Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Ania Michaelis

Biografie

Anja Michaelis © Anne de Wolff

Ania Michaelis, geboren 1965 in Westfalen, ist Schauspielerin, Regisseurin und Autorin. Nach dem Studium an der Schule „Totales Theater“ in der Schweiz arbeitete sie in Engagements am Schauspielhaus Köln und dem Westfälischen Landestheater sowie in freien Projekten, vorrangig in Berlin, aber zum Beispiel auch für die Weltausstellung in Sevilla 1992.

Sie inszenierte unter anderem am Nationaltheater Mannheim, am Puppentheater Halle, am Theater Junge Generation Dresden, am Freien Theaterhaus Frankfurt am Main und am Theater des Lachens Frankfurt/Oder. Seit 1993 kooperiert sie mit dem Theater o.N. in Berlin, dessen Künstlerische Leiterin sie seit 2010 ist. Ab der Spielzeit 2011/12 ist sie zusätzlich Oberspielleiterin der Sparten Schauspiel und Puppenspiel am Theater Junge Generation in Dresden. 2001 erhielt sie für “Das Muschelessen” den ersten Preis bei den Theatertagen in Karlsruhe. Ihre Arbeiten wurden zu zahlreichen Kinder- und Jugendtheaterfestivals im In- und Ausland eingeladen.

    Porträt

    Elementare Empfindungen macht Ania Michaelis in ihren Arbeiten für die Allerkleinsten erfahrbar: Auf einer ganzen, großen Walnuss kaut die Schauspielerin Minouche Petrusch in „Kokon“, einem Stück über Verwandlung und Entpuppung. Ihre Wangen beulen sich aus, die Augen rollen, die Nuss klackt an die Zähne, will sich nicht zerbeißen lassen. Wundersam ist die Welt - und widerständig. Poetische Qualität gewinnt bei Ania Michaelis auch der technische Theaterapparat. Ein Scheinwerferrund wird in „funkeldunkel - lichtgedicht“ zum Ball, den zwei Schauspieler hin und her werfen, ein Lichtkreis auf dem Boden funktioniert als Trittstein. Einfache Handlungen erscheinen magisch aufgeladen, wenn eine Schauspielerin ihre Füße staunend in ein großes Wasserglas taucht oder verwundert durch eine große blaue Scherbe blickt. Nahe an ihrem jungen, welterkundenden Publikum sind die Regisseurin und ihre Darsteller. Durch Entdeckerlust ziehen sie es in den Bann, nicht durch das Vorleben von Gefühlen und Geschichten.

    Michaelis’ Dresdener Inszenierung „funkeldunkel - lichtgedicht“ experimentiert visuell mit Hell und Dunkel, Licht und Schatten. Doch auch auditiv sind ihre Inszenierungen für Zuschauer ab 2 Jahren anregend: Aus dem raschen Aneinanderreiben der Hände, dem Klatschen auf die Oberschenkel, dem Trommeln auf Holz entsteht ein gemeinsamer Rhythmus, und wenn sich die Schauspielerin in „Kokon“ - befreit aus einer unförmigen, braunen Hülle - in ihrem weiten Schmetterlingskleid im Tanz dreht, begleitet sie der Musiker Karlo Hackenberger auf der Ukulele mit einem fröhlichen Nonsenstext. Das Musikalische, es ist ein Grundelement in Michaelis’ Inszenierungen.

    Seit 2007 inszeniert Ania Michaelis für die jüngsten Zuschauer. Kaum länger ist das Theater für die Allerkleinsten in Deutschland verankert, sie gehört mithin zu seinen Pionierinnen. Doch Michaelis ist seit 1998 als Regisseurin tätig und arbeitet in einem breiten Spektrum nicht nur des Kinder- und Jugendtheaters. Volks- und Kunstmärchen gehören seit Beginn zu ihrem Repertoire - von „Das hässliche Entlein“ und „Der kleine Muck“ über den „Machandelboom“ bis zu „Zar Saltan“ oder „Das bucklige Pferdchen“. Vor allem in den späten 1990er Jahren und zu Beginn der 2000er hat Ania Michaelis auch für Erwachsene inszeniert - „Salzwasser“ von Conor McPherson, „Der unbekannte Bruder Grimm“, eine Stückentwicklung gemeinsam mit Hartmut Mechtel, oder „Das Muschelessen“ nach Birgit Vanderbeke, das bei den Theatertagen in Karlsruhe ausgezeichnet wurde. Ein fliegender Wechsel vom Theater für die Allerkleinsten zum Erwachsenentheater scheint jedoch nicht einfach: „Wer einmal in der Kinderstube inszeniert hat, den lässt man nicht mehr in den Salon“, sagt Ania Michaelis ohne Vorwurf.

    Ihre Theatersprache entwickelt sie in anderen, immer neuen Formen weiter. „Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch“ in Halle war ihre erste Puppentheater-Regie, und seit Herbst 2011 ist sie am Theater Junge Generation Dresden nicht nur Oberspielleiterin im Bereich Schauspiel, sondern auch im Puppenspiel. Mit „was dann passiert“ unternahm Michaelis, die länger schon mit Schulen und Schülern zusammen arbeitet, einen Ausflug in die sozial- und theaterpädagogische Arbeit mit jungen Menschen ‘aus schwierigen Verhältnissen’. Fünf Hellersdorfer Jugendliche legten unter ihrer Anleitung und der von Cindy Ehrlichmann in einem halben Jahr einen weiten Weg in Richtung Theatersprache zurück. Zur Gruppe zusammengeschweißt, transformieren sie auf der Bühne des Theater o.N. Aggression in choreographierte Bewegungsabläufe, und sie berichten unbefangen über ihr Leben. Vor dem ersten öffentlichen Auftritt der 13- bis 21-jährigen sprach Ania Michaelis vom bittersüßen Schmerz, den der Schritt vom Ungefähren in die Sichtbarkeit verursacht, nicht nur für Fabelwesen wie Trolle oder Elfen: Schwierig und gleichwohl lohnend ist die Arbeit an der Identität, die Theater für Jugendliche sein kann - und für Ania Michaelis immer ist.

    Elena Philipp

    Inszenierungen (Auswahl)

    „was dann passiert“
    2011, Theater o.N., Berlin

    Nach dem Roman von Lion Feuchtwanger, Bearbeitung von Hartmut Mechtel „Die hässliche Herzogin Margarete Maultasch“
    2011, Puppentheater Halle

    „Fingerfühl, Hörehell, Schlauschau“
    2010, Theater Junge Generation, Dresden

    „Kokon“
    2010, Theater o.N., Berlin

    Jan Liedtke, Laura Naumann „Turm E / Tut mir ja leid Vati, aber ich muss“
    2009, Theater Junge Generation, Dresden

    „Der Junge, der den Schlüssel stiehlt und das Mädchen, das die Perlen weint“  
    UA 2009, Theater Junge Generation, Dresden

    Nach dem Kinderbuch “Wir können noch viel zusammen machen“  von F.K. Waechter„Alle Freunde fliegen hoch“
    UA 2009, Schnawwl am Nationaltheater Mannheim

    Nach dem Märchen von Hans Christian Andersen „Das häßliche Entlein“
    2008, Theater La Senty Menti im Theaterhaus Frankfurt

    „funkeldunkel – lichtgedicht“
    2008, Theater Junge Generation, Dresden

    Theaterprojekt von hilb-michaelis mit 70 Jugendlichen „RUHE, HERRSCHAFTEN!“
    UA 2007, Berlin

    Alma Jongerius „Die Müllmaus“
    2006, Schnawwl am Nationaltheater Mannheim

    Nach dem Märchenpoem von Pjotr Pawlowitsch Jerschow, in Versen von Adolf Endler und Elke Erb „Das bucklige Pferdchen“
    2006, Theaterhaus Frankfurt

    „Das Glück wie das Pech“
    2004, Theater La Senty Menti im Theaterhaus Frankfurt

    Hartmut Mechtel „Der unbekannte Bruder Grimm - Ein Gesellschaftsspiel“
    2004, TheaterSalon, Berlin

    Birgit Vanderbeke „Das Muschelessen“
    2001, Theater o.N., Berlin

    Conor McPherson „Salzwasser“
    1999, Theater o.N., Berlin

    Alexander Puschkin „Zar Saltan“
    1998, Theater o.N., Berlin

    Ania Michaelis „Die Geschichte von der dicken Frau“
    1993, Theater o.N., Berlin