Neue deutsche Dramatik - Stücke

Das kalte Herz. Kein Märchen

Die Zeiten, in denen man sich in Peters Stadt vor dem Holländer-Michel fürchtete, der einem das Herz herausriss, sind vorbei. An das Glasmännchen, das einem Sonntagskind zum Glück verhilft, glaubt erst recht keiner mehr. Glück, das wäre für Peters Freunde höchstens, vom Fernsehen entdeckt zu werden. Seiner Mutter würde es schon reichen, wenn ihr Sohn kein Versager wäre wie sein Vater Michel, der im Keller wohnt und vergessen hat, wer er ist. Und Mutters Lebensgefährte Glasmann hofft bloß, dass Peter endlich auszieht. Aber Peter hat weder Lust, sich mit seinen Freunden bei Schlägereien auszutoben, noch den Weg in die Kleinbürgerlichkeit anzutreten; für die ewigen Ratgeberweisheiten des Glasmanns hat er nichts als Verachtung übrig. Er träumt vom Anderssein und kann doch nichts ändern – bis er Lisbeth begegnet und von ihr lernt, wie man sich ein neues Leben herbei lügt. Plötzlich ist die alte Welt verschwunden, und Peter ist ein Held, gefeiert und bewundert, mit schöner Frau, schöner Wohnung und ohne irgendein Problem. Doch nach und nach regt sich Widerstand in Peters zwangsoptimierter Umgebung, ein Widerstand, dessen er nicht mehr Herr werden kann. Das kalte Herz, eines der düstersten Märchen Wilhelm Hauffs, stellt die Frage nach dem Preis des Glücks ohne Verstand und der Gier ohne Mitmenschlichkeit. Auch in Gerhild Steinbuchs Neuinterpretation sind die Menschen weder klüger noch großherziger geworden. Von den Märchen sind ihnen bloß die Lügen geblieben. Die Sehnsucht wird davon nicht kleiner - aber wie kann dann am Ende alles gut werden?
(Rowohlt Theaterverlag)


Stimmen zum Stück:

„184 Jahre nachdem Wilhelm Hauff die beklemmende Geschichte des Peter Munk ersann, hat die junge österreichische Autorin Gerhild Steinbuch das Märchen noch einmal gelesen, mit ihren Augen, in einer Gegenwart, die immer noch den Wunsch nach dem Wünschen kennt. In ihrer Geschichte vom „kalten Herzen“ sind den Menschen statt Märchen nur Träume geblieben. Die Sehnsucht wird dadurch nicht kleiner - aber was passiert, wenn die Träume noch enger sind als die Wirklichkeit?

Steinbuchs Figuren wird das Geschichtenerzählen zum Versuch, der Gegenwart zu entkommen. Sie suchen in selbst geschaffenen Realitäten einen Weg, gegen die inneren und äußeren Fragen anzuspielen. Peter Munk erfindet sich ständig neu und erträumt den ultimativen Lebensentwurf, in der seine Familie eine strahlende Glücksgemeinschaft ist und er der Mittelpunkt einer Welt aus Kindheitsidyllen...
Gerhild Steinbuchs Schreiben kommt aus den Tiefen einer schroffen, beengenden Atmosphäre, in der die Figuren sich ein neues Leben ersehnen und wie Peter Munk den Ausbruch in die Welt erträumen. Mit ihrer Version des „Kalten Herzen“ lockt sie uns in unbekannte Sphären, losgelöst von alltäglichen Situationen. Sie eröffnet poetische Räume, entsprungen aus der Welt Hauffs – und der Welt heute, in der immer noch ein Glasmännlein lebt.“

(Theater Chemnitz)


Technische Daten

Uraufführung 26.11.2011, Theater Chemnitz
Regie Shirin Khodadadian
Personenzahl 2 Damen, 5 Herren
Rechte Rowohlt Theater Verlag
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