Neue deutsche Dramatik

Und jetzt: die Welt ! Oder: Es sagt mir nichts das sogenannte Draußen

Sie sind klug, gut ausgebildet und leben in prekären Verhältnissen, weil auch das x-te Praktikum kein Geld bringt. Sie verkaufen selbstgekochte Drogen im Internet, schreiben Mode-Blogs und steigern den Marktwert ihres Körpers im Fitnessstudio, obwohl sie den Markt verachten. Sie kommunizieren per Skype, SMS, Chat oder Telefon, und doch bleibt da ein Gefühl von überwältigender Einsamkeit. Eine junge Frau bilanziert in Sibylle Bergs «Text für eine Person und mehrere Stimmen» ihr bisheriges Leben: früher Mitglied einer brutalen Mädchengang, heute friedlich Yoga, früher unbeholfenes Knutschen mit Jungs im Zeltlager, heute Gender-Fragen und die Projekte «Sex» und «Liebe» mit Männern oder Frauen, früher hochfliegende Ideale, heute Pragmatismus. Sehnsucht ist etwas, das man hauptsächlich aus Filmen kennt, Familie ein Verbund, den man sich selbst zusammenstellt, und immer lauert draußen die Welt, stellt Forderungen und diktiert Bilder, denen man unmöglich genügen kann.

Gnadenlos und zugleich mit großer Zärtlichkeit porträtiert Sibylle Berg vier Frauen Anfang 20, die – schwankend zwischen Aggression und Apathie, Aufbruch und Abgeklärtheit – unsicher sind, wofür sie kämpfen sollen, und bei denen schon das Wort «wir» für berechtigte Skepsis sorgt.
(Rowohlt Theaterverlag)

Stimmen zum Stück:

An vielen Stellen meint man, eher die Autorin als eine fiktive Figur zu vernehmen, eher die sicher pointierende Web-Analytikerin und SPON-Kolumnistin Sibylle Berg als eine "Angry Young Woman" von schätzungsweise Mitte Zwanzig. Wobei, wer wollte beides bemessen: den jugendgleichen Zorn der Dichterin und die Souveränität der frühreifen Jahre? (…)

Voll Skurrilität funkeln die Berg'schen Rachephantasien der Frau! Die Protagonistin, so hört man, hat mit zwei Gefährtinnen eine WG gegründet, "meine selbst zusammengestellte Familie", und sagt locker an, was sie alles auf dem Kerbholz haben (oder vielleicht auch nur gern hätten). Check it out: Nächtliche Prügelattacken auf wehrlose, durchaus auch kleinere Männer, bis das Blut fließt, Drogenhandel im Internet, daneben Marketingstudium. Respect! Das ist der Beat der Gosse remixed mit theoriegesättigter Intellektualität. Und zu all dem muss man jetzt wirklich mal einen Blick auf das Foto werfen: auf die Akteurinnen, die trotz Fat-Suite unter den Kleidern doch eher geistig als boxringmäßig schlagkräftig wirken. Es ist in seiner zelebrierten Widersprüchlichkeit auch ein schreiend komischer Abend.
(Christian Rakow in Nachtkritik, 23.11.2013)


'Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen' (…) ist ein Satz, unbestimmt wie das Lebensgefühl derer, die ihn aussprechen. Was er bedeutet, wissen die vier Frauen womöglich selbst nicht, und genau damit müssen sie jetzt zurechtkommen. Mit diesem angefangenen Dasein. Mit dieser Sehnsucht nach einem 'Liebeskontext'. Mit diesem Warten auf den Sinn, der niemals kommt. Aber keine Sorge, wir sind nicht bei Beckett. Wir sind bei Sibylle Berg (…), die dem Lächerlichen immer noch ein Lächeln abtrotzt. Kann auch mal ein Feixen sein. 'Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen' ist ein wildes Schelmenstück über das Lebensgefühl in der Zentrifuge der Wohlstandsgesellschaft. (…) Der Text liest sich streckenweise wie ein Kolumnenmarathon, mithin übertrieben pointenverliebt, aber er liest sich ausgezeichnet. Fixe Figuren und Dialoge gibt es nicht. Spätestens seit René Pollesch und Elfriede Jelinek nennen Theaterleute so etwas Textfläche. Darauf kann eine Inszenierung wunderbar im Mehrdeutigen surfen, mit hohem Tempo, totaler Spiellust und Intensität.
(Stephan Reuter, Jahrbuch Theater Heute 2014)

Technische Daten:

Uraufführung 23.11.2013 Maxim Gorki Theater, Berlin, in Kooperation mit dem jungen theater basel
Regie Sebastian Nübling
Personenzahl variabel, mindestens 1 Dame
Rechte Rowohlt Theater Verlag
Hamburgerstraße 17
21465 Reinbek bei Hamburg
Tel. +49 40 7272270
Fax +49 40 7272276
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