Neue deutsche Dramatik

Und dann

Wolfram Hölls Erinnerungsspur „Und dann“ führt in den Kopf eines vielleicht sechs-bis achtjährigen Kindes, das Mitte der Neunziger in irgendeiner Plattenbausiedlung ohne Mutter mit einem überforderten alleinerziehenden und vermutlich arbeitslosen Vater samt seinen Geschwistern gelebt haben muss. Solche Lebensrahmen-Details muss man sich im Text allerdings erst mühsam zusammensuchen oder erschließen, denn „Und dann“ kennt nur eine Perspektive: die eines Jungen, der sich seine fremde, neu/alte Umgebung erklären will und die vielen Einzeleindrücke, aus denen sich kein rechtes Sinngebäude ergeben will, mit einem unablässigen „und dann“ aneinander klebt. Eine wackelige, lückenhafte Welt aus eintönigen Tagen, verblassenden Vorwende-Erinnerungsresten, täglichen Routinen und zuweilen rätselhaftem Vaterverhalten wird im Kinderkopf notdürftig zusammengeleimt.
Da gibt es die seltsamen Findlinge vor dem sonst so rechteckigen Plattenbau; den Vater, der tagelang in seinem Zimmer verschwindet und an einem alten Funkgerät oder Filmprojektor bastelt; Ausflüge in die nahe Stadt mit einer großen Straße, auf der früher einmal im Jahr die Panzer fuhren und jetzt die neuen Autos, die schon alte Autos sind.  Dazwischen blitzen Erinnerungen an die Mutter, die unerklärbarerweise nicht mehr da ist, an Schlafengehen- und Aufstehenmüssen. Einzelne Phrasen wiederholen sich und spalten sich auf in verschiedene Tonspuren eines inneren Monologs, in Erzählschübe und -blockaden, in Ungeduld, Langeweile, Staunen und Nachdenken.
(Franz Wille, Programmbuch der Mülheimer Theatertage 2014)

Stimmen zum Stück:

Hölls „Und dann“ ist ein Text über das Erinnern – „Erinnern“ im Sinne einer schwachen Kategorie, nicht als Habhaftwerden des Vermissten, moralische Aktivität, Verschleierung des Verlusts oder melancholisches Verweilen, sondern „Erinnern“ als Spur des Todes im Leben: Das Du ist vom Sein ins Erinnert-Sein übergegangen. Der geliebte Mensch ist nicht mehr, und dann, dann ist der geliebte Mensch nichts anderes mehr als Erinnerung. In dieser Kluft, in diesem Und-dann, operiert Hölls Text. Und er tut dies mit beeindruckender sprachlicher Feinheit, mit Diskretion und wunderbarem Willen zur Form.
(Ewald Palmetshofer in der Jurybegründung der Einladung zum Stückemarkt des Berliner Theatertreffens 2012)


Die Welt, die in diesem Stück spürbar wird, durch die das stetige „Und dann“ seinen Pfad tritt, ist weit und zerfallen, sie ist nicht mehr kausal-linear, sondern zirkulierend und verstrickt. Das Wiederkehren der Sprachmuster, der einzelnen Motive auf eine manchmal fast refrainartige Weise, manchmal nur als flirrende klangliche Assoziation – dieses Wiederkehren schafft einen Text, in dem das Erzählte nicht einfach kausal aus dem bereits Erzählten hervorgeht, sondern in dem die Dinge einerseits vereinzelt stehen, und doch miteinander vernetzt sind auf vielfältigste Weise.
(Wolfram Lotz in der Laudatio zur Verleihung des Mülheimer Dramatikerpreises 2014)

Technische Daten:

Uraufführung 4.10.2013, Schauspiel Leipzig
Regie Claudia Bauer
Personenzahl variabel
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