Stücke

Ich schau dir in die Augen, gesellschaftlicher Verblendungszusammenhang

René Pollesch entwickelte diesen Theaterabend als Monolog für und zusammen mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs; der Titel ist einer Tagung an der Frankfurter Universität entlehnt, die sich 2001 mit Texten zu „Subjektkonstitution und Ideologieproduktion“ (erschienen im Ventil Verlag) befasste.
Ein theoretischer Kern ist, wie schon in Polleschs Stück „Calvinismus Klein“, das „interpassive Theater“ (nach der Interpassivitätstheorie des Wiener Philosophieprofessors Robert Pfaller) im Gegensatz zum verstaubten „interaktiven Theater“, dem Fabian Hinrichs durch seine virtuose Darbietung Gestalt verleiht und damit konterkariert und parodiert.
Gleichzeitig lässt sich Pollesch mit dem Schauspieler Hinrichs auf ein für ihn ungewohntes und neues Erleben von Theater ein, das statt der bei ihm üblichen Überforderung des Zuschauers durch die Schnelligkeit der Sprechweise und den im Schlagabtausch und Slapstick der Schauspieler stattfindenden Diskurs Raum zum Innehalten und Nachdenken bietet. 

Stimmen zum Stück:

„Diese Mischung aus "Casablanca"-Romantik und Adorno, bei gleichzeitiger Unerschrockenheit der Kampfansage an unsere bequeme Welt der Täuschungen! (…)
Der Verblendungszusammenhang war ja schon immer das, woran der Autorregisseur mit Vorliebe zuppelte, in das er Löcher piekste und was er seinem Publikum schwungvoll vor den Augen wegzog. Der Verblendungszusammenhang, dem es hier zu begegnen gilt, besteht nach Pollesch einmal mehr darin, dass wir an Konstrukten wie "Sinn", "Seele", "Liebe", "Ursprung" festzuhalten gewillt sind, auch wenn uns die poststrukturalistische Theorie seit Jahrzehnten Anderes vorphilosophiert.“
(Anne Peter, in Nachtkritik, 13.01.2010)


„Ein echter Pollesch-Titel – aber ein anderer Pollesch-Ton und Gestus. Leise, nachdenklich, suchend und tastend, die Sprechmaschinen, die Boulevardterroristen haben Sendepause. (…)

Theater als Phantomschmerz. Aber die Show geht weiter, als „interpassive“ Veranstaltung. Ein typischer Pollesch-Ansatz. Es gibt nichts mehr zu sagen und zu spielen, die Personen suchen auch keinen Autor mehr, selbst mit den sonst so ausgiebig ventilierten ökonomischen Wirtschafts- und Entfremdungsszenarien hält sich der Stückeschreiber und Regisseur diesmal zurück. (…)
Pollesch beschreibt diesen Phantomschmerz so genau, er begibt sich hier in ein so fein gewebtes Zwiegespräch mit seinem Patienten, dem Schauspieler, dass das Theater durch die Hintertür wieder hervorschaut. Die Analyse ist jedenfalls unterhaltsam: Phantomschmerz, Phantomscherz.
(Rüdiger Schaper, in Der Tagesspiegel, 15.01.2010)

Technische Daten:

Uraufführung 13.01.2010, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Berlin
Regie René Pollesch
Personenzahl -
Rechte Rowohlt Theaterverlag