgang von Goethe, Bearbeitung von Dominik Günther „Werther“
    2011, theater junge generation, Dresden

    Ingrid Lausund „Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner“
    2011, Theater Heilbronn

    Felicia Zeller „Kaspar Häuser Meer“
    2010, Stadttheater Bern

    Holger Schober „Superman ist tot“
    2010, UA Theater Heilbronn

    Holger Schober „Und sie bewegt sich doch!“
    2010, UA Theater Heidelberg

    Holger Schober „heimat.com“ (UA)
    2010, Theater Heilbronn

    Frank Wedekind / Nuran David Çalış „Frühlings Erwachen! (Live fast – die young)“
    2010, Theater Heidelberg

    Gotthold Ephraim Lessing „Emilia Galotti“
    2010, theater junge generation, Dresden

    Phillipp Löhle „Genannt Gospodin“
    2009, Theater Lübeck

    J. Rudyard Kipling „Das Dschungelbuch“ – eingerichtet von Dominik Günther und Nebojša Krulanović
    2009, Landestheater Linz

    Johann Wolfgang von Goethe „Torquato Tasso“
    2009, Rheinisches Landestheater Neuss

    Enda Walsh „The Homefront“
    DE, 2009, Vereinigte Städtische Bühnen Krefeld und Mönchengladbach

    Holger Schober „Clyde und Bonnie“
    UA, 2008, Koproduktion der Guerilla Gorillas mit dem Dschungel Wien und theaterland steiermark

    Gerhard Meister „und das da ist das überdruckventil“
    UA, 2008, Stadttheater Bern

    Carles Batlle i Jordà „Versuchung“
    2008, Vereinigte Städtische Bühnen Krefeld und Mönchengladbach

    Aglaja Veteranyi „Warum das Kind in der Polenta kocht“
    2007, Theater Unikate, Hamburg

    Holger Schober „Hikikomori“
    DE, 2007, Thalia Theater, Hamburg

    Michael Ende „Momo“
    2006, Theater Lübeck

    Peer Paul Gustavsson „Das Wunder von St. Georg“
    2006, Thalia Theater, Hamburg

     Andri Beyeler „kick & rush“
    2004, Thalia Theater, Hamburg

    Rebecca Prichard „Yard Girl“
    2003, Neandertal Theater, Hamburg