Stücke

3 von 5 millionen

Fritz Katers neues Stück ist im ersten Teil, HAMMELCHEN, eine zeitraffende Dramatisierung des Romans VON DREI MILLIONEN DREI von Leonhard Frank (1882-1962). Kater erzählt szenisch verdichtet die märchenhafte Geschichte dreier süddeutscher Arbeitsloser, die in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts ausziehen, um das Glück zu suchen.
Ein Zufall gibt ihnen Tickets nach Südamerika in die Hand, dort holt sie die Wirtschaftskrise ein, und sie werden zurückgespült nach Europa. Immer am Rande der Existenz, schlagen Sie sich durch bis nach Berlin. BACON SPRICHT, der zweite Teil des Stückes, ist das Manifest eines Malers über die Suche nach Wahrhaftigkeit in der Kunst und über den Schmerz eines Lebens, das sich reibt an der Welt. MÜGGELPERLE, der letzte Teil, blendet über in die Gegenwart und erzählt vom dilletantisch versuchten Kriminellentum dreier ehemaliger Freunde. Nachdem ein Überfall mißlingt, weil die Bank geschlossen hat, muß ein kleiner Juwelier dran glauben. Schüsse fallen. Während der überstürzten Flucht (mit zitronengelbem Golf) werden die drei von der Vergangenheit eingeholt.
(henschel SCHAUSPIEL)

Stimmen zum Stück:

„Im dritten und letzten Teil sind die 3 von 5 Millionen tatsächlich ins Heute gefallen. Martin, Sebi und Dirk können nicht gerade auf das zurückblicken, was man eine Karriere nennt: Jeder hat mal irgendwas mit Kunst angefangen und schlägt sich jetzt so durch. Wenn drei dieser in die Jahre gekommenen Großkinder sich dann unvorbereitet wiedersehen, ein paar Biere in der Sauna stemmen und die Erinnerungsspur durch ihre biographischen Mythen suchen, kommt neben viel Text fats zwangsläufig ein romantisch-nihilistisches Roadmovie heraus. Was dann zwischen durchzechter nacht, Polenmarkt, Banküberfall, Bauchschuss, Flucht, Datscha und Müggelsee-Bootspartie an geschichtsunterbrechungen und überraschend neuen Verläufen genau passiert, ist nicht so wichtig. Entscheidendenr, wie die Arbeitslosen von heute an ihren deutlich ostbiographischen Turnstangen ihre Lebensrollenübungen aufführen, zwischen tödlicher Verletzung und kleinbürgerlichem Datschenbesitzerstolz, alter Liebe und schnellem Tod,zwischen Slapstick, Klamauk und seelenentblößender Verzweiflung: drei Spieler, die jede Sekunde ernst machen, von einer Pikareske in die nächste taumeln, pathetisch auffahren und spießig niederkommen, und sich eher um eine Schweinerei von 1988 kümmern als die anliegenden Probleme von heute oder morgen. Vor allem weigern sie sich beharrlich trotz allem Existenzgestrampel, die soziale Frage ernstzunehmen: „mal sehn wies weitergeht irgendwie wird’s schon weitergehn.“
(Franz Wille, Mülheimer Theatertage, 2005)

„Anders als die Arbeitslosen von 1930 ziehen Katers Ossis nicht hinaus in die weite Welt, die sie ohnehin einholt. Ihre Flucht führt sie nur bis zum Müggelsee und von dort in ihre eigene Geschichte, in die Träume von früher, mithin also auf jenes private Terrain, auf dem der Ost-West-Grenzgänger Kater/Petras immer schon heimisch und am sichersten war. So sind in „3 von 5 millionen“ jene Momente im dritten Teil am stärksten, in denen die Figuren plötzlich greifbar werden – anhand ihrer Erinnerungen und enttäuschten Hoffnungen, ihrer Ausflüchte und Fluchten. Ist Dirk von Martin verraten worden, damals, 1988, als er über Ungarn flüchten wollte ? Hat Dirk bei dem Überfall im Juweliergeschäft absichtlich auf Martin geschossen ? Wird Sebi, der Schauspieler, je wieder in einem festen Ensemble spielen ?... . Es sind die kleinen Fragen, die wirklich zählen und dem dritten Teil ein zärtlich-poetisches Gewicht verleihen.“
(Christine Dössel, Süddeutsche Zeitung, 17.01.2005)

Technische Daten

Uraufführung 15.01.2005, Deutsches Theater, Kammerspiele, Berlin
Regie Armin Petras
Personenzahl 3 H
Rechte henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag GmbH
Marienburgerstr. 28
10405 Berlin
Tel.: +49 30 44318888, Fax: +49 30 44318877
Navigationssymbolverlag@henschel-theater.de
Übersetzungen Theaterbibliothek