Fritz Kater

heaven (zu Tristan)

Das Stück spielt in Ostdeutschland, in einer Landschaft, die auf den Aufschwung wartet. Vom Himmel jahrmillionenalte kosmische Strahlung, die schwarze Flecken auf Fotopapier erzeugt – ansonsten großes Schweigen. Unten verödende Städte und Industrielandschaften. Darin krabbelnd eine kleine Gesellschaft entwurzelter Individuen.
Emsige Arbeitsameisen, denen man den Haufen zerschlagen hat. Die fragen sich und andere unablässig, wie das gehen soll, das richtige Leben. Einer macht sich auf, ein schwärmerischer Architektur-Utopist, stellt seinen sozialen Traum über seine Liebe, nimmt sich heraus aus einer 1:1-Beziehung, weil es ihm ums große Ganze geht. Später wird er zurückkehren, todkrank, um ein paar Grenzerfahrungen reicher. Die Zurückgelassenen proben Ausbrüche aus der Perspektivlosigkeit. Sei es in den Wald, um sich nach einer letzten gemeinsamen Leberwurststulle (dann doch nicht) umzubringen, sei es in die vorläufige Depression oder in die Traumprinz-Illusion, oder eben in die nächste absurde Geschäftsidee. Einer will sogar die Gattung wechseln und zum Vogel werden. Jede Kater-Figur ist größer als das normale Leben, alle tragen sie ein Wissen von Geschichte und Kultur in sich, das über sie hinausweist.
Und so wechselt ihre Rede immer wieder unvermittelt von aufgeladenen Alltagsdialogen zu erstaunlichen, weltanschaulichen Entäußerungen und Träumen von Fortschritt und einer glücklicheren Zukunft. Katers Stück spart nicht mit deutlichen Symbolen, setzt Rätsel, spielt mit Motiven der mittelalterlichen Minne-Vorlage (Liebestod, Dreiecksbeziehung, abenteuerliche Rückkehr), schafft Ausweitungen in Geschichtsräume und „verlinkt“ scheinbar Unzusammenhängendes mit leichter Hand.
(henschel SCHAUSPIEL)


„Über ihre individuelle Rolle hinaus erweisen sich die Figuren bei Kater als enzyklopädische Wunderkinder, die punktgenau angeben können, in welchen historischen und mythischen Zusammenhängen ihre Dreiecks- und Fluchtgeschichten zu verorten sind: Als Chorus ihrer selbst zitieren sie Wagners "Tristan und Isolde" und zeigen sie sich über verschiedene Physikerschicksale ebenso informiert wie über die ideengeschichtliche Bedeutung von Tycho Brahes Sternenforschung auf der Insel "Hven". Die Offenheit dieser Standortbestimmungen irritiert, doch hat sie Methode.
Ohne die mythischen Katalysatoren, begreift man, lässt sich der alltägliche soziale Brennstoff aus Wolfen nicht zur Poesie entflammen. "Heaven" verpflichtet sich hierin der Prämisse eines jeden Realismus seit etwa Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe".
Schon dort galt: Der Provinzalltag lohnt nur die literarische Reise, wenn darin altehrwürdige Fabeln sichtbar werden. Kater aber, und darin liegt seine Modernität, nimmt diesen Auftrag offensiver an: Die alten Fabeln laufen nicht mehr still und bedeutsam hinter dem Geschehen mit; sondern sie werden für jedermann sichtbar anprobiert wie ein Satz Kostüme.
Das gibt den Bühnensubjekten eine neue Würde. Statt handelnder Naivlinge, die ominös sinnfällig sind, treffen wir auf kompetente Selbstbeschreiber, denen es um ihr Verhältnis zu klassischen wie alltäglichen Rollen geht. Niemand ist bloß Tristan oder bloß ein ostdeutscher Aussiedler. Die Figuren reiben sich an diesen Sinnvorgaben, im steten Wechsel zwischen Frontalvortrag und Spiel, und erlangen so ihr spezifisches Gewicht. Es ist diese Souveränität der Darstellung, die "Heaven" weit über die Milieustudie hinaushebt – als Exemplar eines komplexen Realismus in Zeiten rapiden kulturellen Wandels, in Wolfen und vielerorts.“
(Christian Rakow, Nachtkritik Stuecke 08)


„Fritz Kater hat ein Stück über Wolfen geschrieben, wo einmal ORWO-Filme hergestellt wurden und jetzt wie vielerorts im Osten vor sich hin schrumpft. Er hat dabei das gemacht, was er am besten kann, er hat sich den Vergessenen, Verlorenen, Perspektivlosen gewidmet (…).
Wo Menschen Abfall werden und Welt verschwindet, hat Kater ein ganz großes Herz.“
(Peter Michalzik, Frankfurter Rundschau, 14.09.2007)

Technische Daten:
Uraufführung 12.09.2007, Schauspiel Frankfurt in Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater, Berlin
Regie Armin Petras
Personenzahl 3 D, 4 H
Rechte henschel SCHAUSPIEL
Übersetzungen Theaterbibliothek