Neue deutsche Dramatik - Stücke

Käthe Hermann

Die Titelheldin Käthe Hermann, Witwe eines Nazis, die mit ihrer Tochter Irmi und ihrem gelähmten Sohn Martin zusammen lebt, verbarrikadiert sich und ihre Familie in der Wohnung, welche in der Braunkohlesiedlung zum Abriss bereit steht. Sie hat ihre Karriere als Balletttänzerin zugunsten ihrer Kinder geopfert und will nun ihr ungenutztes Talent ausleben. Also hält das Wohnzimmer abends als Bühne her, ihre Kinder sind das Publikum. Käthe widersetzt sich Irmis gelegentlichen Aufbruchsbegehren, steigert sich in einen Wahn der Beharrung und zerstört schleichend die illusorischen Gebilde, die sich jedes Familienmitglied selbst schuf. Irmi wankt zwischen der Hoffnung aus ihrem Schicksal auszubrechen und zwischen der Sehnsucht nach Mann und Kind, welche vielleicht nie existierten; ein Ausweg gelingt ihr erst, als sie sich erhängt. Ihr Bruder Martin wünscht sich zu sein wie der Filmstar aus Viscontis Film "Rocco und seine Brüder" oder ein schwarzes Pferd, wobei er seine sexuellen Triebe nur schwer unter Kontrolle halten kann.
Anne Lepper interessiert sich weniger für den Familienkonflikt, als vielmehr für menschliches Streben nach Glück und dessen Ausuferung im aberwitzigen Kleinfamilienhorror.
Stimmen zum Stück:

„Irmi und Martin müssen die Mutter nicht nur umjubeln, sie sollen genau darin auch ihr eigenes Glück finden. Denn Käthe Hermann, die gute Mutter, will, dass die Familie glücklich ist. Überhaupt: Der Käthe stellt sich niemand in den Weg. Weder die widerborstige Tochter, noch der verkrüppelte Sohn. Und erst recht nicht die Bagger, die das Haus abreißen sollen. Zwangsumsiedlung kommt nicht in Frage. Im Gegenteil, jetzt wird renoviert. ‚Käthe Hermann‘ zeigt, wie die Mitglieder einer Familie llusionen über die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft produzieren, um sich als gesellschaftlich handlungsfähige Individuen und als wertvolle Mitglieder einer Gemeinschaft sehen zu können. Und es zeigt den Wahn, der entsteht, wenn diese Illusionsproduktion durch die gesellschaftlichen Bedingungen bedroht wird.“

(Verlag schaefersphilippen)


 

„Was Anne Lepper in diesem Stück mit großer sprachlicher Raffinesse entwickelt, das ist die schleichende Vermischung von Anspruch und Wirklichkeit, bis daraus ein explosives Substrat wird.
(…)
„Gesellschaftliche Normen und absurde Sehnsüchte werden in ihren subtilen Komödien so sprachlich pointiert wie atmosphärisch dicht karikiert, dass man sofort an große Vorbilder der hohen Satire erinnert ist: an die klaustrophobische Komik von Samuel Beckett und die neurotische Naivität eines Woody Allen, den politischen Sarkasmus eines George Tabori und die komische Verlorenheit in der Welt der Regeln von Charlie Chaplin. Lepper konstruiert als Kind der Sample-Generation ihren Kosmos mehr aus solchem Material als aus den Notizen des Alltags. Aber ihre eigenwillige Komposition und Sprachschöpfung kommt einer hellsichtigen Parodie der Gegenwart trotzdem so viel näher als die meisten normalen Stücke über die normalen Probleme normaler Menschen. In der kunstvollen Verzeichnung der Durchschnittlichkeit gewinnt das Ungeheure unserer Realität monströse Form – und stellt sich komisch bloß.“

(Till Briegleb, Programmbuch der Mülheimer Theatertage 2012)


Technische Daten

Uraufführung 05.01.2012, Theater Bielefeld
Regie Daniela Kranz
Personenzahl 2 Damen, 1 Herr
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