Elfriede Jelinek

Das Werk

Das Stück, letzter Teil von Jelineks Alpentrilogie, befasst sich mit dem technischen Fortschrittswahn des Menschen, in höchstem Maße symbolisiert durch die Geschichte des Speicherkraftwerks in Kaprun.
Der österreichische Ort, der im November 2000 durch den Verbrennungstod von 155 Menschen in der Kapruner Standseilbahn tragische Berühmtheit erlangte - zentrales Thema des Stücks "In den Alpen" - ist auch der Schauplatz für ein weiteres dunkles Kapitel österreichischer Geschichte, in dem der Mensch die Natur zu übertrumpfen sucht und dabei zu ihrem Opfer wird oder andere Menschen opfert. Waren es bei "In den Alpen" noch der von Jelinek so verhasste Skitourismus und die Zerstörung der Natur, um die der Text kreiste (verteilt auf einzelne Opfer der Katastrophe, die als Wortträger dienten) so stehen in "Das Werk" die technisch glanzvolle Erbauung eines der gewaltigsten Speicherkraftwerke der Welt und die große Anzahl von Menschen, die beim Bau des Werks ums Leben kamen, im Widerspruch zueinander. Auch bildet der historische Hintergrund - Heroischer Beginn des Baus in den zwanziger Jahren, Weiterführung durch die Nazis unter Göring, der Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene einsetzte, die offizielle Zahl von 160 Opfern und eine weit größere Dunkelziffer, schließlich die Verdrängung der historischen Tatsachen bei der Fertigstellung des Werks 1955 und seine Mythisierung - den wesentlichen Rahmen, in den Jelinek ihre "Figuren" stellt: Auch hier wird wieder, ähnlich wie "In den Alpen", ein handlungsloser Text auf Sprecher ohne näher bestimmte Identität, nur benannt nach den zwei bekannten Alpenklischeefiguren "Heidi" und "Geissenpeter", verteilt, mit Ausnahme vielleicht der Figur "die Autorin", als Jelineks alter ego und Sprachrohr.
Zynisch thematisiert Jelinek, wie einst im "Sportstück" das Scheitern des Sportlers im Versuch, seine Natur durch maßlosen Sport zu perfektionieren, dieses Mal das Scheitern des "Arbeiters". Dieser wird allerdings nicht nur Opfer der Natur allein, sondern vor allem Opfer von den Menschen, die ihn in ihrem technischen Größenwahn benutzen.

Stimmen zum Stück:

"… Elfriede Jelinek schreibt fasziniert und angewidert über Technikwahn, schreibt ein Werk, ihr ‚Werk', ein Auftragswerk fürs Burgtheater, in dem es von Turbinen, Kränen, Wassermassen und Staumauern nur so wimmelt. Kaprun ist ihr Thema, ihre Metapher für den Fortschrittsglauben, seinen Nutzen, seine Kosten, für die Arbeiterheere, die ihm zum Opfer fallen, für die moderne Zivilisation,… . Der Bau gehorcht zivilisatorischen Notwendigkeiten und ist doch ein Dokument der maßlos prometheischen Schöpfungskraft des Menschen, die an ihre Nachtseite kaum je denkt und wie die Twin Towers dennoch ab und zu Gegenstand einer ebenso maßlosen Attacke von Menschen wird."
(Joachim Lux, Jahrbuch Theater heute, 2002)

"Wie stets bei den Theaterstücken Elfriede Jelineks aus den letzten Jahren fehlt jegliche Dramaturgie. Keine Spur von Handlung, Psychologie oder Dialogen. Nur furiose Sätze, Kalauer und Kryptozitate; nichts als Hass auf das Hässliche und Hohn über das vermeintlich, das geschändete Edle. Obsessiv hält die Autorin an ihren Leib -und Leitmotiven fest: Sport ist Mord, Österreichs Gegenwart ruht, bzw. schläft auf den Leichen verschwiegener Vergangenheit. Beredt klagt sie die Ausbeutung des Menschen an - und der Natur durch ihn.
… ‚Das Werk' ist ein wortwörtlich sarkastisches, nämlich ins Fleisch schneidendes Requiem: Sprachmusik ohne die Gnade des Trostes, dafür voll Trauer und Empörung und bitterem Witz. Virtuos montiert die Buchstabenkomponistin Verse aus dem Schubert-Zyklus ‚Die schöne Müllerin' in krudesten Zusammenhang. So wird Lyrik zur Unheilsverkündung, der Kommerzlärm des Geschwätzes erstickt den Ton der Romantik. Elfriede Jelinek ist und bleibt Austrias poetische Erinnye, laut Selbstdefinition ein ‚barockes Racheengerl'."
(Ulrich Weinzierl, in "die Welt", 14.04.2003)

Technische Daten

Uraufführung 11.4.2003 Burgtheater (Akademietheater) Wien
Regie Nicolas Stemann
Personenzahl Besetzung variabel. Grunddekoration
Rechte Rowohlt Theater Verlag
Hamburger Str. 17
21465 Reinbek
Postfach 1349
21453 Reinbek
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