Stücke

we are blood

1985, eine Industrielandschaft in Brandenburg: Tim, ein begabter Ingenieur erhält ein lukratives Angebot nach Burundi zu gehen. Karriere oder Familie? Yves, seine schwangere Freundin, eine von den Staatsorganen gestutzte Journalistin, wünscht sich verzweifelt den Rückzug ins Private.
2008, irgendwo in derselben Gegend. Yves arbeitet mit großem Engagement als Pflegerin in einem Krankenhaus. Der krebskranke 15jährige Justin wird neben Beni, dessen Gehirn nach einem Autounfall schwer in Mitleidenschaft gezogen ist, zu ihrem besonderen Schützling. Benis Schwester Lisa kehrt in die alte Heimat zurück. Sie trifft auf Raffael und Tom, ihre verflossenen Liebhaber. Die beiden stehen sich in ihrer Radikalität diametral gegenüber. Der eine, ein Umweltaktivist, der den fortgesetzten Raubbau an der Natur mit allen Mitteln stoppen will, der andere, ein profitorientierter Unternehmer, der einen gigantischen Freizeitpark für Kranichtouristen errichten will.

In seinem neuen Stück setzt Fritz Kater den von Krankheit befallenen Körper mit gesellschaftlich verursachten Naturkatastrophen in Beziehung. Beide Systeme leisten jedes auf seine Art Widerstand gegen zu starke Eingriffe von außen. Katers Blick auf seine Figuren und ihr Verhältnis zu sich und ihrer Umwelt ist dabei nicht fatalistisch, sondern suggeriert den möglichen Wunsch, scheinbar Unmögliches zu wünschen: Eine andere Welt.
(Theaterverlag henschel SCHAUSPIEL)


„Drei Jahre lang haben Soziologen, Ethnologen und Kulturwissenschaftler in und um Wittenberge herum die Beziehungen derer, die nicht gegangen sind, erforscht und versucht, die Fliehkräfte zu fassen. Fritz Kater hat daraus einen Text destilliert, der in seiner narrativen wie bildhaften Überfrachtung, in seiner anarchisch-grotesken Grundstruktur ein typischer Kater-Text geworden ist. Einer seiner stichhaltigsten, verstörendsten, kraftvollsten.
Fritz Kater geht es dabei um nicht weniger als die condition humaine. Also um die Natur, wie sie vor uns liegt, und wie wir sie unbeachtet liegen lassen, weil andere Interessen uns näher liegen, und um die Natur des Menschen, und wie und warum beides immer mehr auseinander fällt. Er zeigt, welch harsche Konsequenzen dieser Verlust für die Beziehungen der Menschen zueinander hat.“
(Jürgen Otten, Frankfurter Rundschau, 6.05.2010)


„Nach „HEAVEN (zu Tristan)“ (UA 2008) untersucht Fritz Kater in seinem neuen Theaterstück „we are blood“ die realen Zukunftschancen einer Region und stellt die fatale Alternativsetzung zwischen der Bewahrung der Landschaft und ihrer ökonomischen Nutzbarkeit in Frage. Der zur angeblichen Rettung einer Region nötige Eingriff in das ökologische System gleicht dem chirurgischen Eingriff in das System des menschlichen Körpers und fordert Subsidiarität heraus und Widerstand. Dabei begibt sich Fritz Kater mit seiner Figur des Neurologen Zwerenz in den Bereich der Ursachenforschung, fokussiert seine dramatische Erzählung im Rahmen einer öffentlichen Anhörung und lässt die Interessenskonflikte zwischen Investoren und Naturschützern in direkter Konfrontation unversöhnlich aufeinanderprallen. Gleichzeitig interessiert er sich aber auch für die privaten Miseren seiner Protagonisten. Er untersucht die Beziehungen des Einzelnen zur Gemeinschaft, zeigt vergebliche Versuche individueller Therapien und berichtet von der Verlorenheit des Individuums und seiner Todesnähe. Fritz Kater dienen Motive und Gedanken aus Texten von Werner Bräunig, Anthony McCarten, Joseph von Eichendorff, Richard Powers, Brigitte Reimann, Wolf Singer und Einar Schleef als gedankliche Anstöße seiner Dramaturgie. Netzförmig verbindet er die Echos seiner subjektiven Leselandschaft wie die Sensoren des menschlichen Nerven- und Blutsystems und sucht nach den Strömen einer gefährdeten Landschaft, die für uns alle überlebenswichtig sind.“
(Andrea Koschwitz, Programmbuch des Maxim Gorki Theaters, Berlin)
Technische Daten:
Uraufführung 5.05.2010, Maxim Gorki Theater, Berlin
Regie Armin Petras
Personenzahl 3 Damen, 5 Herren
Rechte Theaterverlag henschel SCHAUSPIEL
Übersetzungen Theaterbibliothek