Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Kay Wuschek

Biografie

Kay Wuschek © Christian Brachwitz

Kay Wuschek wurde im Jahr 1963 in Aschersleben geboren. Er studierte an der Humboldt-Universität Berlin Theaterwissenschaften und Kulturelle Kommunikation. Er arbeitete zunächst als Dramaturg: u. a. am bat Berlin, in Schwerin, Magdeburg, dem Thalia Theater Halle, in Bulgarien sowie am Theater Aachen.

Daneben erarbeitete er eigene Inszenierungen, u. a. am Hoftheater Prenzlauer Berg in Berlin, in Magdeburg, Halle, Tübingen, sowie in Paris und Komsomolsk (Russland). Seine Inszenierungen wurden eingeladen zum Norddeutschen Theatertreffen und zu vielen deutschen Kinder- und Jugendtheatertreffen, aber auch zu internationalen Festivals in Glasgow, St. Louis (Frankreich), sowie der Udmurtischen Autonomen Republik (heutiges Russland). Wuschek war aber auch Mitglied in diversen Jurys sowie Leiter von Kinder- und Jugendtheaterfestivals in Halle / Saale oder Aachen.

Seit 2005 leitet er das Theater an der Parkaue in Berlin-Lichtenberg, das größte und einzige staatliche Kinder- und Jugendtheater in Deutschland mit drei Bühnen. Es wurde 1948 auf Anordnung der sowjetischen Militäradministration gegründet. In der DDR war es das renommierte „Theater der Freundschaft“, anschließend das carrousel-Theater (seit 2005 Theater an der Parkaue).

Im Jahr 2006 wurde Kay Wuschek als Mitglied in den Rat für die Künste für Berlin gewählt und ist dort einer der beiden Sprecher. Seit 2009 ist er Mitglied im Ausschuss für künstlerische Fragen im Deutschen Bühnenverein. Ebenfalls seit 2009 fungiert er als einer der beiden deutschen Vizepräsidenten des Internationalen Theaterinstituts (ITI).

    Porträt

    Seltsam fremd wird dir die Welt

    „Eine geschlossene Ästhetik interessiert mich nicht“, sagt Kay Wuschek. Der Intendant des Berliner „Theater an der Parkaue“, dem einzigen staatlichen Kinder- und Jugendtheater in Deutschland, bedient sich in seinen Inszenierungen für Jugendliche verschiedener Theaterstile: Elemente des Boulevardtheaters findet man ebenso wie Fantasy-Einsprengsel, viel Musik, Komödien- und Opernhaftes. „Erwachsenwerden ist ein Prozess, der subjektiv viele tragische Elemente enthält, aber objektiv auch sehr komisch wirken kann“, sagt er. Doch eins ist vielen von Wuscheks Arbeiten gemein: sie klammern das Tragische und Düstere des Lebens nicht aus und muten Jugendlichen einiges zu. Ob das nun bei Theodor Storms „Schimmelreiter“ ist, wo Deichgraf Hauke Hein am Schluss seines Projekts eines modernen Deichbaus selbst zugrunde geht - oder bei Astrid Lindgrens dunklem Buch „Die Brüder Löwenherz“, wo gleich zwei Brüder sterben. Auch Fontanes „Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t“ hat Wuschek nicht unbedingt so inszeniert, wie man sich ein Jugendtheaterstück vorstellt. Wuschek lässt dem Roman von 1892 seine Sprache. Mit großartigen Schauspielern wird die Geschichte der  aufstiegswütigen Lehrerstochter Corinna, die in die reiche „Gesellschaft“ einheiraten will und an der heuchlerischen Schwiegermutter scheitert, flott und flüssig heruntererzählt, ohne sich auf moderne Mätzchen einzulassen - dabei hätte sie ja auch viele Anknüpfungspunkte zu modernen Casting-Träumen von Pubertierenden. Wuschek jedoch verlässt sich auf die Kraft seiner Stoffe, die er mit großer Intensität erzählt, ohne sich dem vermeintlichen Jugendgeschmack anzubiedern.

    Dabei wirft er wuchtige Fragen auf. Sein „Schimmelreiter“ beginnt, indem zwei Frauen ein Gedicht von Storm über seine Krebserkrankung sprechen. Sein großes Werk konnte er nur zu Ende bringen, weil ihm Familie und Ärzte vorlogen, dies sei eine falsche Diagnose gewesen. So gaben sie ihm die Schaffenskraft zurück. Darf man das, mit einer Lüge die letzte Lebenszeit verfälschen, auch wenn sie so sicher schöner war? Die Frage lässt währed der Inszenierung nicht los, die mit einfachen Mitteln wie Stellwänden, Spiegeln und Licht von den drohenden Naturgewalten am Meer erzählt. Deichgraf Hauke Hein trägt martialisch schwarzen Ledermantel und oszilliert zwischen jugendlich-visionärem Enthusiasmus und Besessenheit.

    Die „Brüder Löwenherz“ beginnen mit einem Radiomoderator, der vielleicht doch etwas zu launig vom Unfalltod des gesunden Bruders Jonathan erzählt. Doch vom zerstörten Leben der Eltern spricht niemand, als auch der schwindsüchtige, neunjährige „Krümel“ stirbt und ihn der liebevoll-pragmatische Jonathan bereits in Nangijala erwartet, wo sie reiten, angeln und beliebig lange fernsehen können – und gegen den bösen Tengil kämpfen. Doch die Dinge entgleiten, es gibt einen Verräter, und zum Schluss springen die gereiften Brüder gemeinsam in ein neues Fantasy-Land. Der Tod ist ein stets wiederkehrendes Thema bei Wuscheks Arbeiten. Daran zeigt sich sicher auch, dass die Grenzen von Erwachsenen- und Jugendtheater bei ihm fließend sind – die existentiellen Fragen, die ihn Beschäftigen, sind eben nicht an Altersgrenzen gebunden.

    Als Wuschek 2005 das damalige caroussel-Theater in Berlin-Lichtenberg übernahm, war es von strikten Sparvorgaben gebeutelt. Und dennoch gab er ihm entschlossen eine neue, moderne Ästhetik. Sehr viel mehr als eine eigene Inszenierung im Jahr schafft der Intendant dabei nicht. Aber das muss ja nicht sein, schließlich sind es große, tief durchdachte Werke, die er auf die Bühne bringt.

    Dorothea Marcus

    Inszenierungen (Auswahl)

    Bertolt Brecht "Das Leben des Galilei"
    Theater an der Parkaue, 2012

    Theodor Storm „Der Schimmelreiter“
    Volkstheater Rostock / Theater an der Parkaue, 2011

    Theodor Fontane „Frau Jenny Treibel oder Wo sich Herz zum Herzen find’t“
    Theater an der Parkaue, 2010

    Astrid Lindgren „Die Brüder Löwenherz“
    Koproduktion des Theater an der Parkaue mit den Bad Hersfelder Festspielen, 2010

    Kay Wuschek nach Anna Seghers „Transit“
    Theater an der Parkaue Berlin, Uraufführung 2009

    Hans Christian Andersen „Der Gärtner und die Herrschaft“
    Theater an der Parkaue, 2008

    Theodor Storm „Die Regentrude“
    Theater an der Parkaue Berlin, 2007

    Guy Krneta „Ursel“
    Theater an der Parkaue Berlin, 2006

    Bart Moeyaert „Am Anfang“
    Koproduktion Theater an der Parkaue und Burghof Lörrach 2006