Elfriede Jelinek

Die Schutzbefohlenen

Im Januar 2013 besetzten 60 Asylsuchende eine Wiener Kirche, um auf ihre Not aufmerksam zu machen. Den meisten von ihnen drohte bei Ausweisung in ihr Heimatland der Tod. Viele von ihnen wurden im Sommer aus Österreich ausgewiesen. Wenige Wochen später ertranken hunderte Asylsuchende aus Afrika vor der Küste von Lampedusa bei dem Versuch, Europa zu erreichen.

Die österreichische Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek schreibt „Die Schutzbefohlenen“ im Frühsommer 2013 als unmittelbare Antwort auf die Wiener Ereignisse. Mit scharfer Polemik attackiert sie die unmenschliche Asylpolitik wohlhabender europäischer Länder wie Österreich, in denen blitzeingebürgert wird, und wo Menschen, deren Leben bedroht ist, misshandelt und ausgewiesen werden. Die Autorin verschränkt die Ereignisse in Wien, die Katastrophen an den Außengrenzen der EU, deren Ursachen und Folgen mit Motiven aus Aischylos’ Tragödie „Die Schutzflehenden“ und gibt den Geschichten der Asylsuchenden polyphone Stimmen und eine analytische Perspektive. In der Abschiebung Hilfe suchender Menschen, in der Tragödie vor Lampedusa zeigt sich der Zynismus und die Bigotterie Europas im Umgang mit Menschenrechten, die nie für alle gelten, sondern nur für die, die es sich leisten können, an Europa teilzunehmen.
(Thalia Theater, Hamburg)

Stimmen zum Stück:

(…) der Text (ist) eine großartige Herausforderung. Wut über ein Europa, das Flüchtlinge zurückweist, und Verzweiflung über deren ausweglose Situation hat Elfriede Jelinek in einen Text gepackt, der Motive aus einer antiken Tragödie mit der Bildern von Asylsuchenden heute verknüpft. Die Ertrunkenen von Lampedusa, die Besetzung einer Kirche in Wien durch Flüchtende, der eurokratische Vorschriftendschungel und die heuchlerischen Regeln für ein Miteinander aus einer Broschüre "Zusammenleben in Österreich" geben dem Text viele Realitätsbezüge.

Das ist gut. Zugleich aber ist es ein artifizieller und imaginierter Text. Es wird immer über Bande gesprochen. Was einer, der in Europa nicht gewollt wird, demjenigen entgegenschleudern könnte, der sich Regeln ausdenkt, ihn fernzuhalten. Und wie der ankommende Migrant, machte er sich denn die Logik derer zu eigen, deren Akzeptanz er sucht, eigentlich nur an seiner eigenen Abschaffung arbeiten kann. Das ist oft ein großer Zynismus, durch den man da hindurchmuss, bis man bei der Empathie ankommt.
(Katrin Bettina Müller, taz 27.05.2014)


Im Herbst 2013 besetzten 60 Asylsuchende eine Wiener Kirche; im Sommer waren die meisten von ihnen aus Österreich ausgewiesen worden. Wenig später ertranken hunderte Asyl suchende Menschen aus Somalia und Eritrea vor der Küste von Lampedusa. Die Überlebenden wurden von den italienischen Behörden in den europäischen Norden geschickt.

Elfriede Jelinek, die österreichische Literatur-Nobelpreisträgerin, schrieb ihren jüngsten Theatertext „Die Schutzbefohlenen“ als Reaktion auf diese Ereignisse. In ihrem Text verschränkt sie die heutigen Tragödien der Asylsuchenden an den EU-Außengrenzen, die Kirchenbesetzung in Wien, die Katastrophe vor Lampedusa, ihre Ursachen und ihre Folgen mit Motiven aus Aischylos’ Tragödie „Die Schutzflehenden“ und gibt den Geschichten der Asylsuchenden eine Stimme. 'Bitte helfen Sie uns. Unser Fuß hat Ihr Ufer betreten, doch wie geht es nun weiter?'
(Nationaltheater Mannheim)

Technische Daten:

Uraufführung 23.05.2014, Theater der Welt, Nationaltheater Mannheim in Koproduktion mit dem Thalia Theater Hamburg
Regie Nicolas Stemann
Personenzahl variabel
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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