Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Franziska Steiof

Biografie

Franziska Steiof © privat

Franziska Steiof wurde 1962 in Offenbach geboren und ist am 23. Januar 2014 in Hamburg gestorben. Sie studierte Jura und Pädagogik und fand über das Studium der Theaterpädagogik bei Prof. Dr. Peter Jochimsen und über Regieassistenzen am Theater Kiel und am Theater im Werftpark ihren Weg zur Bühne.

Franziska Steiof hat als Regisseurin und Autorin u.a. für das Schauspiel Hannover, Schauspielhaus Düsseldorf, Grips Theater Berlin, Landestheater Schleswig, Theater im Zentrum Wien, die Städtischen Bühnen Kiel, sowie mit der freien Gruppe DeichArt gearbeitet. Franziska Steiof schreibt Theaterstücke für Kinder und Erwachsene. Ihre Inszenierungen wurden eingeladen zu zahlreichen Festivals, u.a. zweimal zu „Augenblickmal“ nach Berlin. Für ihre Inszenierungen „NELLY GOODBYE“ und „SO LONELY“ erhielt sie den Theaterpreis IKARUS 2006 und 2011. Für das Stück UNDINE, KLEINE MEERJUNGFRAU, welches sie für das Junge Schauspielhaus Düsseldorf schrieb, wurde sie 2010 für den Deutschen Kindertheaterpreis und den Mülheimer Kinderstückepreis nominiert. Die Inszenierungen „Norway, today“, sowie „Baden gehen“ waren für den Friedrich-Luft-Preis der Stadt Berlin nominiert.

    Porträt

    Grenzen überschreiten

    Franziska Steiof weiß immer sehr genau, was sie will. In den Proben bringt sie, geschickt auch die Konflikte moderierend, Künstler zusammen, mit dem Ziel, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren: Befreit aufspielen. Sie setzt den Rahmen und führt die ihr anvertrauten Schauspieler darin sensibel und fordernd, aber sicher durch das Abenteuer der Produktion.

    Dahinter scheint ihre besondere Art auf, Stücke zu lesen oder zu entwickeln und hinter die angebotenen Oberflächen zu schauen; ihr trockener norddeutscher Humor ist unschlagbar und legt sich sanft und unaufdringlich über jede Inszenierung. In ihrer Bildsprache schafft sie es, gleichzeitig immer wieder erkennbar und überraschend zu sein.

    Typisch für Franziska Steiof ist das Wechseln zwischen den Sparten, das sie als für sich (und für die Sparten) besonders bereichernd beschreibt. Musik ist für sie immer Bestandteil einer Inszenierung, ob es sich dabei um zeitgenössische „Entdeckungen“ von Indie-Pop- Schreibern, oder eigens für eine Inszenierung komponierte Songs und Underscores handelt. Franziska Steiof ist eine, die Kinder- und Jugendtheater aus Überzeugung als integralen Teil ihres Theaterverständnisses definiert und liebend gern die sichtbaren und unsichtbaren Grenzen der Genres überschreitet.

    Die im Theater dann aber immer die menschlichen Dramen in den Mittelpunkt stellt, die existentiellen Grundkonflikte, die vor dem Hintergrund der jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnisse immer wieder und insbesondere für Kinder, neu verhandelt werden müssen. Karl Marx schreibt: "Alle Emanzipation ist Zurückführung der menschlichen Welt, der Verhältnisse, auf den Menschen selbst.“ - Steiof nimmt diesen Satz ernst und schaut genau auf die sich im Menschen spiegelnde Welt.

    Franziska Steiofs Thema ist die Selbstbestimmung des Menschen, der mit seinem Schicksal und den Verhältnissen im Konflikt steht, die Menschlichkeit erschweren. Ihre Helden suchen die Freiheit, über ihr Leben zu bestimmen, und sind doch immer gebunden an die Erdenschwere.

    Nicht zufällig sucht sie immer wieder klassische Stoffe, die sie im Kern bewahrt und mit Geschick und Intelligenz in die Gegenwart transferiert, ohne nur tagesaktuell oder modisch zu werden.

    Eindringlich gelingt ihr 1997 „Heinrich der Fünfte“, eine Koproduktion von Kampnagel und Theater Triebwerk. Ein früher Höhepunkt ihrer Arbeit ist 1993 die gefeierte Inszenierung „Sturmhöhe - Die Nächte der Schwestern Bronté“. Die Kritik jubelt über „elegantes, intensives Spiel mit antinaturalistischen Mitteln“.

    Steiofs Inszenierungen haben immer einen starken, eigenen Rhythmus, sie rhythmisiert das Spiel, hält es an, lässt es erstarren, choreografiert Seelenlandschaften und -verbindungen, um sie wieder im Realismus ironisch brechen zu können. Sie nimmt den Zuschauer mit auf eine anspruchsvolle Reise, aber sie nimmt ihn mit! Das Nachdenken über ihr Publikum ist für sie selbstverständlicher Teil des Inszenierungsprozesses.

    In Düsseldorf schreibt und inszeniert sie „Artus“, „Schneekönigin“ und „Pünktchen und Anton“ fürs Junge Schauspielhaus, im „Mutterhaus“ bei Amélie Niermeyer inszeniert sie mit ebenso großem Erfolg Molieres „Der Menschenfeind“. Mit dem „Schimmelreiter“ am Theater der Jugend Wien und dem „Kohlhaas“ am Staatstheater Hannover gelingen ihr Höhepunkte der Spielzeit sowie das Kunststück, von Publikum und Kritik gleichermaßen geliebt zu werden.

    Sie schreibt seit einigen Jahren erfolgreich Theaterstücke, auch für Kinder. Stücke wie „Noah und der große Regen“, „Schneekönigin“ oder „Undine, die kleine Meerjungfrau“. Sie hat mit Volker Ludwig zusammen zwei abendfüllende Werke verfasst: „Baden gehen“ und „Rosa“, und beide im GRIPS Theater inszeniert. Das GRIPS Theater hat sie in den vergangenen zehn Jahren mit sechs Inszenierungen bereichert und in seinem Theaterverständnis erweitert. Hier hat sie, auf verschlungenen Wegen und auf merkwürdige Weise, eine künstlerische Heimat gefunden, indem sie intelligente, politische Theaterkunst kreiert, die ihr Publikum emotional abholt und ästhetisch herausfordert. Im September 2011 inszeniert Steiof die Eröffnung der neuen Intendanz des GRIPS Theaters, „Schöner wohnen“, ein musikalischer Abend über das Schicksal eines Berliner Hauses und seiner Bewohner im Zeitalter der Gentrifizierung.

    Stefan Fischer-Fels

    Inszenierungen (Auswahl)

    Franzsika Steiof „Schöner Wohnen“
    2011, Grips Theater Berlin

    Per Nilsson, Dramatisierung von Michael Müller „So lonely“
    2011, Grips Theater Berlin

    Erich Kästner „Pünktchen und Anton“
    2010, Düsseldorfer Schauspielhaus

    Franziska Steiof „Szenen der Lust“
    2010, DeichArt Kiel

    Volker Ludwig, Franziska Steiof „Rosa“
    2009, Grips Theater Berlin

    „Looking for Maria Stuart“
    2008, DeichArt Kiel

    Jean-Baptiste Molière „Der Menschenfeind“
    2008, Düsseldorfer Schauspielhaus

    Franziska Steiof nach H.C. Andersen „Die Schneekönigin“
    2006, Düsseldorfer Schauspielhaus

    Franziska Steiof „Schwitzende Männer im Schuhgeschäft“
    2006, DeichArt Kiel

    Horst Lohr „Nellie Goodbye“
    2005, Grips Theater Berlin

    Franziska Steiof „Artus“
    2004, Junges Schauspielhaus Düsseldorf

    Volker Ludwig, Franzsika Steiof „Baden gehen“
    2003, Grips Theater Berlin

    Theodore Isaac Rubin, Fassung von Franzsika Steiof „David und Lisa“
    2001, Grips Theater Berlin

    William Shakespeare „Heinrich V.“
    1997, Theater Triebwerk / Kampnagel

    Susanne Schneider „Die Nächte der Schwestern Brontë“
    1993, Theater Kiel