René Pollesch

Fantasma

"Fantasma" ist ein Stück über das Erleben, die Sehnsucht und die Nachwehen zu Ende gegangener Zustände. Erst wenn der chinesische Kommunismus plötzlich durch den Kapitalismus ersetzt wird, erhält er Konturen, wird er real erfahrbar in seiner Abwesenheit. Genau dieses Paradoxon des "Erlebens" ereilt auch zwei Liebende im Stück von René Pollesch. Nach ihrer Trennung fühlen sich einander näher, viel näher als damals mit all dem Sex, den Berührungen, dem ständigen Zusammensein. Der Regisseur und Autor René Pollesch hat den Begriff des Fantasmas bei dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben geborgt, um seinem Diskurstheater für sechs Darsteller eine kapitalismuskritische Kampfmetapher zur Seite zu stellen. In einem virtuosen wie amüsanten Genre-Mix aus Komödie, Krimi, Kinotrash und Philosophen-Sextett ahnen die eloquenten Protagonisten, dass sie ihr wahres Leben längst nicht mehr leben, sondern nur noch leben lassen. Die Sehnsucht nach dem Fantasma erwacht.
(Nachtkritik über Mülheimer Theatertage „Stücke ‚09“)
Stimmen zum Stück:
„Sowohl in den Natur- wie Geisteswissenschaften wird ja in den letzten Jahren vermehrt diskutiert, ob zeitgenössische realistische Weltwahrnehmung wirklich primär aus Logik und rationaler Nachvollziehbarkeit schöpfen sollte, oder ob die Fähigkeit, unorthodox, assoziativ und widersprüchlich zu denken, Probleme also auch von Perspektiven zu betrachten, die alles andere als naheliegen, die Phänomene von Natur und Zivilisation nicht besser beschreibt.
In „Fantasma“, das Pollesch im Akademietheater inszeniert hat, spinnt er diesen Ansatz aus zu der Frage, ob das, was wir Wirklichkeit nennen, in der Vorstellung nicht viel echter ist als in der Präsenz von sogenannten Tatsachen und Erlebnissen. In der ihm so typischen Verknüpfung von Welt- und Privatproblemen, intellektuellen Diskursen und Versatzstücken der Unterhaltungswelt wird in enervierender Komik die Frage wiederholt, warum Klarheit und Vernunft in der Praxis immer wieder so schauerlich versagen – und zwar sowohl in der Ökonomie wie in der Liebe.(…) Natürlich werden die philosophischen Inspirationen von Boris Groys, Slavoj Zizek und Giorgio Agamben, die dem Stück zu Grunde liegen (…) nicht akademisch diskutiert, sondern über den Weg der Satire zum Klingen gebracht. (…) Und das gelingt Pollesch in dieser bizarren Kombination aus Krimi, Stummfilm, Seminar, Klamotte und Melodram, die er mit queren Gedanken betextet, lustig, treffend und galant.“
(Till Briegleb, Mülheimer Theatertage 2009)
Technische Daten:
Uraufführung 6.12.2008, Akademietheater Wien
Regie René Pollesch
Personenzahl variabel
Rechte Rowohlt Theaterverlag
Übersetzungen Theaterbibliothek