Stücke

Alltag und Ekstase

Janne ist ein moderner junger Mann um die 40. Er macht etwas aus sich – und zwar täglich. Er bastelt am optimalen Ich, hinterfragt seine Motive und klopft seine Konsumentscheidungen auf eventuell unzureichend reflektierte Rückstände ab. Seine Ex Katja, mit der Erziehung der gemeinsamen Tochter River überfordert, sucht Trost bei diversen neuen Traumprinzen und in der Freundschaft zu Jannes Mutter Sigrun, die ihrerseits die Schnauze voll hat von hegemonialer Männlichkeit und sich für ein Leben ganz ohne Männer entschieden hat. Jannes Vater Günther, der weitgereiste Ethnologe, lässt sich unterdessen keine christlich-eurozentristischen Scheuklappen anlegen und feiert, sehr zum Ärger seines spießigen Sohnes, gern das eine oder andere exotische Ritual. Als Günthers japanischer Lover Takeshi in Deutschland auftaucht, gerät so manches Selbstbild ins Wanken. Alle Mitglieder dieser Patchwork-Familie sind auf der Suche nach Momenten der Ekstase und des Außer-sich-Seins, denn: So sehr "bei sich" wie heute war man noch nie. Rebekka Kricheldorf, Expertin für bösartig-komische Gesellschaftssatiren, widmet sich in ihrem Auftragswerk für das Deutsche Theater den absurden Bahnen, die sich die Sehnsucht nach Kult und Ritus in unserer aufgeklärten und schnelllebigen Gesellschaft schlägt.
(Deutsches Theater, Berlin)

Stimmen zum Stück:

Erst wirken sie wie vier ganz normale Mittelstandsindividualisten auf der Suche nach Selbstverwirklichung. Die Mutter baut sich ein Landhaus. Vater Günther zelebriert die Rituale fremder Kulturen - guineische Stammesrituale bis japanisches Teeeinschenken - so kritiklos, dass es fast wehtut. Schwiegertochter Katja lebt sich mit wechselnden Männern aus, während Sohn Janne prinzipiell alle Konventionen ablehnt.
Dann aber platzt ein japanischer Gast in ihre Wohlfühlhölle, einer, der mit seiner Vorliebe für deutsche Bräuche, deutsches Bier, schwule Männerklubs für Verwirrung sorgt. Wodurch sich nach und nach offenbart, dass die Arbeit an der eigenen Einzigartigkeit nicht nur vergeblich ist, sondern auch schmerzhafte Erkenntnisse in sich birgt. Was, wenn ein jeder sich dort, wo er besonders individuell zu sein meint, rollenkonform verhält?
(…) Autorin Kricheldorf hat ein gutes Händchen für die Absurditäten des Daseins. Die Suche nach einem Platz in der Welt konfrontiert sie mit gegenwartsbezogenen Motiven: Ökobewusstsein, aber auch hier die Konsensgesellschaft, die alles analysiert, bespricht, austherapiert, für jedes Problem einen Kurs anbietet.
(Simone Kaempf in taz, 20.011.2014)


Diese Uniformität unserer Selbstverwirklichungs- bzw.-optimierungsträume verknüpft Rebekka Kricheldorf in ihrem pointierten Auftragswerk fürs Deutsche Theater Berlin (…) mit dem allgegenwärtigen Redezwang (…): Mit immensem Sprachwitz treibt Rebekka Kricheldorf (…) eine Gesellschaft auf die Komödien-Spitze. in der alle psychologisiert und so lange ausdiskutiert wird, bis vom Gegenstand längst nichts mehr übrig, sondern das Gespräch zu einer bloßen Debatte über korrekte Gesprächsführung geworden ist.
(Christine Wahl, Programmbuch der Mülheimer Theatertage 2014)

Technische Daten:

Uraufführung 17. Januar 2014, Deutsches Theater, Berlin
Regie Daniela Löffner
Personenzahl 3 Damen, 4 Herren
Rechte Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH
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