Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Martina van Boxen

Biografie

Martina van Boxen © privat

Martina van Boxen wurde 1960 in Mönchengladbach geboren und studierte zunächst Grafik/Design an der Fachhochschule Düsseldorf. Danach machte sie eine Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover, der ein erstes Engagement in Ingolstadt folgte. Seit 1989 ist sie als Schauspielerin und als Regisseurin tätig, zunächst in vielen freien Projekten, dann ab 1992 als künstlerische Leiterin, Geschäftsführerin und Gesellschafterin der Theaterwerkstatt Hannover.

Ebenfalls 1992 war sie Mitgründerin des Landesverbands Freier Theater in Niedersachsen e. V., dem sie fünf Jahre – und danach noch einmal drei Jahre – als Vorstandsmitglied angehörte. Kulturpolitische Arbeit ist für Martina van Boxen sehr wichtig, auch an ihrer aktuellen Arbeitsstelle. Seit 2005 leitet sie das Junge Schauspielhaus am Bochumer Schauspielhaus und hat den Intendantenwechsel von Elmar Goerden zu Anselm Weber überstanden. Ihre Inszenierungen werden zu vielen Festivals eingeladen, das Projekt „Hauptschule in Bewegung“ setzte Maßstäbe im Bereich der partizipativen Theaterarbeit. Von 2008 bis 2010 war Martina van Boxen Sprecherin des Arbeitskreises der Kinder- und Jugendtheater in Nordrhein-Westfalen.

    Porträt

    Packende Themen in vielen Formen – Die Regisseurin Martina van Boxen vereint die Direktheit des Jugendtheaters mit ästhetischer Vielfalt

    Zwei Soldaten ziehen in die Schlacht. Es ist kein heutiger Krieg, in dem Menschen töten, in dem sie auf Knöpfe drücken. Sie tragen historische Uniformen, es ist ein Feldzug aus dem Jahr 1812. Sie streiten sich über Kleinigkeiten, der Jüngere ist noch ein bisschen kindisch, fast wirken sie wie Clowns. Das Publikum lacht, und gerade deshalb drückt es einem die Kehle zu, wenn sich die Soldaten später an Leib und Seele tief verwundet über die Bühne schleppen. „Kummer und Courage“ ist ein niederländisches Stück von Flora Verbrugge und Herman van Baar. Martina van Boxen hat es am Jungen Schauspielhaus Bochum inszeniert, das sie seit 2005 leitet.

    Die Inszenierung lebt von den beiden packenden, perfekt harmonierenden Schauspielern, die jede geschichtliche Distanz sofort weg blasen. Aber sie hat noch eine hoch interessante zweite Ebene. In einem Schattenspiel sehen wir die Geschichte von zwei Pferden in derselben Schlacht, eine dramaturgische Verdoppelung, die eine sehr emotionale Wirkung hat. Denn gerade weil man hier nur Umrisse sieht, keine vermenschlichende Mimik, nur die Gedanken der Tiere hört – natürlich in menschlicher Sprache - , treibt es einem die Tränen in die Augen. Es fehlt jede Möglichkeit, sich zu distanzieren. Denn diese Schatten stehen erkennbar für alle Lebewesen, die im Krieg leiden und sterben, haben dabei aber ganz konkrete Geschichte. Eindringlicher hat sich kaum eine Aufführung der letzten Jahre mit Gewalt beschäftigt ohne auch nur in die Nähe der Exploitation oder des Voyeurismus zu geraten.

    Martina van Boxen verbindet oft unterschiedliche Kunstformen. In ihrem eigenen Kinderstück „Troi“ (ab drei Jahre), einer Vater-Sohn-Geschichte, sind es Musik und bildende Kunst. Auch Tanz integriert die Regisseurin oft. Am Bochumer Schauspielhaus hat sie kein eigenes Ensemble, die Jugendproduktionen werden wie alle anderen auch geplant und besetzt. Bis vor kurzem gab es eine eigene Spielstätte, den Melanchthonsaal, für die Martina van Boxen lang gekämpft hatte. Doch aufgrund der Sparmaßnahmen, die auch das Bochumer Theater beuteln, musste sie im Sommer 2011 aufgegeben werden. „Das ist ein harter Schlag“ sagt die Theatermacherin, es ist nicht der erste in ihrer Bochumer Zeit. Gleich in der ersten Saison inszenierte sie „Das kalte Herz“ als Familienstück vor Weihnachten im großen Haus, eine grandiose, poetische, klare Inszenierung ohne Witzeleien. Theater, das Kinder als Publikum ernst nimmt. Ein einziges Kind hat geweint, das stand in der Zeitung, Schulen zogen ihre Bestellungen zurück. Der damalige Intendant heuerte in den Folgejahren andere Regisseure an, die viel schlechtere, aber massenkompatible Weihnachtsstückeinszenierten.

    Martina van Boxen kann einstecken und weiter kämpfen. Das macht sie so glaubwürdig, auch wenn sie mit überschaubarer Körpergröße vor zwei Meter hohen Hauptschülern steht und Disziplin einfordert. „Hauptschule in Bewegung“ hieß ein Projekt, das viele Jahre lang lief und den Jugendlichen, die in der Schule lernen, wie man Hartz IV beantragt, das Erlebnis vermittelte, ein Ding zu Ende zu bringen, Applaus zu bekommen, gut zu sein. Und sie waren immer gut, denn Martina van Boxen sieht so etwas nicht als Sozialtheater sondern ebenfalls als Kunst. Nun wurde das Projekt auf alle Schulformen erweitert, viele der Mitwirkenden von einst machen in den Jugendclubs weiter mit.

    Als Schauspielerin hat Martina van Boxen begonnen, aber schnell festgestellt: „Das war nicht mein Weg. Ich hatte immer so viel im Hirn.“ 15 Jahre war sie Leiterin der Theaterwerkstatt Hannover und inszenierte hier und in der freien Szene, zum Beispiel Stephen Kings „Musterschüler“ auf Kampnagel in Hamburg. Bis der Vorschlag kam, in Bochum ein Junges Schauspielhaus aufzubauen. Das hat sie getan und mit ihrer die Themen klar umreißenden und ästhetisch vielseitigen Handschrift einen Ort für anspruchsvolles Jugendtheater geschaffen.

    Stefan Keim

    Inszenierungen (Auswahl)

    Lukas Bärfuss „Parzival“
    2011, Schauspielhaus Bochum

    Holger Schober „Hikikomori“
    2010, Schauspielhaus Bochum

    Cristina Gottfridsson „Honigherz“
    2010, Schauspielhaus Bochum

    Robert Musil „Die Verwirrungen des Zöglings Törless“
    2009, Schauspielhaus Bochum

    Flora Verbrugge und Herman van Baar „Kummer und Courage“
    2009, Schauspielhaus Bochum

    Martina van Boxen „Troi“
    2008, Schauspielhaus Bochum in Koproduktion mit der Theaterwerkstatt Hannover

    Gesine Danckwart „Girlsnightout“
    2006, Schauspielhaus Bochum

    Ad de Bont „Wolken sind ziehender Ärger“
    2006, Schauspielhaus Bochum

    nach Wilhelm Hauff, bearbeitet von Kerstin Specht „Das kalte Herz“
    2005, Schauspielhaus Bochum

    Erik Schäffler „Die Geschichtenverschwörung“
    2003 Theater Triebwerk, Auftragsarbeit für das Goethe-Institut Chennai, Indien

    nach Stephen King, bearbeitet von Erik Schäffler „Der Musterschüler“
    2003, Kampnagel Hamburg/Theaterwerkstatt Hannover/Theater Triebwerk

    Yoko Tawada „TILL - eine surreale Groteske“
    1998, Koproduktion der Theaterwerkstatt Hannover mit der japanischen Lasenkan Theater Company unter der Schirmherrschaft des Goethe-Instituts Kyoto, Japan

    Ad de Bont „Das ertrunkene Land“
    1994, Theaterwerkstatt Hannover