Regisseure des Kinder- und Jugendtheaters: Jürgen Zielinski

Biografie

Jürgen Zielinski © Cora Steinbock

Geboren 1953 in Bergkamen. Studierte Sozialpädagogik, Medienkommunikation und Kulturwissenschaft in Bochum und Dortmund.

Wurde 1980 Dramaturg und Hausautor am Kinder- und Jugendtheater der Städtischen Bühnen Dortmund und schrieb mit „Kein Bock auf Nix“ sowie „Deutschländer und Eingeborene“ zwei Stücke für dieses Theater und inszenierte auch drei Stücke für Jugendliche. 1984 erarbeitete er drei Inszenierungen für das Junge Theater Göttingen und bearbeitete Jugendbücher zum Beispiel von Christine Nöstlinger und Roy Kift für die Bühne. 1984 wurde er Gründungsleiter der Kinder- und Jugendtheatersparte am Landestheater Tübingen, die er 1989 wieder verließ, um als freier Regisseur in Kiel und Berlin zu arbeiten.

1991 wurde er Intendant des neu gegründeten Jugendtheaters auf Kampnagel. Dort verantwortete er als Regisseur sieben Inszenierungen bis das Haus 1994 Einsparungen des Hamburger Kultursenats zum Opfer fiel. Von 1995 bis 2002 arbeitete er wiederum als Autor und freier Regisseur nun nicht mehr ausschließlich für Kinder und Jugendliche sondern zunehmend auch für Erwachsene.

2002 übernahm er die Intendanz des Theaters der Jungen Welt in Leipzig, dem ältesten deutschen eigenständigen Kinder- und Jugendtheater. Sein Intendanzvertrag läuft bis 2017.

    Porträt

    Als Jürgen Zielinski in Dortmund begann für das Kinder- und Jugendtheater zu arbeiten, wollte er aufklären, wollte die Jugendlichen mit der Wirklichkeit des Ruhrgebiets zu Beginn der 80-iger Jahre konfrontieren, als die Ausländer noch nicht Migranten hießen, aber schon in der zweiten Generation in Deutschland lebten. Eigentlich als Hausautor und Dramaturg engagiert, inszenierte er die beiden von ihm dazu geschriebenen Stücke selbst, das erste gemeinsam mit Klaus Leubner.

    In den folgenden Jahren, die Zielinski über Göttingen nach Tübingen als Gründungsleiter der dortigen Kinder- und Jugendtheatersparte führten, inszenierte er für Kinder und Jugendliche gleichermaßen. Neben Dramatisierungen und auch gemeinsam mit dem Ensemble entstandenen Stücken, erschließt er neue Stücke für das Kinder- und Jugendtheaterrepertoire, sucht nach dramatisch hochwertigen Umsetzungen, um Kinder und Jugendliche auf andere Weise mit der Wirklichkeit zu konfrontieren. Sich anfangs dem emanzipatorischen Kinder- und Jugendtheater verpflichtet fühlend, versucht er sich bald an experimentelleren Formen und sucht sich theaterferne künstlerische Partner.

    Ein kulturpolitisches und künstlerisches Experiment begann Zielinski als Intendant des Jugendtheaters auf Kampnagel (kurz: JAK) in Hamburg: Ein Theater, das sich ausschließlich jugendlichem Publikum zuwendet in einem Umfeld, in dem vor allem freie internationale Produktionen für Erwachsene gezeigt werden. Als Regisseur ergaben sich hier für ihn völlig neue Möglichkeiten. Ganzjährig nur für Jugendliche spielte zu Beginn der 90-iger Jahre in Deutschland niemand sonst und so suchte Zielinski vor allem im englischsprachigen Raum nach Stücken und Stoffen für das Repertoire des JAK, die andere Blicke auf die Wirklichkeit warfen und andere Zugriffe erforderten. Keineswegs künstlerisch sondern an der Hamburger Kulturpolitik gescheitert, wandte sich Zielinski 1994 zunächst vom Kinder- und Jugendtheater ab und begann als Freier Regisseur für Erwachsene zu inszenieren. In diese Jahre fällt seine Inszenierung von Lessings „Nathan“ für das Goethe-Institut im pakistanischen Karachi. Er wird das Stück später in Leipzig noch einmal inszenieren und zählt beide Inszenierungen heute zu den wichtigsten Arbeiten seiner Theaterkarriere. In Leipzig wird er 2002 Intendant des ältesten deutschen eigenständigen Kinder- und Jugendtheaters (gegründet 1946).

    Als Regisseur von inzwischen weit über 70 Inszenierungen beherrscht und nutzt er verschiedene Handschriften, Tempospiel mit schnellen Dialogen, die etwa die Stücke von Lutz Hübner verlangen, ebenso wie das Erschließen neuer Gedankenräume mittels schauspielerischer Intensität wie etwa in Ulrich Zaums „Albert und der Sumoengel“. Auswahl der Stücke und künstlerische Form sind bei Zielinski untrennbar mit für ihn zentralen gesellschaftlichen Themen verbunden. „Wir machen ein Theater der Fragen, das Diskussionen auslösen soll“, sagt Zielinski. Die Fragen, die ihm beim Inszenieren auf dem Herzen liegen, lässt er in „Zerreißprobe Faust“ seine Schauspieler stellen wie Ute Grundmann in der Deutschen Bühne schreibt: „Wie drückt man Leidenschaft aus, was sind Gefühle, ist Theater überhaupt das richtige Medium?“ Letztere Frage beantwortet Zielinski klassisch mit dem schon erwähnten „Nathan“, den er nah an den Zuschauer rückt und für die Toleranz der Religionen und unterschiedlichen Kulturen werben lässt und die jugendlichen Zuschauer damit zum Kern jenes Dramas führt.

    Seit etlichen Jahren sucht Zielinski neben Regiearbeiten und Intendanz in verschiedenen europäischen Theaternetzwerken den Austausch mit anderen Kinder- und Jugendtheatermachern. Es ist natürlich auch ein Austausch über die Leidenschaft, die das Theater für dieses spezifische Publikum braucht und die Zielinski mit kurzen Unterbrechungen stetig antreibt. Neben den jugendlichen Zuschauern hat er durchaus auch erwachsene Zuschauer im Blick. Die sollen dann aber in sein Theater kommen, wohin er sie mit jungen Themen lockt.

    Eckhard Mittelstädt

    Inszenierungen

    Oscar van Woensel „Zerreißprobe Faust“
    2011, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Daniel Danis „Kiwi“
    2010, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    George Tabori „Mein Kampf“
    2010, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Georg Büchner „Woyzeck“
    2008, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Ulrich Zaum „Albert und der Sumo-Engel“
    2006, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Walter Kohl „ritzen“
    2003, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Lutz Hübner „Creeps“
    2002, GRIPS- Theater, Berlin

    Jim Cartwright „eight miles high“
    1999, Stadttheater Würzburg

    Karst Woudstra „Strand“
    1999, Landestheater Linz (A), U-hof

    Katharina Gericke „Maienschlager“
    1998, Staatstheater Braunschweig, Kleines Haus

    Tim Staffel „Du bist nicht Elvis“ / Bertold Brecht „Der Jasager und der NEINsager“
    1998, Staatstheater Braunschweig, Magnikirche

    Ferdinand Bruckner „Krankheit der Jugend“
    1997, Staatstheater Braunschweig, Kleines Haus

    Gottfried Ephraim Lessing „Nathan der Weise“
    1996, Pakistan, Karachi, Goethe- Institut
    2005 - heute, Theater der Jungen Welt, Leipzig

    Trevor Griffiths, Sonja Voß- Scharfenberg und Peter Sichrovsky „Abwege-
    ganz normal nach rechts“
    1992, Jugendtheater für Hamburg auf Kampnagel

    Per Lysander „Die Speckpferde“
    1991, Jugendtheater für Hamburg auf Kampnagel

    Nino d´Introna und Giacomo Ravicchio „Robinson & Crusoe“
    1991, Theater Rote Grütze, Berlin

    Staffan Göthestam „Grenzland“
    1991, Theater der Freundschaft, Berlin

    Knut Weber und Jürgen Zielinski nach Christine Nöstlinger „Das Austauschkind“
    1985, Kinder- und Jugendtheater am Landestheater Tübingen

    Volker Ludwig und Detlef Michel „Alles Plastik“
    1984, Junges Theater Göttingen

    Jürgen Zielinski „Deutschländer und Eingeborene“
    1982, Kinder- und Jugendtheater an den Städtischen Bühnen Dortmund